Was der „Islamische Staat“ mit Serienmörder Charles Manson zu tun hat

Was der „Islamische Staat“ mit Serienmörder Charles Manson zu tun hat

Was haben der US-Sektenführer Charles Manson und die Terrormiliz IS gemeinsam? Sie wollen die Apokalypse herbeimorden. Das lässt vieles am Wüten der ultraradikalen Islamisten in neuem Licht erscheinen, analysiert Martin Staudinger.

Ist es nicht komplett verrückt, was sie da tun – selbst wenn man Grausamkeiten wie Hände abzuhacken, Köpfe abzuschneiden und Menschen bei lebendigem Leibe zu verbrennen außer Acht lässt? Sie töten nicht nur Schiiten, Christen, Eziden und andere „Ungläubige“, sondern auch ihre eigenen sunnitischen Glaubensbrüder. Sie metzeln Geiseln und Gefangene aus aller Herren Länder nieder: Jordanier und Ägypter, Japaner und Amerikaner, Syrer und Iraker sowieso. Sie versklaven und missbrauchen Frauen. Sie zerstören unwiederbringliche Kulturgüter. Und sie brüsten sich auch noch lauthals mit ihren Verbrechen.

Die Mordbrigaden der Terrormiliz „Islamischer Staat“ scheinen es geradezu darauf anzulegen, die ganze Welt gegen sich aufzubringen, um eine groß angelegte Strafexpedition zu provozieren. Und das kann nach westlicher Denkweise nur der Beweis für puren Wahnsinn sein – weil es jeder Sinnhaftigkeit und Logik widerspricht.

Der „Islamische Staat“ als Endzeitkult

Was aber, wenn sich der IS auf diese Art und Weise vorsätzlich zur Zielscheibe macht, auch auf die Gefahr der eigenen Vernichtung hin? Und zwar, um damit die Erfüllung uralter Prophezeiungen vom Ende der Welt zu ermöglichen?
Das würde einiges am scheinbar ziellosen Irrsinn der ultra-radikalen Islamisten erklären, gleichzeitig aber die Frage aufwerfen, ob die bisherige Vorgangsweise gegen die Terrormiliz von den richtigen Prämissen ausgegangen ist.

Es würde verlangen, den IS in erster Linie als Endzeitkult zu betrachten, der in einem irrationalen Kontext aus rationalen Erwägungen handelt – also weniger wie eine Terrorgruppe mit religiös-politischen Zielen und mehr, um ein Beispiel aus der jüngeren US-Geschichte heranzuziehen, wie die mörderische Hippie-Sekte von Charles Manson.


Verrückt? Ja, klar. Aber in sich auch wieder schlüssig

Manson, ein mäßig erfolgreicher Folkmusiker und Psychopath mit Weltuntergangsvisionen, hatte Ende der 1960er-Jahre in Kalifornien eine Kommune um sich geschart. 1969 stiftete er seine Jünger zu einer Mordserie an, der mindestens sieben gut situierte Weiße zum Opfer fielen – darunter Sharon Tate, die damals hochschwangere Frau des Regisseurs Roman Polanski. Die Verbrechen wollte Manson den Afroamerikanern in die Schuhe schieben, um damit einen apokalyptischen Rassenkrieg auszulösen, an dessen Ende er selbst als Weltherrscher übrigbleiben würde. Das damit einhergehende Chaos bezeichnete Manson als „Helter Skelter“ – angelehnt an einen gleichnamigen Song der Beatles, die er wiederum für vier Engel der Apokalypse hielt.

Verrückt? Ja, klar. Aber in sich auch wieder schlüssig. In irgendeinen direkten Zusammenhang mit dem Islam zu setzen? Nein, natürlich nicht. Dennoch scheint ein ähnliches gedankliches Konstrukt – auf freilich weitaus weniger banaler Grundlage – nunmehr das Handeln des IS zu beeinflussen.

Charles Manson

Charles Manson

Das Narrativ dahinter ist zwar bekannt, wurde von der westlichen Welt bislang aber als zu bizarr betrachtet, um ernst genommen zu werden. Es läuft immerhin darauf hinaus, dass in absehbarer Zeit Jesus in Jerusalem erscheinen wird, um eine teufelsähnliche Figur namens Daddschal zu töten und damit den Islam zum endgültigen Sieg und die Menschheit in das Paradies eines weltweiten Kalifats zu führen. Und ein nicht unwesentlicher Teil des IS misst sich selbst dabei entscheidende Bedeutung zu.

Die Endzeit-Erwartungen der Terrormiliz gehen auf einige der sogenannten Hadithe zurück – Aussprüche und Handlungen, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden. Aktuell aufgegriffen, interpretiert und verbreitet werden sie von unterschiedlichen Einpeitschern und Vordenkern der Ultra-Islamisten bereits seit gut zehn Jahren.

Im Sahih Muslim, einer der wichtigsten Hadith-Sammlungen, heißt es unter Berufung auf den Propheten etwa: „Die letzte Stunde wird nicht kommen, bis die Römer in Al-A’maq oder in Dabiq eintreffen. Eine Armee, bestehend aus den Besten der Völker der Erde dieser Zeit, wird aus Medina kommen. Wenn sie Aufstellung nimmt, werden die Römer sagen: Lasst uns mit ihnen kämpfen!‘“

„Die Löwen des Islam haben das Banner des Kalifats aufgerichtet“

Al-A’maq ist ein Tal in der Nähe der türkischen Stadt Antakya, Dabiq ein Dorf im Norden Syriens. Im Kontext des islamistischen Terrorismus war es unter anderem Abu Mus’ab al-Zarqawi, der diese Prophezeiung aufgriff: „Der Funke hat hier im Irak gezündet, und seine Hitze wird immer größer werden … bis sie die Kreuzfahrer-Armeen in Dabiq verbrennt“, erklärte der für seine Grausamkeit berüchtigte Führer der Al Kaida im Irak und eigentliche Gründungsvater des IS, der 2006 bei einem US-Luftangriff starb.

Inzwischen hat Dabiq reale Bedeutung gewonnen, zumindest für den IS. Vor wenigen Monaten gelang es Stoßtrupps der Terrormiliz tatsächlich, das 3000-Einwohner-Kaff zu erobern. Wenig später schleppten sie Peter Kassig, einen ihrer US-Gefangenen, dorthin und enthaupteten den 26-Jährigen vor laufender Kamera.
„Hier sind wir, und wir begraben den ersten amerikanischen Kreuzfahrer in Dabiq, in sehnsüchtiger Erwartung, dass der Rest eurer Armeen eintrifft.“ So kommentierte der maskierte Henker die Hinrichtung.
Im Internet sorgte die Aktion für Jubel: „Die Löwen des Islam haben das Banner des Kalifats in Dabiq aufgerichtet. Nun erwarten sie die Ankunft der Kreuzfahrer“, twitterte ein Tunesier. Andere schwadronierten bereits davon, dass sich die Ebene um das Bauerndorf perfekt für die große Schlacht eignen würde.

Den weiteren Verlauf der Dinge wähnten viele ebenfalls bereits zu kennen: Die „Armeen Roms“, bestehend aus den Streitkräften von 80 Nationen, werden in Dabiq vernichtend geschlagen. Der IS schnappt sich Istanbul (die ehemalige Hauptstadt des Oströmischen Reiches), bekommt dann aber ordentlich Probleme, weil der Daddschal auftaucht: eine Art islamischer Antichrist, der aus der Region Khorasan im Osten des Iran stammt. Ein Drittel der islamistischen Kämpfer wird getötet, ein weiteres Drittel läuft feige davon, der Rest wird in Jerusalem eingekesselt.

Knapp bevor der Daddschal auch sie ausschalten kann, steigt Jesus – der im Koran Isa ibn Maryam (Sohn Marias) heißt und von den Muslimen als wichtigster Prophet neben Mohammed verehrt wird – vom Himmel herab und spießt den Daddschal auf, womit dem Sieg des Islam nichts mehr entgegensteht.

Die Propagandisten der Terrormiliz wollen alle möglichen Hinweise darauf erkennen, dass sie auf dem besten Weg sind, ihr Ziel zu erreichen, und beziehen sich seit Mitte vergangenen Jahres offensiv darauf: unter anderem in einem Propaganda-Magazin, das nicht von ungefähr den Titel „Dabiq“ trägt. Sie zählen beispielsweise eifrig mit, wie viele Staaten sich der internationalen Koalition ihrer Gegner anschließen – 62 sind es bereits, fehlen nur noch 18 auf die 80. Dass der Iran Truppen in den schiitischen Teil des Irak geschickt hat, werten manche als Zeichen für das Herannahen des Daddschal.

Und die IS-Mitglieder tun zudem alles, um auch anderen einschlägigen Prophezeiungen zu entsprechen. „Ihre Herzen werden wie Eisenstücke sein. Sie werden einen Staat haben“, heißt es in einer davon, die auf den vierten Kalifen Ali ibn Abi Talib zurückgeht: „Sie werden sich nach ihren Kindern und ihren Städten nennen. Ihre Haare werden lang herabhängen wie die einer Frau.“

Dehnbares Rekrutierungskonzept

Inzwischen gibt es eine Reihe ernstzunehmender Experten, die im Hinarbeiten auf die Endzeit den eigentlichen Antrieb des IS erkennen – William McCants etwa, der als Fellow der Brookings Institution in Kürze ein Buch über den apokalyptischen Wahn des IS veröffentlicht. Dafür spricht, dass es das entsprechende Narrativ bereits in den Vorgängerorganisationen des IS gab. 2007 sollen sich irakische Al-Kaida-Leute bei Osama bin Laden beschwert haben, ihre Führer würden strategische Entscheidungen im Hinblick auf obskure Weltuntergangsfantasien treffen.

Andere Fachleute sehen darin weniger Überzeugung als zynisches Kalkül: „Es ist schwierig abzuschätzen, was die Führer des IS tatsächlich glauben“, sagt Michael W. S. Ryan, Islamismus-Experte am Middle East Institute und Senior Fellow der Jamestown Foundation: „Ihr Endzeit-Narrativ passt allerdings bestens zu ihrem Rekrutierungskonzept, ist äußerst dehnbar und lässt sich mit allen möglichen Szenarien vereinbaren.“

Das Komfortable für die Chefs der Terrormiliz: Selbst schwere Niederlagen und Rückschläge können den Fußtruppen als Fortschritte auf dem Weg zum großen Sieg verkauft werden. „Man darf annehmen, dass die große Mehrheit der IS-Kämpfer an derlei glaubt“, sagt Shadi Hamid, Fellow am Brookings Institute: „Es stärkt auch die Moral.“ Und es macht die Frage nach der tatsächlichen Überzeugung von Baghdadi und dem Rest der IS-Kommandoebene vorerst unerheblich.

„Der IS ist nicht die erste Gruppierung, die ein apokalyptisches Narrativ zu politischen Zwecken verwendet, und sie wird nicht die letzte sein. Wir dürfen auch nicht außer Acht lassen, dass es eine Reihe anderer Rekrutierungs- und Propagandamethoden gibt, die ihrer Natur nach politisch sind“, sagt Ryan gegenüber profil. Das Endzeit-Narrativ sei eine davon, vermutlich aber nicht die wichtigste. Es gehe wohl eher darum, den Siegernimbus des IS aufrechtzuerhalten: „Schafft es die Koalition, den IS im Irak und Syrien zurückzuschlagen, wird die Gruppe etwas von ihrem Glanz unter potenziellen Rekruten einbüßen.“

Mehr noch: Für das Eintreten der Prophezeiung müssen so viele Vorbedingungen erfüllt werden, dass das Konstrukt auch leicht ins Wanken geraten kann. Dafür reicht es schon, wenn aus der Entscheidungsschlacht um Dabiq nichts wird.
Dann könnte den Apokalyptikern um Abu Bakr al-Baghdadi ein ähnliches Schicksal widerfahren wie Charles Manson: Der heute 80-Jährige wartet nämlich immer noch vergeblich auf den ersehnten „Helter Skelter“ – und zwar im Gefängnis, seit 45 Jahren.