Wie ein Frontex-Mitarbeiter Opfer einer illegalen Rückführung wurde

Die EU-Grenzschutzagentur versucht seit Jahren sogenannte Pushbacks zu vertuschen. Nun erwischte es einen Mitarbeiter.

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So einen Fall gab es noch nie. Dabei ist die Debatte rund um das Thema alt: Immer wieder bringen griechische Grenzbeamte Schutzsuchende zurück in die Türkei, ohne dass diese einen Asylantrag stellen konnten. "Pushbacks" nennt man solche illegalen Rückführungen. Die Praxis verstößt gegen die Genfer Flüchtlingskonvention und die EU-Grundrechte-Charta. Seit Jahren berichten Medien, darunter auch profil, über derartige Fälle. Hunderte wurden mittlerweile dokumentiert - dieser hier ist anders.

Denn der Mann, den griechische Grenzschützer im September illegal zurückgeschickt haben, ist kein Asylwerber, sondern ein Übersetzer mit Wurzeln aus Afghanistan, der in Italien lebt. Sein Arbeitgeber? Ausgerechnet Frontex, jene EU-Grenzschutzagentur, die seit Jahren in der Kritik steht, "Pushback"-Fälle zu vertuschen.

Im September dieses Jahres saß der Übersetzer in einem Bus Richtung Thessaloniki. Polizisten hielten ihn für einen illegalen Migranten und nahmen ihn fest. Der Mann hat anonym mit der "New York Times" gesprochen, die als Erste über den Fall berichtete.

In dem Bericht gibt er an, von der Polizei geschlagen und entkleidet worden zu sein. Als er sich als Frontex-Angestellter zu erkennen gab, sollen die Polizisten gelacht und ihn weiter geschlagen haben. Dann brachten sie ihn in eine Lagerhalle, in der rund 100 weitere Menschen ausharrten, darunter Frauen und Kinder. Er wurde auf ein Schlauchboot gedrängt und über den griechisch-türkischen Grenzfluss Evros in die Türkei geschickt. Laut "New York Times" kann der Übersetzer die Geschichte mit Video- und Audiomaterial belegen. Seine Erzählung deckt sich mit dem, was Geflüchtete seit Jahren berichten.

Schläge, Tritte, Ohrfeigen

Auch in einem im Juni 2021 erschienenen Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist von Schlägen mit Stöcken, Knüppeln, Tritten beziehungsweise Ohrfeigen die Rede. Einem Mann soll die Wirbelsäule gebrochen worden sein. Mittlerweile sind nicht nur Pushbacks über den Seeweg, sondern auch per Flugzeug bekannt (profil berichtete). Griechenland hat diese Vorwürfe stets vehement bestritten. Diesmal dürfte das schwierig werden.

Am 25. November klingelte das Telefon des Frontex-Übersetzers. Am anderen Ende der Leitung: Ylva Johansson, EU-Kommissarin für Inneres. Auf Anfrage von profil heißt es aus ihrem Büro: "Nach einem ausführlichen Gespräch mit der Person war ich sehr besorgt. Insbesondere von der Aussage, dass das kein Einzelfall war. Er hat von über 100 weiteren Personen gesprochen, die sich in einer ähnlichen Situation befunden haben." Vier Tage nach dem Gespräch wandte sich Johansson an Takis Theodorikakos, Griechenlands Minister für den Schutz von Bürgern: "Ich betonte, dass ich eine unabhängige, gründliche und schnelle Untersuchung erwarte."

Wie die Geschichte des Frontex-Übersetzers ausging? In Istanbul wandte er sich an die italienische Botschaft und flog zurück nach Italien. Dabei wollte er eigentlich nach Thessaloniki. Mit dem Bus.

Franziska Tschinderle

Franziska Tschinderle

schreibt seit 2021 im Außenpolitik-Ressort. Studium Zeitgeschichte und Journalismus in Wien. Schwerpunkt Südosteuropa / Balkan.