Drama: Offenbar mehr als 300 Flüchtlinge vor Lampedusa ertrunken

Drama: Offenbar mehr als 300 Flüchtlinge vor Lampedusa ertrunken

Voraussichtlich mehr als 330 Menschen sind bei dem schlimmsten Flüchtlingsdrama im Mittelmeer in diesem Jahr vor der süditalienischen Insel Lampedusa ums Leben gekommen.

Drei Schlauchboote mit jeweils rund 100 Insassen, die von Libyen abgefahren waren, werden vermisst, berichtete eine Sprecherin des UNO-Flüchtlingswerkes UNHCR am Mittwoch. Sie bezog sich auf Angaben von Überlebenden.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf starteten die Flüchtlinge am Samstag nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis. Es handelte sich offenbar um einen ganzen Tross von Booten. Die italienische Küstenwache hatte ein viertes Boot mit 105 Menschen an Bord aufgegriffen, das am Sonntag gemeinsam mit den vermissten Booten in See gestochen sei. Zu dieser Zeit habe es sehr hohen Wellengang gegeben und die Temperaturen seien nur knapp über dem Gefrierpunkt gelegen. Auf dem geretteten Boot kamen 29 Menschen wegen Unterkühlung ums Leben.

Suchaktion ohne Ergebnisse

Hubschrauber, Flugzeuge und Schiffe der italienischen Marine patrouillieren den Seeraum 100 Meilen südlich von Lampedusa auf der Suche nach Vermissten. Die Suchaktion brachte bisher keine Ergebnisse.

Die Leichen der 29 Toten wurden am Mittwoch mit einer Fähre von Lampedusa nach Agrigent auf Sizilien überführt. Hier sollen sie beerdigt werden. Die Überlebenden befinden sich noch im Auffanglager der Insel. Sechs Personen liegen wegen Unterkühlung im Krankenhaus Lampedusas. Zu den Vermissten würden auch viele Minderjährige zählen. Bei den Opfern handelt es sich um Afrikaner.

Papst Franziskus rief am Mittwoch erneut zur Solidarität mit Flüchtlingen auf, es dürfe nicht an notwendiger Hilfe fehlen. Er verfolge die Nachrichten mit Sorge. Seine erste Reise als Papst hatte Franziskus im Juli 2013 nach Lampedusa geführt.

Italiens Außenminister Gentiloni nimmt EU in Verantwortung

Italiens Außenminister Paolo Gentiloni forderte indes eine Ausdehnung der EU-Grenzschutzmission "Triton". "Der Triton-Einsatz genügt nicht, das ist nur der Anfang. Es müssen mehr Kräfte und Ressourcen zur Rettung der Flüchtlinge im Mittelmeer eingesetzt werden", betonte Gentiloni. Er rief die EU auf, Italien aktiver im Umgang mit der Flüchtlingsproblematik zu unterstützen. "Die Flüchtlingswelle aus Nordafrika ist ein gesamteuropäisches Problem. Die Bemühungen Italiens im vergangenen Jahr müssen jetzt von der gesamten EU getragen werden", sagte Gentiloni.

Nach Angaben des italienischen Innenministeriums kamen allein im Jänner mehr als 3.500 Flüchtlinge nach Italien. Selbst Winterstürme halten die verzweifelten Menschen nicht von den gefährlichen Überfahrten meist von Libyen aus ab. Im vergangenen Jahr trafen 170.000 Flüchtlinge in Italien ein.

Die italienische Marine hatte ihre Rettungsmission "Mare Nostrum", die im vergangenen Jahr tausende Migranten rettete, im Oktober eingestellt. Die Mission wurde durch den europäischen Einsatz "Triton" abgelöst, der jedoch deutlich kleiner ist, und dessen Fokus mehr auf der Sicherung der EU-Grenzen als auf der Rettung der Flüchtlinge liegt. Kritiker hatten "Mare Nostrum" vorgeworfen, die Flüchtlinge zur gefährlichen Überfahrt zu ermutigen. Die jüngsten Zahlen deuten jedoch darauf hin, dass die Zahl der Flüchtlinge auch nach dem Ende dieses Einsatzes nicht zurückgeht.