Boko Haram: die schlimmste Terrorgruppe der Welt

Nigeria - Boko Haram: die schlimmste Terrorgruppe der Welt

Mit der Entführung von fast 300 Schülerinnen hat die nigerianische Islamisten-Miliz Boko Haram den Zorn der ganzen Welt auf sich gezogen. Wie kann die Terrororganisation unschädlich gemacht werden?

Wenn man eine möglichst furchterregende Terrororganisation für das 21. Jahrhundert erfinden wollte, müsste sie in etwa so aussehen: getrieben von einem grenzenlos religiösen Fundamentalismus, wie die afghanischen Taliban; bereit, ihre Kämpfer als Selbstmordattentäter zu opfern, wie der „Islamische Staat im Irak“; skrupellos genug, um Kinder als Soldaten zu missbrauchen, wie die ugandische „Lord’s Resistance Army“ des Kriegsverbrechers Joseph Kony; durch Mobilität in der Lage, ganze Landstriche in Angst und Schrecken zu versetzen, wie die Al Kaida im Maghreb; propagandistisch versiert genug, um mit Bekenner-Videos weltweit für Aufsehen zu sorgen, wie Osama bin Laden.

Man muss diese Organisation nicht erfinden. Es gibt sie bereits, und sie vereint die übelsten Methoden militanter Islamisten und schwarzafrikanischer Anarcho-Milizen zu einem dunklen Best-Practice-Modell des Terrorismus. Ihr Name: Boko Haram oder, in der Langform: „Jamaatu Ahlis Sunna Liddaawati Wal-Jihad“ (Menschen, die der Verbreitung der Lehre des Propheten und des Heiligen Krieges verpflichtet sind).

„Versklavt, verkauft und zwangsverheiratet”
Seit Jahren terrorisiert Boko Haram den Nordosten Nigerias, wurde von der Weltöffentlichkeit bisher aber nur als regionales Phänomen wahrgenommen. Am 14. April beging die Organisation jedoch ein Verbrechen, mit dem sie endgültig den Zorn von Menschen und Regierungen in aller Welt auf sich zog: In Chibok, einer Siedlung in der nordostnigerianischen Provinz Borno, entführte sie mehr als 300 Schülerinnen, von denen sich 276 bis Ende vergangener Woche in ihrer Gewalt befanden. Die Mädchen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren haben sich in den Augen der Islamisten schuldig gemacht, zur Schule gegangen zu sein. Sie sollen „versklavt“, für ein paar Dollar „verkauft“ und zwangsverheiratet werden, verkündete Abubakar Shekau in einem Video. Er ist der Chef der in Nigeria beheimateten Organisation, die so ziemlich alles Böse in sich vereint.

#bringbackourgirls
Die Empörung darüber breitet sich – im Kurznachrichtendienst Twitter mit dem Hashtag #bringbackourgirls versehen – rasch von Angelina Jolie über Justin Timberlake bis zu Michelle Obama aus. Jetzt fragt sich die Welt: Wer sind diese Irren, und vor allem: Wie kann man sie unschädlich machen?
Die Triebfeder von Boko Haram ist der islamistische Fundamentalismus. Es wäre aber zu einfach, die Terrorsekte und ihren furchtbaren Erfolg ausschließlich damit zu erklären. Eine ebenso wichtige Rolle wie religiöser Fanatismus spielen auch wirtschaftliche und politische Vernachlässigung der Bevölkerung im Nordosten Nigerias und das brutale Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte gegen die Gruppe.

Die Wurzeln von Boko Haram liegen in der Millionenstadt Maiduguri, dem Verwaltungszentrum des Bundesstaates Borno, einer ärmlichen Region mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, die vom Ölreichtum der südlichen Landeshälfte nicht viel abbekommt.

Lage des Bundesstaates Borno in Nigeria

Nahe dem Bahnhof von Maiduguri standen bis vor wenigen Jahren das Wohnhaus und die Moschee von Mohammed Jusuf. Um das Jahr 2000 hatte der charismatische Kleriker und begüterte Grundbesitzer, begeistert vom Aufstieg der Taliban in Afghanistan, damit begonnen, Gleichgesinnte um sich zu scharen und junge Männer zu rekrutieren.

Spirituelle und materielle Bedürfnisse
Geschickt verband er dabei spirituelle und materielle Bedürfnisse: Er bot seinen Anhängern nicht nur Orientierung durch religiöse Unterweisung, sondern auch billige Nahrungsmittel von seiner Farm. Zudem vergab er Mikrokredite, mit denen sogar die Ärmsten zu etwas Geld kommen konnten. Und er machte sich einen Namen als wortgewaltiger Kritiker der Provinzregierung und der Behörden. Seine Freitagspredigten, in denen er korrupte Beamte und unfähige Politiker anprangerte, zogen tausende Gläubige an. Binnen weniger Jahre wuchs die Zahl der Mitglieder von Boko Haram auf eine halbe Million an. Unterdessen hatte Jusuf auch damit begonnen, Gefolgsleute in Trainingscamps paramilitärisch ausbilden zu lassen.

Der nigerianische Staat wusste sich dagegen nicht anders zu helfen als mit brutaler Gewalt. Im Juli 2009 attackierte die Armee das Zentrum von Boko Haram in Maiduguri und machte es in einer mehr als vier Tage langen Schlacht dem Erdboden gleich. 700 Mitglieder der Sekte wurden dabei getötet, Jusuf selbst festgenommen und ohne Prozess exekutiert. Danach meldeten die Sicherheitskräfte triumphierend die Zerschlagung von Boko Haram. Sie hätten sich nicht schwerer irren können: Das vermeintliche Ende der Sekte erwies sich als Anfang einer neuen, viel gewalttätigeren Phase ihrer Existenz.

„Wir wurden angegriffen”
Einer, der das Massaker überlebt hatte, war Jusufs Mann fürs Grobe: Abubakar Shekau. Getrieben vom Bedürfnis nach Rache, übernahm er nach dem Tod des Sektenführers das Kommando von Boko Haram. „Wir wurden angegriffen und haben uns entschieden, uns zu verteidigen. Und weil wir auf dem richtigen Weg waren, hat Allah uns stärker gemacht. Wir werden gegen jeden zurückschlagen, der uns angreift, selbst wenn er ein Muslim ist“, erklärte er einmal.

Über Shekaus Herkunft ist nur wenig bekannt. Nicht einmal das Geburtsdatum lässt sich genau bestimmen – nach unterschiedlichen Angaben war es 1965, 1969 oder 1975. Als gesichert gilt nur, dass er nahe der Grenze zu Nigerias nördlichem Nachbarland, der Republik Niger, auf die Welt kam.

Shekau führt mindestens vier Alias- sowie einen ehrenvollen Spitznamen: „Darul Tawheed“ (übersetzt so viel wie „Fachmann für die Einzigartigkeit und Einheit Allahs“). Erworben hat er diesen durch theologische Studien am Borno State College of Legal and Islamic Studies.

Als „furchtloser Einzelgänger, komplexe, paradoxe Persönlichkeit – halb Intellektueller, halb Gangster“ wird er in einem Porträt der BBC beschrieben. „Er spricht kaum, hat vor nichts Angst und verfügt über ein fotografisches Gedächtnis“, sagt der Journalist Ahmed Salkida, der ihn persönlich kennt.

Extreme Härte in den eigenen Reihen
Es gibt aber auch Gerüchte, Shekau sei in den 1990er-Jahren aus einer psychiatrischen Klinik entkommen. Genährt werden sie durch einen nervösen Tick, den der Boko-Haram-Chef auf Videoaufnahmen zeigt: Immer wieder zupft er nervös an seiner Kleidung und an seiner Kopfbedeckung. An seiner Intelligenz gibt es allerdings auch kaum Zweifel. Zumindest vier Sprachen, darunter Arabisch, beherrscht Shekau. Um seinen Führungsanspruch zu festigen, soll er eine der vier Witwen von Mohammed Jusuf geheiratet haben und von Anfang an mit extremer Härte in den eigenen Reihen vorgegangen sein. Berichte sprechen davon, er habe Sektenmitglieder, die sich nicht am bewaffneten Kampf beteiligen wollten, vor den Augen ihrer Frauen und Kinder exekutieren lassen.

Dass Shekau keine Gnade mit jenen kennt, die er als Feinde betrachtet, überrascht kaum – ebenso wenig, dass ihm Skrupel bei der Wahl seiner Angriffsziele fremd sind. Mitte 2011 zündeten seine Kämpfer eine Autobombe vor dem UN-Hauptquartier in der nigerianischen Hauptstadt Abuja; zu Weihnachten 2011 schlachteten sie Christen während der Mette in ihren Kirchen ab; Anfang 2012 attackierten sie in einer groß angelegten Aktion Polizeistationen in Kano, der viertgrößten Stadt des Landes.
Mit dieser Schlagzahl ging es bis 2013 weiter: Selbstmordattentate, Bombenanschläge, Entführungen, Überfälle – und blutige Gegenangriffe durch die nigerianischen Sicherheitskräfte.

Um Gesetz und Menschenrechte scherten sich die staatlichen Behörden dabei wenig. Das Verteidigungsbudget wurde für den Kampf gegen Boko Haram verzehnfacht, mehr als 5000 Soldaten in die Unruheprovinzen abkommandiert und der Ausnahmezustand über weite Teile des Landes verhängt. Die Armee setzte nicht nur Panzerfahrzeuge, Drohnen und sogar Militärjets ein, sondern auch bewaffnete Bürgerwehren. Diese Schlägertrupps machten mit Macheten, Knüppeln und Speeren Jagd auf echte oder angebliche Anhänger von Boko Haram und metzelten dabei ganze Familien nieder.

„Die Sicherheitsbehörden haben angeblich exzessiv Gewalt angewandt und andere Menschenrechtsverletzungen begangen, etwa das Niederbrennen von Häusern, körperliche Misshandlungen und unrechtmäßige Tötungen“, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch aus dem Jahr 2012.

Inzwischen haben beide Seiten tausende Todesopfer auf dem Gewissen, rund 250.000 Menschen sind innerhalb von Nigeria auf der Flucht. Im Nordosten des Landes ist das Bildungssystem de facto zusammengebrochen: Nachdem die islamistischen Fundis mehr als 800 Klassenzimmer zerstört hatten, blieben die Schulen monatelang geschlossen. Inzwischen sind sie zwar wieder offen, viele Familien wagen es aber nicht, ihre Kinder hinzuschicken. Die Angst scheint angesichts der jüngsten Entführungen absolut berechtigt zu sein.

Aus den größeren Städten konnte Boko Haram mittlerweile zwar vertrieben werden. Das ist aber auch schon der einzige Erfolg. Bei der Bevölkerung sind Armee und Polizei inzwischen dermaßen verhasst und gefürchtet, dass kaum jemand mit ihnen kooperieren will. Dieses tiefe Misstrauen erschwert nun auch die Suche nach den verschleppten Schulmädchen. Präsident Goodluck Jonathan beklagte sich, dass die Eltern nicht ausreichend mit der Polizei kooperierten und die Identität der Kinder nicht preisgeben wollten.
Die schweren Fehler der Vergangenheit werden den Kampf gegen Boko Haram noch lange behindern. Die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group empfiehlt in ihrem Report „Der Boko-Haram-Aufstand“, der kurz vor der Massenentführung erschien, die Zentralregierung in Abuja solle die rücksichtslosen Methoden von Armee und Polizei unterbinden, denn so dränge sie immer mehr „arbeitslose und frustrierte Jugendliche zu Gewalt und Extremismus“.

Ein Reporter der BBC hat eine Bande solcher jungen Boko-Haram-Mitglieder in Diffa, nahe der nigerianisch-nigerischen Grenze, getroffen. Ihr Kleidungsstil sei „eindeutig von westlicher Konsumhaltung inspiriert und nicht von militantem Islamismus“, schreibt er. Die jungen Männer hätten mit Boko Harams Ideologie wenig am Hut, nach eigenen Aussagen kämpften sie nur wegen des Geldes: „Wir brechen in Häuser ein und stehlen Bargeld: Manchmal verprügeln wir Leute für Geld, wir stehlen ihre Tiere, um etwas zu essen zu haben, und dann treffen wir uns und nehmen Tramol (eine Opiumdroge, Anm.), rauchen Marihuana und trinken Alkohol.“

So klingt kein radikaler Fundamentalist, und es sollte möglich sein, Boko Haram diese Fußsoldaten abspenstig zu machen, wenn die Wirtschaft in der Region vorankommt. Im Nordosten Nigerias bedeutet dies, Ackerland zu gewinnen, die Stromversorgung herzustellen, Straßen zu bauen und Kleinstunternehmen zu fördern.

Die International Crisis Group verlangt auch, dass die Regierung einer berechtigten Forderung der Terrororganisation nachkommt: die Straflosigkeit bei Übergriffen staatlicher Sicherheitsorgane zu beenden. Darüber hinaus braucht Nigeria eine umfassende Anti-Terror-Strategie. Polizei, Armee und Geheimdienste müssen zusammenarbeiten und frei von Korruption sein – was in Nigeria bisher kaum der Fall war.

Jetzt verspricht der Westen Hilfe: Amerika schickt 200 Militärberater und Polizeiermittler, die von der Hauptstadt Abuja aus bei der Jagd nach Shekau und seinen Spießgesellen assistieren sollen. Es ist der verzweifelte und wenig aussichtsreiche Versuch, die verschleppten Schulmädchen wiederzufinden, ehe sie endgültig einzeln in den Fängen ihrer Käufer gelandet und in alle Richtungen verstreut sind.

Auch Frankreich will mit der Stationierung von 3000 Mann in den umliegenden Ländern den Druck auf die Terroristen erhöhen. Doch Nigeria und seine westlichen Partner werden im Kampf gegen Boko Haram nur eine Chance haben, wenn sie den Extremisten auf allen Ebenen das Wasser abgraben. Militärisches Vorgehen allein kann den Terror von Organisationen, die bei aller Ablehnung doch in Teilen der Bevölkerung verankert sind, nicht besiegen: Das haben die Kriege in Afghanistan, im Irak und anderswo deutlich gezeigt.

Ein wenig zynisch könnte man sagen, Nigeria sollte bei der Anti-Terror-Strategie agieren wie Boko Haram in der Wahl seiner Terror-Methoden: Best-Practice-Modelle aus anderen Weltgegenden kopieren.

Steckbrief einer Terrorgruppe
Gründungsjahr: um das Jahr 2000
Gründer: Mohammed Jusuf (1970–2009)
Gründungsort: Maiduguri, Bundesstaat Borno, Nigeria
Derzeitiger Führer: Abubakar Shekau (* 1965, 1969 oder 1975)
Ausrichtung: radikal-islamistisch
Operationsgebiet: Nordnigeria
Besondere Merkmale: übernimmt die erfolgreichsten Methoden anderer Terror-, Widerstands- und Rebellengruppen (Taliban, Islamischer Staat im Irak, Lord‘s Resistance Army, Al Kaida im Maghreb)