Wenn Aleppo Wien wäre …

Wenn Aleppo Wien wäre …

… dann würden die Nachrichten der vergangenen Wochen beispielsweise so lauten:

Die Geschichte "Wenn Aleppo Wien wäre …" (profil 8/2016) wurde bei den vierten Österreichischen Journalismustagen ausgezeichnet.

Wie ist das, wenn eine Stadt vernichtet wird? Die Nachrichten aus Syrien werden seit Tagen vom Kampf um Aleppo dominiert. Wir hören von Gefechten und Bombardements, von fehlender medizinischer Versorgung und Wasserknappheit, von eingeschlossenen Zivilisten und Zehntausenden Flüchtenden. Es ist offenkundig, dass dort Entsetzliches vor sich geht und das Leid der Bevölkerung immens sein muss - eine urbane Apokalypse, die nur wenige Vergleiche kennt. Die Zerstörung der tschetschenischen Hauptstadt Grosny durch russische Truppen in den 1990er-Jahren wäre einer, die Schlacht um Stalingrad die Einnahme von Berlin im Zweiten Weltkrieg möglicherweise auch.

Trotzdem wird nicht plastisch fassbar, was dort passiert. Die Stadt scheint zu weit entfernt - von unserer geografischen Lage, aber auch von unserer Realität.

Dabei hat Aleppo mit Wien weitaus mehr gemeinsam, als man denken würde; es ist alles andere als ein Provinzkaff. Noch vor wenigen Jahren war es eine blühende, geschäftige Metropole mit einer langen, auf Schritt und Tritt spürbaren Vergangenheit. Gelegen am Kreuzungspunkt uralter Handelswege, prächtige historische Gebäude im Stadtzentrum. Um die zwei Millionen Einwohner, ein buntes Gemisch von Völkern und Konfessionen, die durchaus entspannt miteinander umgingen. Beim Armenier im Christenviertel konnte man problemlos Arrak kaufen, auf den Straßen begegneten einander westlich gekleidete und tief verschleierte Frauen, von religiöser Radikalisierung war zumindest an der Oberfläche nichts zu bemerken.

Vergleich Aleppo Wien

Alles in allem: eine nach Maßgabe der Umstände - Leben unter einer Diktatur - durchaus funktionierende, in die Modernität hineinwachsende Großstadt.

Mittlerweile liegen große Teile von Aleppo in Schutt und Asche. Quer durch die Stadt zieht sich eine Frontlinie, entlang derer blutige Gefechte stattfinden. Der Westen und der Norden werden von den Truppen des Assad-Regimes kontrolliert. Diese versuchen, den von Rebellen gehaltenen Osten einzukesseln, und werden dabei von der russischen Luftwaffe unterstützt, die bei ihren Angriffen keinen Unterschied zwischen militärischen Zielen und Wohngebieten macht.

In den von der Regierung gehaltenen Vierteln ist ein Alltagsleben möglich. Jenseits davon herrschen menschenunwürdige Bedingungen: Elektrizität gibt es nur mehr zeitweise, sauberes Trinkwasser praktisch nicht mehr. Die medizinische Versorgung ist zusammengebrochen, die Schwerstverletzten, die der Krieg jeden Tag fordert, werden ohne ausreichende Betäubung in behelfsmäßigen Kellerspitälern operiert, Medikamente sind Mangelware.

Aleppo im März 2017

Wenige Kilometer östlich der Stadtgrenzen beginnt das Herrschaftsgebiet der Terrormiliz "Islamischer Staat“ (IS), im Nordwesten haben Verbände der syrischen Kurden das Sagen, im Norden hat die Regierungsarmee gerade die letzte Straßen- und Transportverbindung Richtung Türkei abgeschnitten. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes harren nur mehr 300.000 Menschen in Aleppo aus: Ihnen droht jetzt auch noch eine Hungersnot.

Selbst im Wissen um all das ist es schwierig, auch nur ansatzweise ein Gefühl für die Tragödie dieser Stadt zu bekommen. Vielleicht geht es ja, indem man sich vorstellt, sie fände vor der eigenen Haustüre statt.

profil hat die Frontlinien der Schlacht um Aleppo deshalb maßstabsgetreu auf die Großregion Wien und die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen auf konkrete österreichische Regionen, Städte und Schauplätze übertragen.

Entfernungen und Himmelsrichtungen wurden so weit wie möglich beibehalten, die Namen der Akteure ebenso. Die verwendeten Zitate wurden Blogs und Agenturmeldungen entnommen und bis auf den Austausch von Ortsnamen unverändert belassen.

Wenn Wien Aleppo wäre, hätten die Nachrichten seit Anfang Februar in etwa so gelautet:

Montag, 1. Februar

Kein Ferienbeginn für viele der 430.000 Schülerinnen und Schüler in Wien und Niederösterreich. In vielen Teilen der Großregion Wien findet seit Längerem kein geordneter Unterricht mehr statt. Aus dem Waldviertel werden schwere Kämpfe gemeldet, rund 3000 Menschen sind deshalb über die Grenze nach Tschechien geflohen. Rund um jene Teile Wiens, die von den Rebellen gehalten werden, wird der Belagerungsring immer dichter. Von Markgrafneusiedl und Hainburg aus hat die Armee einen Zangenangriff gegen die Terrormiliz IS gestartet, die weite Teile des Weinviertels in ihrer Gewalt hat: Stellungen der Ultra-Islamisten im Nationalpark Donau-Auen sollen eingekesselt werden.

Mittwoch, 3.2.

Regierungstruppen schneiden bei Korneuburg die letzte offene Straßenverbindung Richtung Norden ab. Damit ist nur noch ein Weg aus den Rebellengebieten der Stadt möglich: über Purkersdorf und den Riederberg ins Tullnerfeld und von dort Richtung Krems, das von Einheiten der syrischen Kurden kontrolliert wird.

Donnerstag, 4.2.

Die Kämpfe verschärfen sich. Zehntausende Menschen aus Wien und Niederösterreich versuchen, sich in Tschechien in Sicherheit zu bringen, werden an der Grenze aber nicht durchgelassen. Die durchnässten, verdreckten Flüchtlinge müssen nahe Kleinhaugsdorf bei winterlichen Temperaturen im Freien übernachten. Inzwischen verzeichnet die Regierungsarmee weitere Gebietsgewinne: Sie befreit Ernstbrunn und Dörfles, zwei von den sunnitischen Rebellen belagerte schiitische Dörfer nördlich von Wien.

Freitag, 5.2.

Bei Penzing, am westlichen Stadtrand von Wien, setzt die russische Luftwaffe international geächtete Clusterbomben ein. "Hunderte Geschosse gingen über unseren Köpfen nieder. Wir können kaum glauben, dass wir es da herausgeschafft haben“, erzählt ein Wiener, der wie so viele andere in den vergangenen Tagen in Richtung Grenze geflohen ist: "Es ist schlimm zurzeit, aber Gott wird uns helfen.“

Sonntag, 7.2.

Weitere russische Luftangriffe auf Gemeinden entlang der letzten von den Rebellen gehaltenen Straßenverbindung, der B 213, richten in Ollern, Chorherrn und Tulln schwere Zerstörungen an.

Montag, 8.2.

In der tschechischen Grenzstadt Znaim wächst der Unmut über die vielen Flüchtlinge aus Österreich: "Ich hab das Gefühl, nicht mehr in Tschechien zu leben“, sagt eine Krankenschwester gegenüber der Nachrichtenagentur DPA: "Es ist, als wären wir in Österreich. Auf Schritt und Tritt trifft man auf Österreicher.“

Die Stimmung droht zu kippen. "Arbeitslosigkeit und Hunger in der tschechischen Bevölkerung haben durch die vielen Österreicher zugenommen. Die Mieten sind in die Höhe geschossen“, ärgert sich ein Mann: "Der Staat muss sich zuerst um seine eigenen Bürger kümmern.“ Die Kriegsvertriebenen sollten in eine Sicherheitszone auf österreichische Seite zurückgeschickt werden. Ein anderer Bewohner der Stadt sieht es genauso: "Unser Znaim ist eine kleine Stadt, sie schafft es nicht, so viele Menschen aufzunehmen. Soll Gott ihnen helfen.“

Die Sorgen und der Unmut der einheimischen Bevölkerung seien "ganz natürlich“ und müssten von der Regierung ernst genommen werden, meint ein Migrationsexperte der Universität Prag. Man könne die Augen vor den Problemen nicht verschließen: "Die öffentlichen Dienstleistungen werden immer wieder unterbrochen, die Kriminalität könnte steigen.“ Dass aus Österreich immer wieder Artilleriefeuer zu hören ist, verstärke das Gefühl der Bedrohung.

Ein 20-jähriger Wiener schildert die Lage der Flüchtlinge, die nicht nach Tschechien gelassen werden und unter freiem Himmel ausharren müssen. Familien versuchen, unter Bäumen Schutz zu finden. Sie wickeln ihre Kinder in Decken ein, damit zumindest sie es warm haben. "Die Menschen haben nur die Kleider, die sie am Leib tragen. Viele haben nicht einmal Taschen. Sie sind nur mit dem weggelaufen, was sie haben.“

Währenddessen gerät der IS in Deutsch-Wagram unter heftigen Artilleriebeschuss durch die Regierungstruppen.

Dienstag, 9.2.

In der Stadtgemeinde Schwechat, sieben Kilometer vom internationalen Flughafen entfernt, sterben eine Frau und ihr Kind bei einem Luftangriff.

Donnerstag, 11.2.

Nach Angaben von Oppositionellen sind im ganzen Land 74 Menschen, darunter 13 Kinder und drei Frauen, ums Leben gekommen. Allein aus Wien werden 19 Kriegstote gemeldet.

Sonntag, 14.2.

Kurdische Truppen in Hollabrunn kommen von Tschechien aus unter Feuer. Aus dem Raum Krems verlegt die Al-Kaida-nahe Nusra-Front Hunderte schwerbewaffnete Kämpfer nach Wien.

Montag, 15. 2.

Eine Serie von Luftschlägen gegen medizinische Einrichtungen in Wien und Niederösterreich fordert mindestens 50 Menschenleben. Unter anderem wird das Krankenhaus von Hollabrunn angegriffen. Dabei sterben 14 Ärzte und Patienten. Auch ein Spital der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Neunkirchen wird mehrfach getroffen: ob von russischen Flugzeugen oder syrischen Kampfjets, ist vorerst unklar. Vier Raketeneinschläge fordern dort mindestens elf Menschenleben. "Die Zerstörung des Krankenhauses lässt eine lokale Bevölkerung von rund 40.000 Menschen ohne Zugang zu medizinischer Versorgung zurück, in einer aktiven Konfliktzone“, heißt es in einer Mitteilung von Ärzte ohne Grenzen. Ein Regierungsdiplomat erklärt, die NGO sei eine "Einheit des französischen Geheimdienstes, die auf unserem Territorium tätig ist“.

Artilleriebeschuss aus dem Raum Znaim in Tschechien tötet im Waldviertel vier Menschen, darunter zwei Kinder. Österreichische Flüchtlinge bringen beim Versuch, einen Grenzzaun im Mühlviertel zu durchbrechen, einen Wachsoldaten um.

"Ich bin in den letzten Jahren alle sechs Monate hierher gekommen, und jedes Mal war die Lage schlimmer“, erzählt ein Arzt, der freiwillig in Wien ist, um Hilfe zu leisten, gegenüber CNN: "Die Zerstörung ist unglaublich, sie betrifft fast jeden Straßenzug. Es gibt kaum sauberes Wasser, nur ein paar wenige Generatoren liefern Strom, aber auch die nur zeitweise. (…) Der Großteil der medizinischen Einrichtungen arbeitet im Untergrund. Allein heute wurden sechs von ihnen in der Region von Wien bombardiert. (…) Die Straßen, auf der die Hilfsgüter geliefert werden, werden Tag für Tag bombardiert.“

Dienstag, 16.2.

In Znaim treffen Reporter auf österreichische Kinder, die mitten im Winter am Busbahnhof Lebensmittel verkaufen. Ein 14-jähriger Flüchtlingsbub aus Wien, der mit nackten Füßen von Bus zu Bus läuft und Kekse anbietet, erzählt, sein Vater sei im Bürgerkrieg tödlich verletzt worden: "Ich muss arbeiten, um meine Mutter und meine drei Schwestern zu unterstützen.“

Gegenüber der BBC spricht ein Mann, der am Simmeringer Markt in der Geiselbergstraße Gemüse eingekauft hat, über die verzweifelte Lage in Wien: "Was kann uns die Regierung sonst noch antun. Uns mit Chemiewaffen angreifen? Soll sein. Dann sterben wir wenigstens keinen langsamen Tod.“

In Graz, das die Terrormiliz IS zu ihrer Hauptstadt in Österreich gemacht hat, enthauptet ein Henker vor zahlreichen Schaulustigen einen Steirer mit dem Schwert und hackt einem anderen die Hand ab.

Die Regierungstruppen erobern bei Obersiebenbrunn östlich von Wien ein Elektrizitätswerk zurück, das vor Monaten vom IS eingenommen, abgeschaltet und in ein Gefängnis umfunktioniert wurde.

Einheiten der Nusra-Front, die in Syrien für die Terrororganisation Al Kaida kämpft, beschießen Döbling: Dort haben sich kurdische Kämpfer festgesetzt und ihrerseits den von gemäßigten und islamistischen Rebellen kontrollierten Alsergrund angegriffen.

Regierungstruppen schlagen einen Vorstoß des IS bei Markgrafneusiedl zurück und töten Dutzende Kämpfer der Terrormiliz.

Mittwoch, 17.2.

Regierungstruppen werden im 7. Bezirk, zwischen Westbahnhof und Spittelberg, von Rebellen angegriffen. Sieben Soldaten sterben.

Drei Zivilisten, darunter ein Kind, kommen bei einem russischen Luftangriff in Laxenburg, eine halbe Stunde Autofahrt südlich von Wien, ums Leben.

Donnerstag, 18. 2.

Wie fast jeden Tag fliegen die russische und syrische Luftwaffe Angriffe auf Ottakring, Wieden, Simmering, Favoriten und andere Bezirke. Mithilfe der tschechischen Behörden werden über den Grenzübergang Kleinhaugsdorf 500 schwerbewaffnete Kämpfer - gemäßigte und islamistische Rebellen - mit Bussen nach Österreich gebracht, um in Hollabrunn gegen die syrischen Kurden zu kämpfen.

Die russische Luftwaffe tötet nach eigenen Angaben bei Angriffen gegen die Terrormiliz IS in Gänserndorf 70 Terroristen und verwundet 60 weitere.

Freitag, 19.2.

Im Waldviertel werden syrische Kurden sieben Stunden lang aus Tschechien unter Artilleriebeschuss genommen. Noch immer warten Zehntausende österreichische Flüchtlinge ohne ausreichende Versorgung an der Grenze.

Die Feuerpause, auf die sich die USA, Russland und andere beteiligte Staaten Mitte Februar in München einigten, hat es nie gegeben. Für Donnerstag kommender Woche wäre die Fortsetzung von Gesprächen zwischen der Regierung und der Opposition geplant, die bereits vor Wochen unterbrochen wurden. Allgemein wird angenommen, dass dieser Termin nicht zu halten ist.

"Der Beschuss hört nie auf, nicht einmal für eine oder zwei Stunden“, schreibt einer der wenigen, die noch in der Stadt sind, in einem Brief an einen Freund: "Alles, woran du dich erinnerst, gibt es nicht mehr: Vergiss es, es ist zu schmerzhaft. Die Bomben, die das Regime abwirft, töten ohne Unterschied. Alles ist anders, zerstört oder verlassen, tot.“

Die Geschichte ist erstmals in profil Nr. 8/2016 vom 22.02.2016 erschienen. Die aktuelle profil-Ausgabe finden Sie hier: