Wieder bebt die Erde in Nepal

Wieder bebt die Erde in Nepal

Erneut hat ein schweres Erdbeben die Himalayaregion erschüttert und die Menschen erneut verängstigt. Viele werden die Nacht wieder im Freien verbringen. Zahl der neuen Opfer noch unklar.

Plötzlich fängt der Boden an zu rütteln. Es fühlt sich an, wie ein Unwetter auf einem Schiff, aber wir sitzen im vierten Stock eines Hauses in Boudha, einem buddhistischen Viertel am Stadtrand von Kathmandu. Gerade wollte ich ein Interview mit Tulku Sherab Zangpo beginnen, einem reinkarnierten Lama aus der Bergregion Dolpo nahe der Grenze zu Tibet. Er hat eine kleine Organisation gegründet, die dort eine Schule unterhält und sich um soziale Dinge kümmert. Jetzt hilft sie den Opfern des Erdbebens mit Unterkunft und Essen. In den vergangen Tage habe ich sein Team in ein Dorf im stark zerstörten Distrikt Nuwakot begleitet.

Das Rütteln wird immer heftiger. Die Butterlampen und Buddhabilder an der Wand klappern, ein erschrockener Blickwechsel, ein Blick zur Decke, dann rennen wir los, die marmorne Treppe hinunter. Tulku Sherab Zangpo hat seine Mönchsrobe um die Hüfte gerafft, er läuft geduckt und hält sich am Treppengeländer fest. Immer wieder schaut er sich um, ob ich noch hinter ihm bin. Ich folge so schnell ich kann. Eigentlich ist des Treppenhaus ein schlechter Ort, um sich bei einem Erdbeben aufzuhalten. Es ist der schwächste Teil eines Hauses. Aber im vierten Stock sollte man sicher auch nicht blieben. 7,4 auf der Richterskala werden die Erdbebenmessstellen melden. Das Epizentrum liegt bei Namche Basar, der Heimat der Sherpa nahe des Everest Basecamps.


Immer noch rüttelt alles, das Beben dauert gefühlte Minuten an, in Wahrheit sind es nur einige Sekunden

„Pa la, Pa la! Wo bist du? Komm schnell nach draußen.“ Während er sich am Geländer festklammert ruft Tulku Sherab Zangpo seinen Vater, der im ersten Stock einen Mittagsschlaf macht. In den Augen des sonst so ruhigen und heiteren Mönches steht Panik. Er ist bleich. Er eilt ins Schlafzimmer, um sicher zu gehen, dass sein Vater mit nach draußen kommt. Immer noch rüttelt alles, das Beben dauert gefühlte Minuten an, in Wahrheit sind es nur einige Sekunden. Nach und nach sammeln sich die Hausbewohner auf einer kleinen Grünfläche am Rand des Innenhofs.

Die sechsjährige Tochter des Bruders von Tulku Sherab Zangpo kommt pitschnass und nackt nach draußen gelaufen. Sie war gerade unter der Dusche auf dem Dach als das Beben begann. Weinend und zitternd zieht sie ihre Kleider an, bleibt immer wieder mit den Füßen in den Hosenbeinen hängen, bis Sonam, eine Studentin aus Dolpo, die bei der Familie wohnt, ihr hilft.
Mir sitzt auch der Schrecken in den Knochen und ich fühle, wie ich durch den Schock anfangen möchte zu schluchzen. Stattdessen schauen wir uns gegenseitig an, Tulku beginnt als erster zu lachen und wir alle stimmen ein. So gehen die Menschen hier immer mit schwierigen Ereignissen um.

Jedoch weiß jetzt niemand so recht wohin; das Haus ist zwar massiv und erst sechs Jahre alt, aber was, wenn noch ein stärkeres Beben folgt? „Bleibt alle hier, geht jetzt nicht auf die Straße,“ sagt Tulku. Die Gassen ringsherum sind schmal und die mannshohen Backsteinmauern umgrenzt, die die Grundstücke begrenzen instabil gebaut. Bei dem ersten Beben vor rund zwei Wochen wurden gerade von herabfallenden Steinen dieser Mauern viele Menschen verletzt oder getötet.


Die Menschen sind alle nach draußen geflüchtet

Als alle Hausbewohner beisammen sind, gehen wir zu einem kleinen Feld neben dem Haus. Kaum angekommen, wackelt wieder der Boden und lässt die jungen Maispflanzen zittern. Mehrere Nachbeben werden folgen.

Die Straßen sind leergefegt, fast alle Läden haben geschlossen und ihre Rollläden nach unten gelassen. Die Menschen sind alle nach draußen geflüchtet, auch wenn in Boudha anscheinend alle Häuser stehengeblieben sind. Die meisten sind recht neu und stabil gebaut. Aber zu tief sitzt noch der Schock vom ersten Beben, so dass sich nun niemand zurück nach drinnen traut. Von einem gerade neu gebauten und noch nicht verputzenden Haus sind Steine heruntergefallen. Zum Glück ging gerade niemand durch die Gasse. Auch an der großen weißen Stupa mit den Buddhaaugen, dem Wahrzeichen von Boudha sind Schäden zu sehen. Ein Teil der goldenen Krone ist herausgebrochen und hängt schief.

Der Händler Chandra Pratesh, der einen kleinen Stand zwischen zwei Häusern in einer der engen Gassen betreibt packt sein Obst und Gemüse zusammen. „Mir reicht es für heute“, sagt er.

Nachrichten aus dem Zentrum Kathmandus kommen nur spärlich an. Die Telefonleitungen scheinen überlastet. Immerhin funktioniert das mobile Internet noch.


Wir hatten heute zeitweise 300 Leute da, es gab etwa 10 Verletzungen

Thierry, ein französischer Arzt, der nach dem ersten Beben nach Nepal gekommen war, um zu helfen, kommt gerade aus dem Zentrum zurück. „Ich musste den größten Teil des Weges laufen“, sagt er. „Aber viele Schäden habe ich nicht gesehen.“
Andere berichten, dass zahlreiche Häuser, die beim ersten großen Beben beschädigt wurden, eingestürzt sind. Aus den betroffenen Bergregionen werden Erdrutsche gemeldet, auch dort sind beschädigte Häuser zusammengestürzt.

In Bhaktapur, einer der drei Königsstätte im Kathmandutal mit einer großen Altstadt, gab es erneut Verletzte. Dr Petra Lange ist dort mit einem Team von Apotheker ohne Grenzen im Einsatz. In Zusammenarbeit mit der deutschen Organisation Navis betreibt sie eine mobile Krankenstation, die sich um die Verletzten aus ersten Erdbeben gekümmert hat. „Wir hatten heute zeitweise 300 Leute da, es gab etwa 10 Verletzungen“, sagt sie. „Wir mussten röntgen, aber den OP haben wir zum Glück nicht gebraucht. Nur einer kam mit einem gebrochenen Bein.“

Bis heute mittag waren in der Klinik kaum noch Fälle in Behandlung, die mit dem Erdbeben zusammenhingen. Die meisten Patienten kamen inzwischen mit ganz normalen Leiden, wie Kopfschmerzen, Magen-Darm-Problemen und Ähnlichem. Viele, deren Häuser zerstört wurden und die jetzt in Zelten übernachten müssen, hatten sich bei dem Regen und den kalten Nächten der letzten Tage erkältet.


Sie zitterten und konnten sich nicht bewegen

„Einige, die heute zu uns kamen, litten an einem Schock. Sie zitterten und konnten sich nicht bewegen“, sagt Sajan Napit, ein 22-jähriger Student aus Bhaktapur, der in dem Camp als ehrenamtlicher Übersetzer aushilft, da die Universitäten seit dem ersten Beben geschlossen sind. Eigentlich sollten Sie am 15. Mai wieder eröffnen, aber daran ist wohl jetzt nicht zu denken. Viele öffentliche Gebäude waren vor zwei Wochen bereits stark beschädigt worden und nicht mehr benutzbar. Nun müssen sie erst recht untersucht werden, ob sie noch stabil sind.

„Die Leute hier in Bhaktapur bringen alle ihre Sachen nach draußen und schlagen wieder Zelte auf“, sagt Napit. Auch seine Familie wird die Nacht draußen verbringen.

Die nepalesische Regierung meldet mindestens 36 Tote und rund 1100 neue Verletzte. Inzwischen sind 31 der 75 Distrikte des Landes betroffen. Aber die Lage ist unübersichtlich, da die abgelegenen Regionen zum Teil nicht erreicht werden können. Es bleibt zu hoffen, dass es diesmal weniger Opfer gab, da die sich kaum jemand mehr in den instabilen Häusern befand.

Nachdem es eine halbe Stunde ruhig geblieben ist, gehen wir zu einem Kloster in der Nähe des Hauses von Tulku Sherab Zangpo. Auf einem großen freien Platz davor haben sich schon einige hundert Menschen versammelt. Die Mönche stehen unschlüssig herum. Viele telefonieren mit ihren Freunden in anderen Teilen der Stadt. Sie lachen wieder. Wir alle werden die Nacht dort verbringen.