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Großbritannien
03/09/2021

Tony Blair im Interview: "Brexit ist ein fürchterlicher Fehler"

Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair über die britische Impfkampagne, warum Boris Johnson trotzdem ein hartes Jahr als Premier bevorsteht - und warum er ausnahmsweise froh über sein fortgeschrittenes Alter ist.

von Tessa Szyszkowitz

Blair: Und? Sind Sie schon geimpft worden?

profil: Ja. Ich wurde vorgezogen, weil eines meiner Kinder demnächst ins Krankenhaus muss und ich mich dann besser um es kümmern kann. Und Sie?

Blair: Ich bin geimpft! Ich war zum ersten Mal froh über mein fortgeschrittenes Alter.

profil: Sind Sie erstaunt darüber, wie gut das Impfprogramm gegen Covid-19 hier in Großbritannien im Vergleich zu Europa funktioniert?

Blair: Großbritannien hat in diesem Fall einen extrem guten Job gemacht. Zuerst wurde eine kleine Impf-Taskforce mit der Beschaffung der Impfstoffe betraut. Dann konnten wir dank des zentral gesteuerten öffentlichen Gesundheitsdienstes NHS schnell und breit mit dem Impfen beginnen. Die EU war im Vergleich weniger erfolgreich.

profil: Ist womöglich der Brexit der Grund dafür, dass es hier viel schneller ging als in der EU?

Blair: Sie wissen, dass ich ein erklärter Gegner des Brexit bin. Er ist und bleibt ein fürchterlicher strategischer Fehler für mein Land. Die Brexit-Fans geben jetzt mit dem Impferfolg an. Aber wir hätten all das innerhalb der EU machen können. Umgekehrt finde ich es eher interessant, was der EU entgeht, weil Großbritannien nicht mehr EU-Mitglied ist.

profil: Wie meinen Sie das?

Blair: Wären wir Briten noch in der EU, dann wäre die Beschaffung des Impfstoffes nicht aus den Händen der Nationalstaaten genommen worden. Darauf hätte jede britische Regierung bestanden. Nur deshalb hinkt Europa jetzt zehn Wochen hinterher.


profil: Sind die EU-Staaten zu Recht neidisch?

Blair: Europa wird schnell aufholen. Die EU hat große Mengen von Impfstoffen gekauft. Mitte dieses Jahres wird das ein viel kleineres Problem sein.

profil: Halten Sie die viel diskutierten Corona-Impf-Pässe für eine gute Idee?

Blair: Natürlich. Es wird sicher eine Art von Zertifikat geben. Am besten wäre es, wenn die ganze Welt sich auf einen solchen Impfpass einigen könnte.

profil: Diskriminiert das nicht jene, die sich nicht impfen lassen?

Blair: Ich finde die Debatte um Impfpässe und die Diskriminierung von Nichtgeimpften wirklich kurios. Ich will doch wissen, ob ich mich mit jemandem in einen Raum begebe, der geimpft ist oder zumindest getestet. Wenn jemand sich nicht impfen lässt, ist er ja nicht nur selbst gefährdet, er setzt auch andere der Gefahr aus, krank zu werden. Warum sollte das jemand tun? Ohne eine gewisse Form von Impfpass wird es ausgeschlossen sein, große Veranstaltungen, Konzerte oder Fußballmatches abzuhalten. Entweder geimpft oder getestet, nur so sollten Leute verreisen können. Wenn sich dann jemand nicht impfen lässt, ist das seine Entscheidung. Die große Mehrheit aber wird sowieso für einen Impfschein sein, ganz besonders Leute, die im Gesundheitssektor arbeiten.

profil: Finden Sie die Kritik am AstraZeneca-Impfstoff innerhalb der EU berechtigt?

Blair: Die EU-Chefs befinden sich in der Defensive. Es ist alles mit dem Brexit vermischt worden. Der Impfstoff von AstraZeneca ist vor der Zulassung nicht genug bei über 65-Jährigen getestet worden, das stimmt. Wir haben aber jetzt bereits erste Daten aus Schottland von den Geimpften vorliegen. Von den 490.000 mit AstraZeneca immunisierten Menschen hatten nur zwei so starke Nebenwirkungen, dass sie ins Spital mussten. Der Impfstoff wirkt auch gegen die südafrikanische Variante. Es gibt also keinen Grund, warum Ältere nicht damit geimpft werden sollten.


profil: Kann Boris Johnson diesen Erfolg für sich verbuchen? An sich hat er die Pandemie mit bisher 125.000 Covid-Toten eher schlecht als recht gemanagt.

Blair: Man sollte Pandemien nicht national managen. Besser wäre es gewesen, wenn wir uns mit der ganzen Welt von Anfang an koordiniert hätten-wie wir uns alle am besten schützen und wie wir den Impfstoff an alle verteilen. So wären wir in der Lage gewesen, die Pandemie um einige Monate schneller beenden zu können.

profil: Wird die Kritik an Boris Johnson im Herbst wieder steigen, wenn die Staatskassen leer sind und die Arbeitslosigkeit durchschlägt? Dann wird auch klarer werden, wie viel Johnson für Impfstoffe gezahlt hat im Vergleich mit den vorsichtigeren Europäern?

Blair: Der Preis für die Impfstoffe ist im Vergleich mit den Gesamtkosten der Pandemie gering. Deshalb musste man über den Preis der Impfstoffe nicht lange verhandeln. Das große Problem im Vereinigten Königreich wird in der Tat sein, dass das Wirtschaftswachstum schwächeln und die Arbeitslosigkeit steigen wird. Das wird hart. Das Problem haben die meisten westlichen Regierungen. Sie können nur hoffen, dass weder Inflation noch Zinsen steigen und Schulden zu machen billig bleibt.

profil: Oppositionsführer Keir Starmer bekommt derzeit keinen Fuß auf den Boden. Was halten Sie von Ihrem Nachfolger?

Blair: Keir Starmer hat die Labour-Partei vor knapp einem Jahr nach der schlimmsten Wahlniederlage in der Geschichte übernommen. Er hat sich als vernünftiger, rationaler Politiker etabliert. Die Partei muss er erst wieder wählbar machen, nachdem die harte Linke die Leute vertrieben hat. Aber Starmer hat Zeit, vor 2024 gibt es keine Wahlen. Und wenn die Pandemie im Griff ist, wird es darum gehen, wer das bessere Programm für die Zukunft hat.


profil: In Großbritannien tobt gerade so etwas wie ein Kulturkampf: Statuen werden gestürzt, Straßen sollen umbenannt werden, weil die jeweiligen Persönlichkeiten zwar ehemalige Helden des britischen Empires sind, allerdings nach heutigen Kriterien rassistische, antisemitische oder sexistischen Haltungen gezeigt haben. Labour-Parteichef Keir Starmer wird kritisiert, weil er bisher dazu nicht Stellung bezieht. Soll Labour sich in diese Auseinandersetzung einbringen?

Blair: Labour kann dabei nichts gewinnen, die Partei sollte sich nicht in den Kulturkampf einmischen. Unsere Aufgabe ist es, generell eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen.

profil: Derzeit hat die Corona-Pandemie den Brexit aus den Schlagzeilen verdrängt. Bis auf die Probleme in Nordirland, wo an der neuen Zollgrenze in den nordirischen Häfen die Spannungen steigen. Machen Sie sich Sorgen um den Frieden?

Blair: Nordirland ist in seinen Grenzen nicht stabil. Viele kleine Firmen leiden ernsthaft unter dem Brexit. Es ist abzusehen, dass Politiker das für ihre Zwecke ausnützen werden. Der Brexit bringt viele Probleme, darüber braucht sich die britische Regierung jetzt nicht zu beschweren. Das sind alles Folgen ihrer Entscheidungen.

profil: Am Brexit ist aber nicht mehr zu rütteln. Was kann man tun?

Blair: Was wir brauchen, ist echte Staatskunst von britischen und europäischen Politikern. Wir müssen zusammenarbeiten bei wichtigen Fragen wie zukünftigen Pandemien, der Klimakrise, den Energiefragen. Es gibt auch richtige Chancen wie die Kooperation bei Verteidigung und Wirtschaft. Weder Großbritannien noch die EU können unsere Geschichte, unsere Geografie, unsere Werte und unsere Interessen verändern. Auf beiden Seiten müssen Politiker jetzt bereit sein, ein bisschen politisches Kapital darin zu investieren, um die Beziehungen zueinander zu verbessern. Und nicht nur zu ihren eigenen Galerien zu sprechen.

 

Blairs Flair

Tony Blair, 67, wurde 1997 britischer Premierminister. Nach 18 Jahren in der Opposition errang der charismatische Chef der Labour-Partei damals eine überwältigende Mehrheit von 179 Sitzen im Unterhaus. Im Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer schien der Vertreter des "Dritten Weges" den Briten, aber auch vielen in Europa, einen Weg aufzuzeigen, die boomenden westlichen Wirtschaften und sozialdemokratische Ideen für mehr Gleichheit in der Gesellschaft zu verbinden. Für viele repräsentierte der ehemalige Bandleader der Studentenband "Ugly Rumours" eine optimistische Ära für das Vereinigte Königreich: "Cool Britannia" machte die britische Flagge, den Union Jack, aber auch britische Modemacher und britischen Pop weit über die Insel hinaus populär. 1998 war Blair Mitunterzeichner des Karfreitagsabkommens in Nordirland, das den traumatischen Krieg zwischen unionistischen und proirischen Nordiren beendete. Blair war zudem ein proeuropäischer Premier, der sich für die Osterweiterung der EU starkmachte.

Doch Blairs Flair ist heute verflogen. Sein Eintreten für einen Militäreinsatz im Irak 2003-auf Basis der unwahren Behauptung, Saddam Hussein horte Massenvernichtungswaffen-kostete Blair nachhaltig Sympathien. Heute leitet er das "Institute for Global Change",von dem aus er mit profil und einer Gruppe von europäischen Korrespondenten per Videolink sprach. Sein Aufruf im Dezember 2020, die zweite Impfdosis gegen Covid-19 erst nach zehn Wochen zu verabreichen, um Millionen Menschen schneller mit einer Impfung zu immunisieren, wurde von der Regierung aufgenommen. Die konservative Wochenzeitung "The Spectator" spekulierte daraufhin über Blairs "UK Comeback Tour".

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