Szenario Gefängnis

Pistorius-Prozess: Wie würde das Leben des Sportstars hinter Gittern aussehen?

Pistorius-Prozess. Wie würde der Alltag des Sportstars hinter Gittern aussehen?

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Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der 27-jährige Sportstar seine Strafe in einem Gefängnis in oder nahe der Hauptstadt Pretoria absitzen, wo er lebt, sagte der Kapstädter Strafrechtler Lovell Fernandez.

"Auf jeden Fall eigene Zelle"
Der Strafrechtler hält Privilegien wie besseres Essen oder Sportmöglichkeiten für möglich. "Pistorius könnte in einem Krankenhaustrakt des Gefängnisses untergebracht werden, der deutlich bequemer ist als die normalen Trakte", meinte der Kapstädter Strafverteidiger Keith Gess. Auch Golden Miles Bhudu von der südafrikanischen Gefangenenorganisation für Menschenrechte zeigte sich sicher, dass eine wohlhabende Persönlichkeit wie Pistorius eine Vorzugsbehandlung bekäme. "Er wird auf jeden Fall eine eigene Zelle bekommen, separat von den anderen Gefangenen." Seine Berühmtheit sowie seine Behinderung würden eine Einzelzelle rechtfertigen, meinte Bhudu.

"Es werden die ganze Zeit Gefangene vergewaltigt"
Tatsächlich friste die große Mehrheit der 160.000 südafrikanischen Häftlinge ein Dasein unter erbärmlichen Umständen, betonte der Aktivist. Man finde durchaus bis zu 100 Gefangene in einer Zelle, die eigentlich nur für 40 ausgelegt sei. "Es werden die ganze Zeit Gefangene vergewaltigt. Die Aufseher werden bestochen, damit sie wegschauen und behaupten, es habe sich um einvernehmlichen Sex gehandelt", berichtete Bhudu. "Einflussreiche Leute haben bessere Haftbedingungen", meinte der Aktivist.

Brathendeln, Whisky und Partys?
Anwalt Gess sagte: "Wenn man Geld hat, ist das Leben im Gefängnis deutlich einfacher. Gefangene sind dann in der Lage, einen Fernseher zu bekommen, Brathendeln, Whisky und einige hatten auch schon Partys."

Die Justizvollzugsbehörden wollten sich vor dem Urteil nicht zu möglichen Haftbedingungen des Angeklagten äußern. Allerdings hat der Pistorius-Prozess als solcher bereits ein Schlaglicht auf die Privilegien der Reichen geworfen, fand Strafrechtsprofessor Stephen Tuson. Nicht nur, dass der Sportstar in der Lage war, eine Kaution von umgerechnet gut 70.000 Euro zu bezahlen und sich die besten Anwälte zu leisten. Der Prozess habe der Welt auch ein gut funktionierendes Rechtssystem gezeigt, das keineswegs der Realität in südafrikanischen Gerichten entspreche.

Nach dem milden Urteil sind viele Südafrikaner jedenfalls verärgert, seine Familie ist hingegen erleichtert. Einige Zitate:

"Das hat eine große Last von unseren Schultern genommen. Das wird Reeva nicht zurückbringen, aber unsere Gedanken sind bei ihrer Familie und ihren Freunden."

(Arnold Pistorius, der Onkel von Oscar Pistorius)

"Es handelt sich um ein umstrittenes Urteil, das in der Bevölkerung für Wut gesorgt hat. Selbst Juristen finden die Entscheidung seltsam. Es scheint überraschend, dass die Richterin dazu bereit war, Oscars Version vom Tathergang zu glauben, obwohl sie ihn zuvor als schlechten Zeugen kritisiert hatte."

(Lovell Fernandez, Professor für Strafrecht in Kapstadt)

"Viele Menschen hatten mit einem härteren Urteil gerechnet, und sie sind aufgebracht und wütend. Wenn jemand vier Mal durch eine Tür schießt, wie kann er dann sagen, er konnte nicht vorhersehen, dass er dabei jemanden töten könnte?"

(Keith Gess, südafrikanischer Strafrechtler)

"Das Verfahren ist noch nicht beendet, wir warten noch auf das Strafmaß. Erst danach können wir unsere Möglichkeiten abwägen und schauen, ob es weitere Schritte geben kann."

(Nathi Mncube, Sprecher der Staatsanwaltschaft)

"Das Urteil zeigt eins ganz deutlich: Wenn jemand in diesem Land Geld hat, dann steht er über dem Gesetz. Wenn Oscar so arm wäre wie alle anderen, dann wäre er des Mordes für schuldig befunden worden."

(Jason Fernandes, Bürger aus Johannesburg)

"Missbrauch an Frauen ist ein großes Problem in Südafrika. Jetzt können Männer ihre Freundinnen erschießen und erklären, sie hätten gedacht, es sei ein Einbrecher im Haus - und schon werden sie vom Vorwurf des Mordes freigesprochen."

(Tandi Botha, Bürgerin vor dem Gericht in Pretoria)

"Viele Menschen in Südafrika haben Angst, aber sie schießen nicht mit einer Waffe, wenn sie einen Einbrecher vermuten. Letztlich weiß aber nur er, was in jener Nacht passiert ist, und er muss damit leben."

(APA/Red.)