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Ausland
01/30/2019

"Wie ein Vulkan, der sehr langsam explodiert"

profil-Mitarbeiterin Andreína Itriago über das Chaos und die Gewalt in Venezuela.

"In Venezuela ist der Konflikt um Präsident Nicolás Maduro und sein sozialistisches Regime eskaliert. Der zuvor wenig bekannte Oppositionelle Juan Guaidó erklärte sich vergangene Woche zum Interimspräsidenten und wird dabei von den USA und anderen westlichen Staaten unterstützt. Russland und China, aber auch lateinamerikanische Länder wie Mexiko und Bolivien, stehen auf der Seite Maduros. Es passiert viel in der Nacht. Früher ging meist die Mittelschicht am Tag gegen Maduro auf die Straße. Diesmal protestieren aber vor allem Menschen aus Vierteln in Caracas, in denen die Armen wohnen. Dort gibt es Hunger, kein Licht, kein Wasser. Sie gehen im Dunkeln hinaus. In einer Nacht gab es bis zu 60 Proteste in der ganzen Stadt, dabei wurden auch einige Geschäfte geplündert. Heute war ich draußen, um zu recherchieren. Es war ruhig. Eine angespannte Stille. Wie ein Vulkan, der sehr langsam explodiert.

Das Gefühl von Gefahr hat sich verändert. Ich habe keine Angst mehr, mit meinem Handy durch die Straßen zu gehen. Das letzte Mal wurde ich 2013 überfallen, heute stehlen die Leute ohnehin nur noch Essen und Medizin. Fürchten muss man sich derzeit vor der Polizei und dem Militär. Ich habe Kolonnen mit Autos ohne Nummernschilder durch die Stadt fahren sehen. In den Wagen sitzen Vermummte in Uniformen. Das Problem ist, dass es zu viele verschiedene Uniformen gibt: Man weiß nie, mit wem man es auf der Straße zu tun hat.

Für die Menschen ist es schwer, an vertrauenswürdige Informationen zu kommen. Die Medien befinden sich unter staatlicher Kontrolle, die Investigativ-Website Armando.info, für die ich arbeite, wird in Venezuela blockiert. Es gibt viele Fehlinformation und Fake News, die meist über WhatsApp oder Twitter kursieren. Gestern hieß es zum Beispiel, Oppositionsführer Juan Guaidó habe Angst bekommen und sei in eine ausländische Botschaft geflüchtet. Zuerst soll es die kolumbianische gewesen sein, dann die US-amerikanische. Ich habe den halben Tag recherchiert, nur um herauszufinden, dass das nicht stimmt. Aber die Leute lernen dazu. Vor allem die Jungen mahnen ihre Eltern:'Mama, Papa, teilt das nicht einfach.'

Gestern bin ich hinausgegangen, um mit Demonstranten zu reden. Meine Quellen haben mich gewarnt, dass die Regierung hart reagiere. Mir machte das Angst: Bei den großen Protesten im Jahr 2017 wurde ich von einem Molotow-Cocktail am Arm getroffen und habe einen Monat lang an den Verletzungen gelitten. Diesmal war ich noch nicht weit gekommen, da hörte ich schon die ersten Schüsse und bin sofort zurückgelaufen, um meinen Helm und meine Weste zu holen. So geht es allen in der Stadt. Mich überrascht, wie viele Menschen ohne Helm auf die Straße gehen. Schließlich sind bei den Protesten 2017 rund 150 Personen gestorben. Ich glaube, die Leute sind so müde, dass ihnen alles egal ist.

profil-Mitarbeiterin Andreina Itriago mit ihrer Schutzausrüstung

Juan Guaidó tauchte gestern bei einem Protest auf und begleitete ihn eine Weile. Einige feiern ihn wie einen Rockstar, anderen scheint er nicht so wichtig zu sein. Viele meiner Kollegen sind überrascht, wie er quasi über Nacht zum Anführer wurde. Er ist sehr jung, gerade einmal 35 Jahre alt. Da die Regierung seit Montag ankündigt, ihn ins Gefängnis stecken zu wollen, muss er wohl massive Sicherheitsvorkehrungen treffen. Oppositionelle in Venezuela schlafen nie zu Hause oder bei Verwandten, sie wechseln die Wohnung, sooft es geht. Ich nehme an, dass Guaidó nun Bodyguards beschäftigt und eine kugelsichere Weste unter dem Hemd trägt. Ich dachte mir trotzdem: Das ist viel zu gefährlich -auf der Straße können sie ihn jederzeit erschießen.

Ich habe das Gefühl, dass in Venezuela niemand Maduro wirklich mag. Hugo Chávez (sein verstorbener Vorgänger und Anführer der sozialistischen Revolution in Venezuela, Anm.) war charmant, in den Armenvierteln erzählen mir die Leute bei Recherchen, wie sehr sie ihn mochten. Über Maduro sagt das niemand. Sie stehen auf seiner Seite, weil er ihnen Essen und Wohnungen gibt - und weil er droht, ihnen das alles wegzunehmen, wenn sie sich gegen ihn stellen. Aber ich glaube nicht, dass ihn jemand mit seinem Leben verteidigen würde."

Dieser Text basiert auf einem Telefongespräch, das in der Nacht vom vergangenen Donnerstag auf Freitag geführt wurde.