Schiiten gegen Sunniten: Der tausendjährige Krieg

Eine schiitische Muslimin pilgert nach Karbala, Irak, um an den religiösen Feierlichkeiten zu Ehren Imam Husseins, Enkel des Propheten Mohammed, teilzunehmen.

Eine schiitische Muslimin pilgert nach Karbala, Irak, um an den religiösen Feierlichkeiten zu Ehren Imam Husseins, Enkel des Propheten Mohammed, teilzunehmen.

Die muslimische Welt führt einen brutalen Kampf gegen sich selbst: Gewalttätige Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten haben in den vergangenen Jahren Zehntausende Menschenleben gefordert. Was sind die Gründe für den Glaubenskonflikt?

Alles begann mit einem Mord: Im Jahr 661 wurde die Frage, wer der legitime Nachfolger des drei Jahrzehnte zuvor verstorbenen Propheten Mohammed sei, mit einem vergifteten Dolch beantwortet. Das Opfer war Ali, der Schwiegersohn des Religionsgründers. Aus seiner Anhängerschaft gingen die Schiiten hervor, die 2012 rund 15 Prozent der Muslime ausmachten.

Der Antagonismus zu den Sunniten, die immer eindeutig in der Mehrheit waren, ist seitdem nie mehr verschwunden, trat phasenweise allerdings komplett in den Hintergrund. So etwa während der Blütezeit des arabischen Nationalismus, die auf die Entkolonialisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgte.


Die Schiiten sind zum einen bei den mächtigen und finanzkräftigen Wahhabiten verhasst, zum anderen auch im Westen miserabel beleumundet.

Das änderte sich mit der iranischen Revolution, die 1979 das dezidiert schiitische Mullah-Regime hervorbrachte. Sein Führer, Ayatollah Ruhollah Khomeini, wandte sich zudem gegen das sunnitische Saudi-Arabien, dessen Königshaus er als "korrupte Diktatur geißelte. Damit war der Grundstein für eine Staatsfeindschaft gelegt, in deren Bann die Region bis heute steht - und die auch im Syrien-Konflikt eine wichtige Rolle spielt. Die gegenseitige Abneigung beruht aber auch darauf, dass die offizielle Islam-Interpretation des saudischen Königreichs auf den Gelehrten Muhammad ibn Abd al-Wahhab zurückgeht, der im 18. Jahrhundert postulierte, die Schiiten seien gar keine Muslime, sondern übelste Häretiker.

Das Pech der Schiiten: Sie sind zum einen bei den mächtigen und finanzkräftigen Wahhabiten verhasst, zum anderen auch im Westen miserabel beleumundet. Dort werden sie spätestens seit der Besetzung der US-Botschaft in Teheran durch radikalislamische Studenten im Jahr 1979 gedanklich mit dem iranischen Mullah-Regime gleichgesetzt.

Dabei waren es meistens die Schiiten, denen übel mitgespielt wurde: 1980 ließ der irakische Diktator Saddam Hussein, ein Sunnit, seine Truppen im Iran einmarschieren, um an die dort liegenden Ölfelder heranzukommen. Als er damit gescheitert war, verstärkte er nicht zuletzt aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen die Repression gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak.


Damals kamen bei interkonfessionellen Auseinandersetzungen mehr als 20.000 Menschen zu Tode und in der Folge die Schiiten an die Regierung.

Nach dem zweiten Golfkrieg 1990 erging es ihnen nicht viel besser: Damals wurden sie von den USA erst zum Aufstand ermutigt, dann aber im Stich gelassen und einer Strafexpedition von Saddams Truppen ausgeliefert. Die Bilanz: bis zu 60.000 Todesopfer.

15 Jahre später nahmen die irakischen Schiiten furchtbare Rache dafür. Mit dem Sturz von Saddam durch die US-Invasion ab 2003 endete im Irak auch die Herrschaft der sunnitischen Stämme. Es folgte ein brutaler Bürgerkrieg, der seinen Höhepunkt in den Jahren 2006 und 2007 erreichte. Damals kamen bei interkonfessionellen Auseinandersetzungen mehr als 20.000 Menschen zu Tode und in der Folge die Schiiten an die Regierung. Sie gebieten heute über ein Land, in dem es kaum mehr Wohngebiete gibt, die nicht konfessionell getrennt sind.

Die Vollversion dieses Artikels erschien erstmals am 29. Oktober 2012.