Ausland

Rishi Sunak: „Ein Geschenk zu Diwali“

Wie der neue britische Premier am indischen Subkontinent gefeiert wird

Drucken

Schriftgröße

1,6 Millionen Öllämpchen – das reichte für einen neuen Weltrekord in der indischen Stadt Ayodhya zum heurigen Diwali. Das Lichterfest ist einer der wichtigsten Feiertage im Hinduismus. Gefeiert wird der Sieg des Guten über das Böse. Aber heuer wird noch etwas anderes gefeiert - zumindest laut indischer Spitzenpolitik: Rishi Sunak, der Sohn indischer Einwanderer, wird neuer Premierminister der einstigen Kolonialmacht Großbritannien. 

Nach seinem gelungenen zweiten Anlauf an die Spitze erwirbt Rishi Sunak den - wenig begehrten - Titel des zweiten ungewählten britischen Premierministers in Folge, der sein Amt im Jahr 2022 antritt. Aber die Freude trübt, zumindest in Großbritannien. Die „Erfolgsstory“, wie manche indischen Zeitungen titeln, hat zwei Haken. Sunak stammt aus einer der reichsten Familien des Vereinigten Königreichs, wofür er sich Kritik der Labour Partei und vieler Wählerinnen und Wähler gefallen lassen muss. Und er ist der dritte Premierminister innerhalb einer Legislaturperiode.

Sunaks Familie stammt aus dem indischen Bundesstaat Punjab. Für viele Inderinnen und Inder übernimmt er deshalb jedoch auch den angeseheneren Titel des ersten britisch-asiatischen Regierungschefs Großbritanniens.

Rishi Sunak wurde am Dienstag als neuer Premierminister von König Charles III. angelobt. 

Und dafür wird Sunak gefeiert, nicht nur von vielen Tories, sondern vor allem in Indien. So twittert der Abgeordnete des indischen Nationalkongresses Palaniappan Chidambaram: „Zuerst Kamala Harris, jetzt Rishi Sunak. Die Menschen in den USA und Großbritannien haben Bürger aus Minderheiten ihrer Länder angenommen und sie in hohe Regierungsämter gewählt. Ich glaube, Indien kann davon eine Lektion lernen.“ 

Der ehemalige Staatsminister im indischen Außenministerium, Shashi Tharoor, geht sogar noch weiter und meinte kurz vor der Verkündung des Aufstiegs Sunaks, „dass die Briten etwas getan haben, das Seltenheitswert in der Welt hat. Nämlich den Anhänger einer sichtbaren Minderheit in das mächtigste Amt zu heben.“

Indien feiert heuer auch seine 75-jährige Unabhängigkeit vom British Empire. „Wer hätte gedacht, dass sich das Blatt nach 75 Jahren wendet und ein Inder britischer Premier wird“, twittert Prti Ghandi, die Sprecherin der Indischen Volkspartei.

Ein Traum – für manche

Die persönliche Familiengeschichte der Sunaks könnte als Beweis für den britischen Traum gelesen werden: die Idee, dass Großbritannien ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei. Wenn man hart arbeite und Entschlossenheit zeige, könne man es bis ganz nach oben schaffen, egal woher man kommt. 

Sunaks Familie wanderte in den 1960er Jahren nach Großbritannien aus. Seine Eltern haben beide in Großbritannien studiert – sein Vater Medizin an der University of Liverpool, seine Mutter Pharmazie in Aston. Der frischgebackene Premier hat kürzlich über die Opfer gesprochen, die seine Eltern gebracht haben, um ihm „Möglichkeiten zu geben, von denen sie nur träumen konnten. Aber es war Großbritannien, unser Land, das ihnen und Millionen wie ihnen die Chance auf eine bessere Zukunft gab.“

Natürlich können sich nicht alle Einwanderer für ihre Kinder die beste Bildung leisten, die man für Geld kaufen kann – ganz gleich, wie stark ihre Arbeitsmoral ist. Privat erzogen in Winchester, einem der ältesten und teuersten öffentlichen Internate Englands, wuchs Sunak zweifellos privilegiert auf. Er folgte dem ausgetretenen Pfad vieler Mitglieder der britischen politischen Elite und studierte Politik, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Oxford. Nach seinem Abschluss arbeitet er als Investmentbanker und ergatterte einen Job bei Goldman Sachs, bevor er an die US-Eliteuni Standford ging.

Viele Inderinnen und Inder feiern Rishi Sunaks Angelobung zum britischen Premierminister. 

Rishi Sunak heiratete in Reichtum. Seine Frau, Akshata Murhty, ist die Tochter des indischen IT-Tycoons und Milliardärs Narayana Murthy. Die Anteile an der Firma ihres Vaters machen sie zu einer der reichsten Frauen Großbritanniens. Das Paar verfügt über ein gemeinsames Vermögen von 730 Millionen Pfund (übrigens zwei Drittel des geschätzten Vermögens von König Charles III.) Sunak kann damit einen weiteren Titel einheimsen: Er ist nicht nur der erste britische Premierminister indischer Herkunft, sondern auch der reichste Mann, der jemals im Unterhaus saß.

Und das kommt in weiten Teilen der britischen Bevölkerung nicht besonders gut an. Für viele gilt er als reicher Schnösel, der kein Verständnis für die Sorgen der von rasant steigenden Lebenshaltungskosten getroffenen gewöhnlichen Britinnen und Briten habe.

Rishi Sunak beim Einzug in 10 Downing Street. 

Viele Baustellen für Rishi Sunak

Auf den jüngsten Premierminister seit mehr als 200 Jahren warten gewaltige Aufgaben. „Sunak erbt eine alptraumhafte Suppe politischer und wirtschaftlicher Düsternis: eine gespaltene Partei, seit zwölf Jahren an der Regierung, offenbar süchtig nach internen Streitereien, düstere öffentliche Finanzen, steigende Preise und einen Krieg in Europa", kommentierte die BBC.

Seine größte Herausforderung dürfte nun darin bestehen, die Reihen in seiner zuletzt tief gespaltenen Partei wieder zu schließen. Spannend wird außerdem sein, ob Sunak im Streit mit der EU um Brexit-Sonderregeln für Nordirland weiter auf Eskalation setzen wird.

In Indien will man davon zum heurigen Diwali aber vorerst wenig wissen. Zwei Siege küren seit Montag die Titelseiten der Tageszeitungen am Subkontinent: Der Sieg des indischen Cricket-Nationalteams gegen Pakistan - und Sunaks Einzug in die Downing Street Number 10.

 

Maximilian Mayerhofer

Maximilian Mayerhofer

war bis Mai 2023 Online-Redakteur bei profil. Davor war er beim TV-Sender PULS 4 tätig.