Russland: Warum Wladimir Putin nicht verrückt ist

Russland: Warum Wladimir Putin nicht verrückt ist

Wladimir Putin wird in der europäischen Öffentlichkeit als Irrer dargestellt. Man muss kein Russland-Versteher sein, um das für verrückt zu halten, findet Martin Staudinger .

Es bedeutet selten Gutes, wenn die Öffentlichkeit beginnt, aus den Schlaf- und Frühstücksgewohnheiten eines Staatsoberhauptes Rückschlüsse auf seinen Geisteszustand ziehen zu wollen. "Er steht erst gegen 11 Uhr auf. Dann trinkt er einen Smoothie, isst Hüttenkäse, Omelett, manchmal Haferbrei“, berichtete die deutsche "Bild“-Zeitung vergangene Woche über Wladimir Putin: "Ausländische Lebensmittel rührt er nicht an.“

Was unter Bobos am Prenzlauer Berg in Berlin (oder am Wiener Karmelitermarkt) als Bilderbuchbeispiel für einen entspannten Samstagvormittag inklusive ökologisch nachhaltigem Konsumverhalten gilt, wurde in dem deutschen Boulevardblatt mit bedeutungsvollem Tremolo zu "faszinierenden Einblicken in Putins skurriles Reich“ hochgeraunt. In dieser abgeschotteten Welt sei ein von Vergiftungsängsten gebeutelter Kremlchef damit beschäftigt, seinen Körper mit stundenlangen Schwimmübungen und kalt-warmen Wechselbädern zu stählen, Eishockeyspiele zu veranstalten, bei denen die gegnerische Mannschaft verlieren muss, und finster dreinzuschauen: "Nur wenn er Tiere sieht, hellt sich seine Mimik auf.“

Klartext zum Subtext: Der Mann ist offenbar gaga.

Der Artikel pickt die scheinbar bizarrsten Verhaltensmuster Putins aus einem umfangreichen Text des britischen Buchautors Ben Judah heraus und verdichtet sie zu einem Schreckensbild devianten Verhaltens. Das wäre kaum erwähnenswert, wenn sich in der westlichen Öffentlichkeit nicht generell ein zunehmend bedenklicher Tonfall gegenüber dem russischen Präsidenten einschleichen würde, der den zu Recht beklagten Verbalrandalen in Russland immer näher kommt. Man braucht weder ein Putin-Versteher zu sein, noch die Aggressionspolitik des Kremls in irgendeiner Weise relativieren zu wollen oder die EU-Sanktionen abzulehnen, um das aus rationalen Gründen verrückt zu finden.

Mitverantwortlich dafür ist, wenngleich ungewollt, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Sie hatte dem Kreml-Chef nach der Annexion der Krim im vergangenen März bescheinigt, er habe möglicherweise den "Kontakt zur Realität verloren“. Gefallen ist dieser Satz offenbar in einem Telefonat mit US-Präsident Barack Obama, wenig später sickerte er an die "New York Times“ durch, und seither entwickelt er ein Eigenleben.

"Putin lebt in einer Welt mit Gesetzen und Wirklichkeitsbezügen, in der nichts von dem wahr ist, was uns wahr erscheint, und in der umgekehrt Dinge Wahrheitsgehalt haben, die anderswo als irreführend oder unsinnig gelten“, diagnostizierte "Spiegel Online“-Autor Jan Fleischhauer kürzlich: "Wie man aus dem Handbuch der Psychiatrie weiß, ist es für Außenstehende aussichtslos, einen Betroffenen mit logischen Argumenten von seinen wahnhaften Überzeugungen abzubringen.“

Ob der Kremchef "mad or just bad“ sei, fragte der britische "Daily Express“ besorgt - also "irre oder nur böse“. An "den japanischen Soldaten, der erst im Jahr 1974 davon überzeugt werden konnte, dass der Zweite Weltkrieg vorüber ist“, fühlt sich die "Huffington Post“ erinnert. In einer "eigenen Realität“ sah auch die Website der "Süddeutschen Zeitung“ Putin gefangen. In Internet-Foren wird derlei dankbar weitergesponnen.

Mag sein, dass das Entsetzen über den Abschuss des Passagierjets auf Flug MH17, bei dem alle Indizien auf eine Mittäterschaft Russlands hindeuten, die Rhetorik verschärft hat. Fatal ist sie aber fraglos, zumal sie immer mehr ins Martialische abgleitet - in einer Situation, die möglicherweise dramatischer ist, als man wahrhaben will. Vergangene Woche warnten zehn ehemalige Außen- oder Verteidigungsminister aus der EU, der Türkei und Russland sowie ein Ex-Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes in einem Appell vor einer ungewollten Eskalation zwischen Russland und Europa. Es habe bereits mehrere militärische "Beinahe-Zusammenstöße“ gegeben. Das sei äußerst besorgniserregend, weil "immer noch tausende Atomwaffen auf beiden Seiten in Alarmbereitschaft sind“.

Währenddessen fordert ein Online-Kommentator des "Spiegel“, gegen Russland die "Atombomben des Finanzkrieges“ einzusetzen. Die gedruckte Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins titelt "Stoppt Putin jetzt!“ Die Internet-Ausgabe der honorigen "Zeit“ sieht in einer "Beteiligung westlicher Kräfte an der Militäroperation (in der Ukraine, Anm.) … kein Tabu mehr“, und die "Süddeutsche Zeitung“ folgert: "Westliche Sanktionen können nicht länger darauf ausgerichtet sein, Wladimir Putin zu bekehren. Er hat sich für die Konfrontation entschieden.“

Wie Verrückte eben sind.

Die Liste der Staats- und Regierungschefs, die in jüngerer Vergangenheit als "irre“ dargestellt wurden, umfasst etwa Kim Jong-il und Kim Jong-un (Nordkorea), Saddam Hussein (Irak), Mahmoud Ahmadinejad (Iran) und Muammar al-Gaddafi (Libyen): Allesamt keine Sympathieträger, aber Beispiele dafür, dass die küchenpsychologische Diagnose "Wahnsinn“ nicht dabei hilft, Konflikte zu bereinigen. Sie verstellt vielmehr durch das Postulat, dass mit den Betroffenen ohnehin nicht zu reden ist, den Blick - nicht nur auf Lösungsmöglichkeiten, sondern auch auf die Realität. In der mag der Kreml-Chef ein skrupelloser Machtzyniker sein, es deutet aber nichts darauf hin, dass er närrisch ist. Und selbst angeblich verrückte Regimes handeln erfahrungsgemäß weitaus rationaler, als ihnen zugestanden wird.

Wladimir Putin und sein Verhalten unter dieser Prämisse zu betrachten und zu bewerten, ist mit Sicherheit zielführender, als im Haferbrei zu lesen.