Südkorea und Schönheitsoperationen: 120.000 Flaschen Botox

Südkorea und Schönheitsoperationen: 120.000 Flaschen Botox

Der rasante wirtschaftliche Aufschwung hat Südkoreas Gesellschaft arg zugesetzt. Die Folgen sind eine extrem niedrige Geburtenrate, die höchste Zahl an Schönheitsoperationen und eine Selbstmordepidemie. Drei Reportagen aus dem Land von Samsung, Hyundai und Kia.

In der extremen Konkurrenzgesellschaft des ostasiatischen Tigerstaats werden Schönheitsoperationen zur notwendigen Investition für die Heirats- und Berufswahl.

Von Fabian Kretschmer, Seoul

Vor dem Eingang des JK Plastic Surgery Center parkt ein schwarzer Bentley demonstrativ auf dem Trottoir, nur wenige Schritte neben einem halbleeren Parkplatz. Weibliche Passanten müssen sich mühsam den Weg um die Luxuskarosse bahnen. Viele von ihnen tragen riesige Paris-Hilton-Sonnenbrillen auf bandagierten Gesichtern, ihr taumeliger Gang verrät eine noch nicht ganz abgeklungene Narkose. An den Wänden hängen Werbeplakate mit Vorher-Nachher-Bildern junger Frauen: „Jeder hat es schon getan, außer dir“, prangt dort in riesigen Lettern.
Willkommen in Seouls „Beauty Belt“, dem weltweiten Mekka der Schönheitsindustrie: Mehr als 350 der über 1000 Schönheitskliniken Südkoreas drängen sich hier auf einem Gebiet, das kleiner als die Wiener Innenstadt ist.

Zwei Stockwerke über dem Bentley sitzt Kevin Van Noortwyk, auf dem Glastisch vor ihm liegen ein Totenkopf von der Größe einer Orange sowie ein bunter Prospekt mit den Fotos gelifteter Frauen. „Manche der Operationen könnte man auch als recht dramatisch bezeichnen. Du würdest die Frauen nach der Prozedur wohl nicht mehr wiedererkennen“, sagt der Kanadier stolz. Van Noortwyk ist für die Geschäftsentwicklung des JK Plastic Surgery Centres zuständig, auf sechs Stockwerken werden hier täglich dutzende Nasen gerichtet, Kiefer verkleinert und Hautpartien gestrafft.

Allein 2011 wurden rund 650.000 Schönheitseingriffe in Korea durchgeführt, damit ist das Land am Han-Fluss weltweiter Spitzenreiter. Eine Umfrage von 2009 ergab: Jede fünfte Frau in Seoul zwischen 19 und 49 hatte sich bereits zumindest einmal einer Schönheitsoperation unterzogen, mittlerweile dürfte die Zahl noch deutlich höher liegen. Laut Berechnungen der koreanischen Tageszeitung „Chosun Ilbo“ werden mindestens 120.000 Flaschen Botox entweder in Korea produziert oder hierher eingeführt – genug, um die Falten von einer halben Million Gesichter zu glätten.

„Dies ist eine stark männlich dominierte Gesellschaft, in der Frauen oft mehr Schönheit als Hirn brauchen, um einen Job zu finden und zu heiraten“, zitiert die Online-Publikation „Huffington Post“ die Soziologie-Professorin Lim In-Sook von der Korea Universität. Zudem ist die Gesellschaft noch immer im traditionell schamanistischen Glauben verwurzelt, nach dem bestimmte Charaktereigenschaften vor allem Gesichtsmerkmalen zugeschrieben werden.

Schönheit ist in Korea klar definiert: hohe Nase, weiße Haut, große Augen und eine schmale, V-förmige Gesichtsform – alles Merkmale, die nicht der ostasiatischen Physiognomie entsprechen. „Alle glauben, dass man mit einem westlichen Gesicht schöner ist“, bringt es die 20-jährige Germanistikstudentin Lee Su-rim auf den Punkt.
In ihrer Maturaklasse hätten sich alle Mädchen zumindest die „Basics“ machen lassen, sagt Lee. Als „Basics“ bezeichnet man in Südkorea eine Operation der Lider, die dazu dient, die Augen größer und runder erscheinen zu lassen. Der Eingriff gilt als beliebtes Maturageschenk, viele Kliniken werben gezielt mit Rabatten, etwa einer kostenlosen Botox-Spritze für die Mutter, wenn sich die Tochter die Augen und Nase machen lässt.
Als besonders gefährlich gilt eine Kieferoperation, bei der beide Kieferknochen gebrochen werden, um anschließend eine feminine Gesichtspartie herzustellen. Nachdem einige Größen der koreanischen Unterhaltungsindustrie die OP in Talkshows öffentlich als Wendepunkt ihrer Karriere priesen, folgen immer mehr junge Südkoreanerinnen diesem risikoreichen Trend. Wenn der Eingriff schiefläuft, sind schwere Nervenschäden die Folge, manche Patientinnen können dann nicht mehr richtig kauen. Im vergangenen August nahm sich eine 23-jährige Studentin nach einer fehlgeschlagenen Kiefer-OP gar das Leben.

Ein Fernsehsender veröffentlichte daraufhin heimlich gedrehte Aufnahmen aus einer Schönheitsklinik. Darauf ist ein Mitarbeiter zu sehen, der eine Frau von eben jener Kiefer-OP überzeugen möchte. „Wollen Sie später einmal heiraten?“, fragt er rhetorisch: „Dann müssen Sie das Risiko auf sich nehmen.“

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