Terror in Paris: Eine Attentatserie gegen uns alle

Es war ein Großangriff – mehrere, nahezu gleichzeitig stattfindende Schuss-, Granaten- und Sprengstoffanschläge, parallel dazu die Massenexekution von Geiseln in einem Konzerthaus: Wie viele Menschenleben und Verletzte die Anschlagsserie in Paris gefordert hat, ließ sich bei Redaktionsschluss von profil am Samstag in den frühen Morgenstunden noch nicht konkret beziffern.

Meldungen der französischen Nachrichtenagentur AFP sprachen zuletzt jedenfalls von mindestens 120 Toten.

Eines war aber zu diesem Zeitpunkt bereits klar: Was Freitagabend in der französischen Hauptstadt geschah, war die schlimmste Terrorattacke auf europäischem Boden seit den Attentaten von Madrid 2004 und London 2005 (191 bzw. 56 Tote) – und zudem die am besten koordinierte. Zu den Zielen gehörte das vollbesetzte Fußballstadion Stade de France, in dem gerade Zehntausende Besucher dem Ländermatch Frankreich–Deutschland folgten, unter ihnen der französische Präsident François Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier; das Musiktheater Bataclan, wo sich über 1000 Fans von der US-amerikanischen Band „Eagles of Death Metal“ zudröhnen lassen wollten; vollbesetzte Restaurants und ein Einkaufszentrum im Herzen der Metropole.

Auch wenn sich Freitagnacht noch keine Gruppierung zu den Mordtaten bekannte, deutet sehr viel auf einen islamistischen Hintergrund hin.

Hinweise auf IS

In den Tagen und Stunden zuvor hatte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die zuletzt durch militärischen Druck einige empfindliche Niederlagen einstecken musste, eine Offensive in den Nachbarländern Syriens gestartet. Ende Oktober bekannten sich die Ultra-Islamisten zum Anschlag auf eine russische Passagiermaschine über der Halbinsel Sinai.

Und nur wenige Stunden vor dem Angriff auf Paris verübten IS-Extremisten am Freitagvormittag zwei verheerende Bombenattentate in der libanesischen Hauptstadt Beirut, bei denen mehr als 40 Menschen getötet wurden. Am gleichen Tag veröffentlichte die Terrororganisation ein neues Drohvideo, das sich allerdings nicht gegen den Westen, sondern vor allem gegen Russland richtete.

Aber wer auch immer hinter dem Massaker steckt: Es hat in der wegen der Flüchtlingskrise ohnehin extrem gespannten Stimmung in Europa unabsehbare politische Konsequenzen. Noch in der Nacht ließ Präsident Hollande den Ausnahmezustand ausrufen und sämtliche Grenzen des Landes schließen. Fluglinien begannen umgehend, ihre Flüge mit Destinationen in Frankreich zu canceln. Gut möglich, dass andere Länder dem Beispiel folgen werden – Gerüchte um IS-Kämpfer, die im Flüchtlingsstrom nach Europa einsickern, hat es in den vergangenen Wochen immer wieder gegeben. Auch wenn Polizei und Geheimdienste bislang keinerlei konkrete Hinweise darauf gefunden haben: Als Vorwand, sich gegen Asylwerber und Migranten abzuschotten, lässt sich die Angst davor nach dem Inferno von Paris aber leicht benutzen.

Weitere Entsolidarisierung zu befürchten

Zu befürchten ist, dass das ohnehin bereits vorhandene Misstrauen gegen die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak weiter steigen wird – auch, wenn sich die meisten von ihnen genau vor jenem Terror und jener Gewalt in Sicherheit bringen wollen, die am Freitag Europa heimgesucht haben.

Zu befürchten ist auch, dass die Tendenz der Fragmentierung, Nationalisierung und Entsolidarisierung innerhalb der EU dadurch verstärkt wird und die ohnehin höchst schwierige Lösung der Flüchtlingskrise weiter erschwert. Hardliner wie der ungarische Premierminister Viktor Orbán werden sich durch die Anschlagsserie wohl weiter in ihrem Kurs bestärkt fühlen; andere osteuropäische Länder wie Polen, die schon bislang kaum zu bewegen waren, eine Verteilungsquote für die Schutzsuchenden mitzutragen, dürften in Hinkunft umso weniger dafür zu gewinnen sein; und selbst die wenigen aufgeschlossenen Regierungen werden es immer schwerer haben, ihre Position zu rechtfertigen.

Die Attentatsserie vom Freitag richtet sich also bei Weitem nicht nur gegen die Besucher im Stade de France und im Bataclan, nicht nur gegen die Bewohner von Paris und die Bürger von Frankreich: Sie richtet sich gegen ganz Europa, und sie richtet sich mittelbar auch gegen die Flüchtlinge. Und damit gegen uns alle.

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