Nordkorea: Zwischen „Milchbubi-Diktatur“ und „Disney-Arrangement“

Nordkorea: Zwischen „Milchbubi-Diktatur“ und „Disney-Arrangement“

Nachrichten aus Nordkorea sind Garant für herzhaftes Lachen oder verstörtes Kopfschütteln: Skurrile Meldungen gehen um die Welt, werden in den sozialen Medien reflexartig geteilt und stellen sich oft als haltlose Gerüchte heraus. Korea-Beauftragter Norbert Eschborn erläutert im Interview mit profil online , warum wir gerne über das diktatorische Regime lachen und Medienethik dabei nicht so ernst nehmen.

Interview: Sara Hassan

profil online: Die jüngste Meldung um Nordkorea wurde über Nacht zum YouTube-Hit: Das abgeschottete Land verkünde angeblich, den Fußball-Weltmeistertitel gewonnen zu haben. Die Nachricht wird so dargestellt, als würde sie vom offiziellen Staatfernsehen übertragen worden sein. Warum werden so viele Falschmeldungen über Norkdorea kolportiert, die das Land derart lächerlich erscheinen lassen?
Norbert Eschborn: Die meisten dieser Phantasiestories kommen in Onlinenews vor. Gerade da gibt es einen großen Hang, die Dinge auf ein recht profanes Eingängigkeitsniveau herunterzubrechen. Kim Jong-uns Herrschaft als „Milchbubi-Diktatur“ darzustellen, wie es zum Beispiel Teile der deutschen Boulevardpresse noch immer tun, ist eine falsche und fahrlässige Art des Umgangs mit dem Thema: Mag er auch jung sein, er ist bestimmt kein harmloser Diktator. Berichterstattung in diesem Stil führt dazu, dass der Leser die Nordkorea-Realität für ein Disney-Arrangement hält. Das Land eignet sich definitiv nicht für Witze.

profil online: Wie kann man als aufgeklärter Medienkonsument prüfen, ob eine Information aus Nordkorea stimmt oder nicht?
Eschborn: Nordkorea-Experten gibt es nicht wie Sand am Meer. Informationen entrichtet es aber genug: Zum Beispiel auf dem bekannten Blog 38north.org und Blogs im deutschsprachigen Raum. Diverse US-amerikanische Think Tanks beobachten die Vorgänge in Nordkorea, unter anderem auch die Entwicklung der Straflager anhand von Satellitenbildern. Ich verstehe nicht, warum man sich bei diesem Thema nicht das Quäntchen Zeit nimmt und gründlich recherchiert.

profil online: Warum lachen wir so gerne über das Land? Die Lust daran hat ja fast schon popkulturelle Ausmaße angenommen. Ist der satirische Zugang der zeitgemäße, westliche Umgang mit totalitären Regimen?
Eschborn: Satire könnte eine Möglichkeit sein, mit solchen Regimen umzugehen. Schlicht, weil sie sich des aufgeklärten, analytischen Geists der westlichen Welt entziehen. Das Land ist schon für Experten schwer zu verstehen und verwehrt sich der analytischen Durchdringung zunehmend.

profil online: Gibt es noch andere Länder, die ähnlich Ziel unseres Gespötts werden?
Eschborn: Eine Parallele dazu wären die Verhältnisse im zentralasiatischen Land Turkmenistan bis zum Tod des damaligen Herrschers im Jahr 2006. Er nannte sich Turkmenbaschi, „Führer der Turkmenen“, und wurde ebenso absurd betrachtet wie Kim Jong-un. Dass er zum Beispiel einen absurden Personenkult um sich betrieb, wurde im Westen auch verhöhnt. Das Fatale an dieser Situation: Für die Menschen vor Ort ist das Surreale bitterste Realität, in diesem Fall die sich dahinter vollziehenden, schweren Menschenrechtsverletzungen dieses Regimes.

profil online: Diverse Blogs beschäftigen sich mit Faktenchecks über Nordkorea und der Einordnung nach Wahr oder Falsch. Das gestaltet sich allerdings häufig als recht schwierig, schließlich stimmen manche skurrile Nachrichten dann eben doch. Es gibt zum Beispiel Empfehlungen für Frisuren, Zwangsfrisuren aber nicht.
Eschborn: Im Grunde muss man mit gesundem Menschenverstand abwägen und sich bewusst sein, dass es bei jedem Vorgang zu Nordkorea immer zwei verschiedene Deutungen gibt: Alles kann, muss aber nicht stimmen. Ich kann auch nachvollziehen, dass Journalisten im Alltagsgeschäft nicht genug Zeit haben, die Logik des Systems jedes Mal zu prüfen. Eine Meldung über eine Zwangsfrisur scheint dann einfach zu verlockend. Das wäre ja absolut vorstellbar. Man weiß ja zum Beispiel, dass Funktionäre des Regimes in Stadien öffentlich hingerichtet wurden – dann ist es nur noch ein kleiner Schritt sich vorzustellen, dass Kim Jong-uns Onkel von Hunden zerfleischt wurde. Eines ist sicher: Die nächste Horrormeldung kommt bestimmt.

profil online: Wie berichten südkoreanische Medien über das Geschehen in Nordkorea? Arbeitet man dort mit Kalkül, um das Regime im Norden zu diskreditieren?
Eschborn: Südkoreanische Medien monitoren, was in Nordkorea vor sich geht. Soweit es die englischsprachigen unter ihnen betrifft, halten sie sich in der Regel an das, was man belegen kann. Natürlich wird aber auch spekuliert: Was ist eigentlich mit Kim Jong-uns Lebensgefährtin passiert, als sie schon länger nicht mehr in der Öffentlichkeit gesichtet wurde? Außerdem trug sie zuletzt bei öffentlichen Auftritten den offiziellen Parteistecker nicht, auf dem Kim Il-sung und Kim Jong-il prangen. Ist sie in Ungnade gefallen? Lebt sie noch? Oder; Wer zieht dort eigentlich die Fäden? Fakt bleibt: Nordkorea wird in Südkorea als Bedrohung dargestellt.

profil online: Wie schätzen Sie den Hollywood-Film „The Interview“ ein, der im Herbst startet und sich über das Land lustig macht? Dort wird Nordkorea als "weltweit gefährlichstes Land" persifliert.
Eschborn: Ohne ihn zu kennen, würde ich behaupten, dass die Zustände stark überzeichnet werden. Das rationale Element, das es durchaus gibt, wird nicht angemessen dargestellt. Auch dieser Film wird nichts dazu beitragen, Wissenslücken zu schließen. Ich bin ja immer schon glücklich, wenn die Namen richtig geschrieben und ausgesprochen werden.

Dr. Norbert Eschborn, 51, ist Leiter des Auslandsbüros Korea der Konrad Adenauer Stiftung in Seoul, Südkorea.