Alexander Horwath, Ex-Chef dse Filmmuseums, und Regina Schlagnitweit, Autorin
Alexander Horwath, Ex-Chef des Filmmuseums, und Autorin Regina Schlagnitweit legten 2024 „Henry Fonda for President“, einen international akklamierten Essayfilm über die USA, vor. Dieser ist soeben bei Hoanzl als Doppel-DVD erschienen, inklusive Gesprächen, die Christian Petzold und Kent Jones mit Horwath über dessen Werk und die Person Henry Fonda geführt haben.
Schon die Frage, die Einladung von profil, weist auf die Falle hin: Man kann nicht einfach ein ganzes Land, dessen Bevölkerung, deren Tun (oder Lassen) lieben (oder hassen), zumindest sollte man es nicht. Man landet dann immer nur beim Klischee, beim Kitsch, beim Mythos. Obwohl manche Ein-Satz-Definitionen natürlich wirkungsvoll sind, die großen wie die kleinen. Von hier: „The United States themselves are essentially the greatest poem“ (Walt Whitman) bis hier: „Amerikaner nehmen auch sonntags den Kaugummi nur aus dem Mund, um ihn auszuwechseln.“ (Wolf Wondratschek).
Aber die Falle, die bleibt. Dort lauert der Nationalismus, und der ist die Krätze. Dass so viele US-Amerikaner bereitwillig in diese Falle gehen und sich für ein auserwähltes Volk halten, ändert nichts daran. Ebenso wenig wie das Gegenbild, das im Rest der Welt heute so verbreitet ist: dass die USA und ihre Einwohner Schuld an allem tragen, was die Erde quält. Wir könnten darauf antworten mit fein ziselierten Listen der amerikanischen Dinge, die unser Herz höherschlagen oder es regelmäßig stillstehen lassen. Doch beide dieser Listen wären viel zu lang. Interessanter, realitätsnäher ist das Unreine und Uneindeutige und Ungelöste, der Dreck, die swamps, das Bastardhafte der Kulturen und Mentalitäten, das uns dort öfter begegnet als anderswo. Von den Mutationen der Musik bis zur geschändet schönen Topografie. Und bis zum Umstand, dass nirgendwo sonst der Individualismus und der Konformismus so deutlich ausgeprägt sind. Auch die Wahl zwischen „echt“ oder „fake“ – sie spielt keine Rolle mehr, sobald die Kellnerin im Diner „Honey!“ zu dir sagt. Es ist die Entscheidung zur Freundlichkeit, die hier wirksam wird, egal ob die Anrede „ernst gemeint“ oder „nur aufgesetzt“ ist.
Star-Spangled to Death – das ist der Titel eines der größten (und längsten) Filme Amerikas, von einem seiner bedeutendsten Filmemacher: Ken Jacobs. Ein wahnwitzig anti-amerikanischer Film und zugleich ein uramerikanischer, in seinem Witz und Freiheitswillen und Widerspruchsgeist. Ein Film wie sein Schöpfer, und wie so viele der unerschöpflich unreinen Figuren dieses Landes: A walking contradiction, partly truth and partly fiction.
MAK-Direktorin Lilli Hollein in der Säulenhalle ihres Hauses
Lilli Hollein, Generaldirektorin MAK – Museum für angewandte Kunst Wien
Das MAK hat als einziges österreichisches Bundesmuseum eine Expositur in den USA, das MAK Center Los Angeles, aufgeteilt auf drei Häuser, entworfen von Rudolph Schindler. Für den österreichischen Architekten waren die USA in den 1920er-Jahren wie für viele andere Künstler:innen ein Land der Möglichkeiten, der Offenheit und des Fortschrittsglaubens und kurz darauf für viele Menschen ein Kontinent, der schlicht die Möglichkeit zu überleben bot. Die Wichtigkeit künstlerischer Freiheit und Entfaltung und der Druck darauf durch politische Systeme ist vielerorts spürbar, Rückschritt dort, wo einst Fortschritt war. Umso mehr muss man die Verbindung halten und die Wichtigkeit dieser Werte untermauern, zum Beispiel als kleine Expositur in einer großen Metropole.
Caroline Peters, Schauspielerin und Autorin, verbrachte als Schülerin ein Austauschjahr in den USA.
Amerika steht mir sehr nah und mein Herz blutet, wenn ich an die Gegenwart dort denke. Ich hatte als Schulkind der 1980er-Jahre in Westdeutschland das Glück, im Zuge eines Schüleraustauschs bei einer intellektuellen, liberalen Gastfamilie an der Ostküste zu landen:Der Vater war der Antisemitismusforscher und Germanist Sander L. Gilman, seine Frau die Opernsängerin und Vocal-Coach Marina Gilman. Mit beiden stehe ich bis heute in Kontakt, sie halten mich noch immer auf dem Laufenden über das Kulturleben, und leider auch über die geschlossenen Kulturstätten in Washington DC. Die Sonntagmorgen mit der Wochenendausgabe der „New York Times“, die man erst bis zum Abend durchhatte, die Lachs- und Creamcheese-Bagels, die Gespräche – das alles gehörte zu einem verheißungsvollen Kulturleben und bedeutete ein Versprechen auf weite geistige Horizonte, die damals deutlich über den Mainstream in Westdeutschland hinaus gingen.
2024 sind mein Mann und ich nach Chicago und Washington gereist. In Chicago wohnten wir im selben Hotel wie hunderte Abgeordnete der Demokraten, dem Palmer House Hilton. Der „Democratic National Congress“ war gerade im Gange, bei dem Kamala Harris zur Kandidatin ausgerufen wurde. Die Stimmung nachts an der Bar war unglaublich kämpferisch und positiv. Die Gespräche zeugten alle von grundlegendem Willen, Amerika als Land der Möglichkeiten zu schützen, in welchem es vielen sehr gut gehen soll, nicht nur manchen. Wir sprachen mit einer Abgeordneten, der wir viel Glück wünschten für die Wahlen, für Amerika und für den Rest der westlichen Welt und fingen beide spontan an zu weinen.
Die gedankliche Weite kannte ich nur von dort, und nun regiert dort der Wunsch nach Enge. Das ist schwer zu ertragen. Vielleicht ist es sowas wie der umgedrehte Thomas-Wolfe-Blick: der amerikanische Schriftsteller hat das Versinken der Deutschen als Nation der Dichter und Denker im Faschismus nicht ertragen. Ich schaue nun zurück auf die ehemaligen „Befreier“, so hießen die amerikanischen Truppen einst in Westdeutschland, und kann es ebenfalls nicht fassen.
Sona MacDonald, „Austro-Amerikanerin“, Schauspielerin und Sängerin
Was ich an Amerika liebe, ist die Offenheit und Freundlichkeit seiner Menschen, die bei uns oft als Oberflächlichkeit abgewertet wird. Amerika ist ein Einwandererland. Die Hilfsbereitschaft, die ich dort erlebt habe, gibt es in Europa in der Form nicht. Ich hatte hier manchmal das Gefühl, Menschen zu irritieren, wenn ich direkt auf sie zugegangen bin oder ihnen ein Kompliment gemacht habe. Meine Gedankenwelt ist noch immer amerikanisch, obwohl ich schon lange nicht mehr dort lebe. Englisch ist die Sprache, in der ich groß geworden bin. Die Literatur ist für mich die stärkste: Joan Didion, Joyce Carol Oates, Tennessee Williams, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway. Sie tröstet mich über die schreckliche Situation der Gegenwart.
Lenny Bronner ist Daten-Wissenschafter und studierte an der Stanford University. Er war lange für die „Washington Post“ als Senior-Data-Scientist tätig und lebt in New York.
Dieses Land hat eine ansteckende Energie, die einen nicht mehr loslässt. Vielleicht ist das zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten nur noch ein Klischee aus einer vergangenen Zeit. Aber diese Energie gibt einem das Gefühl, dass sich was bewegt – dass man sich selbst entfalten und gleichzeitig etwas bewirken kann. Sie wird befeuert durch Ehrgeiz, Vielfalt und Chancen. Und manchmal durch pure Maßlosigkeit: Milkshakes mit Cheesecake obendrauf, Pizza mit fünf Fleischbelägen, Bagels mit doppeltem Lachs und dreifachem Frischkäse. Selbstentfaltung in großen Worten und großen Portionen.