Rom: Die heruntergekommenste Hauptstadt Europas

Rom: Die heruntergekommenste Hauptstadt Europas

Der Bürgermeister: musste unter Korruptionsverdacht zurücktreten. Die Mafia: feiert sich in aller Öffentlichkeit dreist selbst. Die historischen Stätten: bröckeln und verfallen. Italiens Hauptstadt ist so verkommen, dass viele Bürger als neues Oberhaupt am liebsten gleich den Papst hätten.

Eigentlich ist er ja kein Römer. Eigentlich hat er ganz andere Sorgen. Und eigentlich trägt er gar keine Verantwortung dafür, was in der italienischen Hauptstadt schiefläuft. Dennoch sah sich Papst Franziskus vergangene Woche zu einer Entschuldigung veranlasst.

„Im Namen der Kirche bitte ich um Verzeihung für die Skandale, die sich in letzter Zeit in Rom und im Vatikan ereignet haben“, sagte der Pontifex bei seiner Generalaudienz am Mittwoch. Er spielte damit einerseits auf seine eigenen kircheninternen Probleme an – andererseits aber sehr deutlich auch auf jene, von denen die Stadt gebeutelt wird, die den Vatikanstaat umschließt.

Fremdschämen vom Stellvertreter Christi auf Erden: Das deutet darauf hin, dass einiges im Argen liegen muss. Und tatsächlich braucht man nicht lange zu suchen, um Belege für den Niedergang Roms zu finden – wirtschaftlich, sozial und auch moralisch.

Die Stadt

Was für ein Elend! In der Antike stand hier das Staatsarchiv des Römischen Reiches; im Mittelalter errichtete die Adelsfamilie der Corsi auf dessen Ruinen ihre Festung; in der Renaissance entstand daraus nach Plänen von Michelangelo der prächtige Palazzo Senatorio, der seit Ende des 19. Jahrhunderts als Rathaus genutzt wird.

Seit ein paar Tagen wühlen sich hier Beamte der Finanzpolizei durch Schreibtischschubladen und Aktenschränke. Der Hausherr, Bürgermeister Ignazio Marino, musste am vorvergangenen Montag zurücktreten.

Als Marino, von Beruf Chirurg, im Juni 2013 sein Amt antrat, versprach er ein „ganz neues Rom, in dem Träume wahr werden“. Der neue Bürgermeister galt als Gegenteil seines Vorgängers Gianni Alemanno, eines ehemaligen Neofaschisten, der in allerlei Durchstechereien verwickelt war. Marino hingegen, Quereinsteiger der Demokratischen Partei von Matteo Renzi, präsentierte sich nicht nur als Linksliberaler, sondern auch als Saubermann.

Jetzt steht er selbst unter Korruptionsverdacht. Der Bürgermeister soll seine dienstliche Kreditkarte missbraucht haben, um Familie und Freunde einzuladen. Insgesamt 20.000 Euro aus dem Stadtbudget gingen dabei für Leckereien und Weinbegleitung drauf.

Viel Geld für Speis und Trank – und dennoch eine Summe, die vergleichsweise lächerlich erscheint, wenn man weiß, dass Vorgänger Alemanno aus der Stadtkasse zweistellige Millionenbeträge abzweigte: noch dazu zugunsten lokaler Neofaschisten und Mafiosi.

Marino stolpert jetzt darüber, dass er die Ermittlungsbehörden damals mit großzügigen Ressourcen und Befugnissen versorgte, um Alemannos Umtriebe aufzuklären. Als sie mit dem alten Stadtchef fertig waren, wandten sie sich dem amtierenden zu und fanden unter anderem heraus, dass dieser schon während seiner Zeit als Chirurg im amerikanischen Pittsburgh falsche Rechnungen gelegt hatte und deswegen entlassen worden war.

Der kleine Fall Marino verweist auf den viel größeren Fall Rom. „Er hatte einfach nicht das politische Format, um diesen Stall auszumisten“, so Walter Veltroni, Linkspolitiker und ebenfalls Ex-Bürgermeister der Stadt.

„Egal wo Sie in Rom den Teppich hochheben – überall finden sie Schmutz“, ergänzt Beppe Grillo, ehemaliger Komiker und Gründer der 5-Sterne-Bewegung.

„Grillo neigt in der Regel stark zur Übertreibung“, meint der Kommunist Fausto Bertinotti: „Aber damit hat er völlig recht. Was Chaos, Müll, Mafia und Korruption betrifft, stellt Rom verrufene Städte wie Palermo mit seiner Cosa Nostra und Neapel mit der Camorra längst in den Schatten.“

Der Müll

Wenn der Wind weht, ist es, als erwache die Malagrotta zum Leben: Dann steigen von Europas größter städtischer Mülldeponie, die auf halbem Weg zwischen der Küste und dem Zentrums Roms liegt, Plastikabfälle auf, schweben Richtung City und gehen dort nieder.

Die Malagrotta ist seit Jahren voll, die städtische Müllabfuhr AMA ficht das aber nicht an. Sie lädt dort weiterhin 4500 Tonnen Mist pro Tag ab. Dafür, dass er auch sicher deponiert wird, fühlt sie sich nicht zuständig.

Wenn die Müllautos in der Malagrotta ankommen, haben sie eine holprige Fahrt auf Straßen hinter sich, die in einem so schlechten Zustand sind, dass sie bereits als Teststrecke der besonderen Art verwendet werden. Ein japanischer Fahrzeughersteller lässt seine Motorräder und Allradwagen in Rom Probefahrten absolvieren, um Reifen und Stoßdämpfer einer Härteprobe zu unterziehen.

Straßen und Bürgersteige werden nur sehr sporadisch repariert. Inzwischen gleicht selbst die zentrale Piazza Venezia einer Rumpelpiste. „Das ist, als würde man über einen Kartoffelacker fahren“, schimpft Busfahrer Antonio Cupido.

Wie lange er noch hinter dem Lenkrad sitzen wird, ist ungewiss. Die städtische Verkehrsgesellschaft ATAC steht mit Schulden von rund 1,4 Milliarden Euro faktisch vor dem Bankrott. Niemand weiß, wie es weitergehen soll. Zunächst einmal werden Buslinien stillgelegt – mit unabsehbaren Folgen für Rom und sein Centro Storico: Durch den historischen Stadtkern quälen sich jetzt schon täglich etwa 1,5 Millionen Pkw. Was, wenn die Pleite des öffentlichen Verkehrs künftig noch mehr Römer auf das Auto umsteigen lässt?

Die von Bürgermeister Marino initiierte Verkehrsberuhigung der zentralen Via dei Fori Imperiali, die Mussolini zwischen Piazza Venezia und Kolosseum als Prachtstraße seines Regimes errichten ließ, ärgert die Römer wegen der unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Der Verkehr, der früher durch diese Straße floss, staut sich nun durch das einst verkehrsarme Viertel. Dort ist man jetzt stinksauer auf Marinos Umleitungsaktion.

Währenddessen verwildern die wenigen innerstädtischen Grünanlagen wie der Parco Aldobrandini im historischen Zentrum, oder sie werden kurzerhand geschlossen. In vielen Stadtteilen greifen seit Kurzem Bürger und Promis wie der Schauspieler Alessandro Gassmann selbst zum Besen und putzen Parks und Gehsteige. „Ohne eine starke Hand aus dem Rathaus geht hier alles den Bach hinunter“, schimpft Gassmann.

Der Tod

Von der starken Hand der Behörden war nicht viel zu spüren, als im September Vittorio Casamonica zu Grabe getragen wurde: Der Boss eines von römischen Sinti dominierten Mafiaclans wurde in San Giovanni Bosco, in der zweitgrößten römischen Kirche nach dem Petersdom, mit Pomp und Trara verabschiedet – eine von sechs Pferden gezogene Kutsche brachte den Sarg, die engsten Angehörigen folgten im Rolls-Royce, Hunderte Mafiosi zu Fuß.

Währenddessen wurden aus einem Hubschrauber die Blütenblätter roter Rosen über die Trauergemeinde verstreut.

Nicht ein einziger Polizist ließ sich sehen, um die protzige Machtdemonstration des organisierten Verbrechens zu unterbinden. Aber vom lockeren Umgang mit dem Gesetzesbruch ist in Rom das gesamte Leben durchwachsen – nicht nur jenes der professionellen Kriminellen, sondern auch der ganz normalen Bürger.

Die Parkerlaubnis für die historische Innenstadt soll eingeschränkt werden? Macht nichts – ein bisschen Schmiergeld, und jeder kann sein Auto weiterhin dort abstellen, wo es eigentlich verboten ist.

Umgekehrt kümmert sich Rom nicht darum, seine Rechnungen zu begleichen. „Die Stadt hat uns seit 2000 nicht für unsere Arbeit bezahlt“, klagt beispielsweise der Tischler Marco Ferraris: „Und noch einmal lasse ich mich nicht verarschen.“ Ferraris ist einer der zahlreichen Unternehmer und Handwerker, die vom Magistrat mit Arbeiten für das sogenannte Heilige Jahr 2000 beauftragt worden waren und auf ihren Forderungen sitzengeblieben sind. Jetzt, da wiederum ein Heiliges Jahr ansteht, weigern sie sich, öffentliche Aufträge dafür anzunehmen.

Am 8. Dezember wird Papst Franziskus die Heilige Pforte im Petersdom feierlich öffnen. In den darauffolgenden Monaten werden 20 Millionen Pilger erwartet – und Erzbischof Rino Fisichella, vom Papst mit der vatikanischen Organisation des Jubeljahres beauftragt, befürchtet, dass die Stadt vollkommen unvorbereitet ist.

Fisichella hat allen Grund, beunruhigt zu sein. Zwar gibt es eine erst kürzlich verabschiedete „Roadmap“ für die wichtigsten Vorbereitungsarbeiten, doch die ersten beiden Maßnahmen – Baustellen zur Renovierung maroder Straßen – wurden in der vergangenen Woche überraschend gestoppt. Die Polizei war darauf aufmerksam geworden, dass die ausführenden Bauunternehmen die lukrativen Aufträge durch das Schmieren städtischer Beamter aus dem Verkehrsdezernat erhalten hatten.

„Hier wird nichts bis Ende des Jahres fertig sein“, fürchtet ein Hotelbesitzer bei der Piazza Navona: „Und die Stadt wird sich wie ein Saustall präsentieren.“

Doch Franco Gabrielli, immer cool auftretender Ex-Geheimdienstchef und amtierender Direktor des Zivilschutzes, gibt sich gelassen. „Ich bin mir sicher, dass wir das hinbekommen: Ich habe schon ganz andere Katastrophen gemanagt.“

Gabrielli wurde im Sommer von Regierungschef Renzi zum Kommissar für Rom ernannt. Er sollte, zusammen mit dem nunmehr abhanden gekommenen Bürgermeister Marino, die Stadt für das Heilige Jahr fit machen. Jetzt übernimmt Gabrielli bis Ende Oktober die Stadtregierung. Was danach geschehen wird, ist unklar. Renzi will ganz allein einen Übergangsbürgermeister nominieren. Im Frühling soll es dann Neuwahlen geben.

Doch so lange will der Vatikan nicht warten. In einem „Brief an die Stadt“ fordert Kardinalvikar Agostino Vallini, von Papst Franziskus zum Mittelsmann zwischen Vatikan und Rom ernannt, „einen kräftigen Ruck, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen“.

Doch wer soll Rom einen solchen kräftigen Ruck geben? Das fragen sich immer mehr Römer. Ignazio Marino hätte ein Herkules sein müssen, um die vielen Probleme Roms in den Griff zu bekommen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde in Rom nichts unternommen, um die Bildung krimineller Organisationen zu kontrollieren – aufgrund der irrigen Einschätzung, dass die Mafia nur ein Problem im Süden des Landes sei.

Nachdem der gigantische Korruptionsskandal „Mani pulite“ (saubere Hände) zur Erosion von Parteien wie den Christdemokraten und den Sozialisten geführt hatte, sank in Rom das Interesse an einer grundsätzlichen Anti-Korruptionspolitik. Davon wiederum profitierten so viele Politiker, Wirtschaftstreibende und Kriminelle, dass sich das Bedürfnis, die Situation zu ändern, in Grenzen hielt.

Inzwischen fordern immer mehr Römer provokant, doch gleich den Papst zum Bürgermeister zu machen. „In seinem Zwergstaat räumt Franziskus so richtig auf“, analysiert Giacomo Galeazzi, Vatikanexperte der Tageszeitung „La Stampa“: Deshalb sähen nicht wenige einen Mann wie Franziskus nur zu gern auch als Oberhaupt ihrer Stadt.

Aber das ist ungefähr so realistisch, als würde Ignazio Marino Papst werden.