Russell Brand: Jesus, Che und Rattenfänger

Russell Brand: Jesus, Che und Rattenfänger

Der britische Entertainer Russell Brand inszeniert sich als Revoluzzer gegen ein überkommenes politisches System. Mit seinen schlichten Thesen fasziniert er ein Millionenpublikum.

Von Tessa Szyszkowitz/London

Die langen, schwarzen Locken. Der dunkle Bart. Der missionarische Glanz in den braunen Augen. Man könnte Russell Brand leicht für einen Wiedergänger von Jesus Christus halten. Oder von Che Guevara. Oder für eine Mischung aus beiden: Messias und Revolutionär.

Russell Brand war schon viel in seinem Leben. Drogenabhängig. Arm. Aber auch: witzig und fleißig. Letzteres ist der 39-jährige Engländer bis heute. Sonst aber erinnert nichts mehr an seine Kindheit und Jugend. Aus dem unterprivilegierten Sohn einer alleinerziehenden Mutter in der östlich von London gelegenen Grafschaft Essex ist Großbritanniens wichtigster It-Boy geworden: Komiker, Entertainer, Schauspieler, zwischendurch Ehemann der Sängerin Katy Perry.

Seine jüngste Tournee hieß, nicht ohne Selbstironie: „Der Messias-Komplex“. Jetzt hat er eine neue Mission entdeckt: „Revolution“ – so heißt auch sein soeben erschienenes Buch, das in Supermärkten zum Sonderpreis von 9,99 Pfund unter die Leute gebracht wird.

Russell Brands täglicher Videoblog "Trews"

Dass der Titel in den Bestsellerlisten beständig nach oben klettert, liegt nicht nur an Brands Prominenz als Film- und TV-Schauspieler („Der Sturm“, „Arthur“ und „Big Time Rush“), sondern auch an seiner Popularität im Internet, wo er einen täglichen Videoblog produziert. Titel: „The Trews“, eine Wortkombination aus „true“ und „news“. Darin analysiert Brand aktuelle Ereignisse – laut Eigendefinition „wahrheitsgetreu, spontan und unter großem Risiko für meine persönliche Freiheit“. Das kommt an. Auf YouTube hat der Brite inzwischen mehr als 760.000 Abonnenten, auf Facebook 2,9 Millionen Freunde und auf Twitter 8,4 Millionen Follower.
Sie stören sich auch nicht daran, dass Brands Ideen eher schlicht daherkommen: „Boykottiert die Wahlen!“, lautet eine der zentralen Forderungen des Briten, der stolz darauf ist, noch nie seine Stimme abgegeben zu haben – und sich nicht davor scheute, das in einem Interview mit dem für seine knallharten Fragen berüchtigten BBC-Journalisten Jeremy Paxman auch einzugestehen. „Leute sind für das Stimmrecht gestorben, heißt es jetzt dauernd“, schreibt er in „Revolution“ nunmehr: „Das stimmt aber nicht. Sie sind für die Freiheit gestorben. Wenn sie gewusst hätten, wie schablonenhaft die Stimmabgabe heutzutage geworden ist, dann hätten sie wohl kaum ihr Leben dafür gegeben.“

Brand erwartet jedenfalls den baldigen Kollaps des bisherigen Systems, weil niemand mehr der politischen Klasse traue. Er trifft damit durchaus einen Nerv. In Großbritannien wird die Elite immer reicher, während es sich ein Teil der Bevölkerung, zunehmend auch der Mittelstand, nicht mehr leisten kann, in der eigenen Hauptstadt ein Abendessen zu bezahlen. Bisher hat vom Frust der Briten der rechtspopulistische Volkstribun Nigel Farage profitiert. Seine EU- und Immigranten-feindliche UKIP-Partei gewann am Donnerstag vergangener Woche in Rochester bereits den zweiten Parlamentssitz. Möglich wurde das durch einen Überläufer von den konservativen Tories.

Jetzt aber kommt Russell Brand. Wie der italienische Komiker Beppe Grillo profitiert auch Brand vom Vertrauensverlust gegenüber der klassischen Politik. Visionslose Parteiführer wie der konservative Regierungschef David Cameron und sein glückloser Gegner „Red Ed“ Miliband machen Brand die Sache leicht: Sie und der Rest der politischen Belegschaft Großbritanniens wirken gemeinhin, als sei ihre Oberlippe am Gebiss festgeklebt.

Brand hingegen lacht herzhaft mit gebleckten Zähnen, während er in seinen Videos über alle erdenklichen Themen der Zeit schwadroniert.
Der „Islamische Staat“ und die Dschihadisten aus Großbritannien? Für Brand – dunkelrotes T-Shirt, Nietenarmband – kein Grund, einer restriktiven Immigrationspolitik das Wort zu reden. 100.000 Klicks auf YouTube.

Der „Pick-Up-Artist“ Julien Blanc und seine Vergewaltigungsseminare? Für Brand – nackter Oberkörper, neckisch über die Schulter geworfenes weißes Handtuch – Anlass, sich „hundertprozentig aus ganzem Herzen“ dagegen auszusprechen, „Frauen respektlos zu behandeln“. 144.000 Aufrufe.
Die Umtriebe des US-Geheimdienstes NSA? Für Brand – bis zum dritten Knopf offenes Hemd, schicke Halskette – eine perfide Taktik von Politik und Wirtschaft, mit dem Argument der Terror-Bekämpfung ihre Macht abzusichern: 60.000 Klicks.

Inzwischen gehen selbst äußerst ernsthafte Medien wie die „Financial Times“ (FT) Brand auf den Leim. Kürzlich traf ihn die hartgesottene Kolumnistin Lucy Kellaway zu einem „Lunch mit der FT“ – und erklärte nach dem Mittagessen in einer Ostlondoner Suppenküche, deren karitatives Konzept Brand gleich elegant mitverkaufte, diesem „charismatischen, lärmenden Revolutionär“ ein bisschen verfallen zu sein.

Mitte November füllte sich die ehrwürdige Royal Albert Hall am Rande des Hyde Park mit Kindern und ihren Eltern, die hören wollten, wie der Entertainer aus seinem ersten Kinderbuch las: der Neuerzählung des Märchens vom Rattenfänger („Trickster Tales: the Pied Piper of Hamelin“). Und ein wenig wirkte es, als erkenne Brand sich darin auch selbst.

Wohin und in welcher Rolle er seine Anhänger führen will, ist ihm allerdings offenbar nicht ganz klar. Man sollte meinen, dass sich jemand, der Wahlen per se ablehnt, niemals als Politiker betätigen würde. Aber derlei kleinliche Selbstbeschränkungen lässt sich einer wie Brand nicht aufzwingen.

Unlängst überlegte er, wie üblich in aller Öffentlichkeit, ob er nicht Boris Johnson als Bürgermeister von London beerben sollte. Nach tagelangem Medienhype ruderte er zurück: „Ach nein, ich kandidiere doch nicht. Wir haben schon einen Komiker in dem Job.“