Pussy Riot: "Die Zeit der Punkgebete ist vorbei"

Pussy Riot: "Die Zeit der Punkgebete ist vorbei"

Die russische Feministin Masha Alyokhina von Pussy Riot über den Krieg in der Ukraine und neue Formen des Protests.

Tessa Szyszkowitz, London

profil: Ihr tragt jetzt nicht die bunten Sturmhauben, die euer Markenzeichen geworden sind. Dafür sind eure Haare grellbunt gefärbt. Seid ihr überhaupt noch Pussy Riot?
Masha Alyokhina: Wir sind Pussy Riot, wenn wir mit Sturmhauben auftreten. Wenn wir bei einer Veranstaltung wie hier in London sprechen, dann tun wir das in unserem Namen, Masha Alyokhina und Nadia Tolokonnikova. Unsere bisher letzte Aktion als Pussy Riot haben wir vergangenes Jahr während der Olympischen Spiele in Sotschi durchgeführt. Bald darauf annektierte Wladimir Putin die Krim und schickte Truppen in die Ostukraine. Es ist schrecklich, was dort passiert. Menschen sterben. Der Krieg in der Ukraine ist so falsch. Wir fanden, dass unsere lustigen Lieder nicht mehr die richtige Reaktion auf die Ereignisse sind. Die Zeit der Punk-Gebete ist vorbei, wir brauchen eine neue Art des Protests.

profil: Bisher sieht es aber nicht danach aus, als würde die Opposition auf die Straße gehen. Putin hat extrem hohe Popularitätswerte.
Alyokhina: Ich erwarte keine Revolution in den nächsten Monaten. Doch die Frage ist nicht so sehr, ob wir auf die Straßen gehen oder nicht. Alles hängt davon ab, ob die Menschen endlich zuhören wollen. Einen politischen Wandel wird es erst geben, wenn die Russen ihre Ohrenschützer ablegen und hören können, was in ihrem Land wirklich los ist. Solange sie nicht den Mut haben zuzuhören, so lange wird Putin an der Macht bleiben. Aber wir werden tun, was wir können, damit die Leute merken, was los ist.

profil: Pussy Riot waren extrem unbeliebt bei der russischen Bevölkerung, die meisten hielten die Aktionen für blasphemisch und "unweiblich“. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis vor einem Jahr haben Sie die Gefangenen-Vertretung "Zona Prava“ gegründet, die von der Regierung nicht als NGO anerkannt wird. Kommt das in der Öffentlichkeit besser an als der Kampf gegen Kirche, Korruption und Präsident?
Alyokhina: Wenn wir Freiwillige brauchen, melden sich die Leute haufenweise. Für uns ist diese Arbeit spannend. Wir haben noch nie eine Organisation geleitet. Und wir halten es für wichtig, hier und heute Bürgerrechte einzufordern. Der Anwalt, Aktivist und Blogger Alexej Navalny tut dies mit seiner Plattform gegen Korruption. Die Umweltschützerin Evgenia Chirikova kämpft für grüne Themen. Wir streiten für die Rechte der Gefangenen. Wir müssen in Russland bleiben und für unsere Überzeugungen eintreten. Denn Russland ist auch UNSERE Heimat, Herr Präsident! Und wir werden dafür kämpfen, dass es unser Land bleibt.

Pussy Riot , das sind Masha Alyokhina, 26, (links) und Nadia Tolokonnikova, 25. Nach einem provokanten Auftritt in einer Moskauer Kathedrale im Februar 2012 - sie sangen für knapp eine Minute ein Punk-Gebet - landeten die anarchistischen Künstlerinnen knapp zwei Jahre im Gefängnis. Die anderen Gruppenmitglieder wurden frühzeitig entlassen oder konnten sich verstecken. Seit November 2013 sind Alyokhina und Tolokonnikova wieder frei. Heute leiten sie "Zona Prava“ ("Zone des Rechts“), eine Art NGO für die Rechte von Häftlingen in Russland. Pussy Riot gehören zu den wichtigsten Stimmen der russischen Opposition. Vergangene Woche traf profil sie im britischen Parlament in London.