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Stimmen aus dem Krieg
03/19/2022

„Wir bleiben, und wir kämpfen bis zur letzten Sekunde“

Olha Chaban lebt in der westukrainischen Stadt Lwiw, in die Hunderttausende Menschen geflohen sind. Doch auch dort sind sie nicht mehr sicher.

von Lena Leibetseder

Seit dieser Woche heulen die Sirenen öfter und länger in Lwiw. Waren es zu Beginn des Krieges noch vereinzelte einstündige Alarme, dauern sie jetzt drei, vier Stunden. Olha Chaban verbringt die Nächte zusammen mit ihrer Familie auf dem Gang ihres Hauses. Der Keller hat nur einen Ausgang, und die Wände in dem alten, „österreichischen“ Haus aus Monarchiezeiten sind zwar sehr dick, „anders als in denen aus der Sowjet-Zeit“, die Fenster aber groß. Sie haben die Scheiben mit Klebeband verstärkt, um sich vor Scherben und Splittern zu schützen, aber wenn ihr Haus oder ein anderes Gebäude in ihrer Straße angegriffen wird, werde ihnen das nicht viel nützen, meint Olha.

Das ist die neue Normalität in jenem Land, das seit dem 24. Februar von Russland angegriffen wird. „Ich muss sagen, dass ich mich schon an die Situation gewöhnt habe. Das hört sich komisch an, aber auch meine Familie, wir haben uns alle daran gewöhnt“, sagt Olha. And wenn ihre Freunde sie fragen, wie es ihr gehe, antwortet sie: „Gut, aber ich bin sehr wütend.“ Die Ukrainerinnen und Ukrainer tun gut daran, sich Extremsituationen anzupassen. Sie erzählt, dass ihr Vater bei Luftalarm einfach weiterschläft. „In Kiew ignorieren manche die Sirenen mittlerweile, weil sie sowieso die ganze Zeit heulen.“ Olha kann das nicht, sie findet den Lärm zu schrecklich, zu angsteinflößend. „Vor dem Krieg kannte ich so einen Alarm nur aus dem Kino, aus apokalyptischen Filmen, und es ist wirklich beklemmend, das in meiner Straße, in meiner Stadt zu hören.“

Die Ukrainerinnen und Ukrainer nennen Lwiw die letzte sichere Großstadt. Aus den anderen Teilen des Landes kommen täglich Zehntausende hierher, in den Westen, um Schutz vor Raketen und Panzern zu suchen. Wenn die Sirenen heulen, flüchten sie sich in Fitnessstudios, Turnsäle und Schulen, die Wohnungen und Keller sind überfüllt. Olha sagt: „Wir versuchen unser Bestes, aber es sind einfach so viele Menschen. Ich habe noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen.“ Das städtische Spital ist überlastet, weil verletzte Kinder aus der Umgebung medizinische Betreuung brauchen. „Wenn ich auf die Straße gehe, sehe ich sehr viele Leute mit Rucksäcken. Ich weiß nicht, ob das Geflüchtete sind oder Menschen wie ich, denn wenn ich hinausgehe, nehme ich immer meinen Notfallrucksack mit, für den Fall, dass etwas passiert und ich flüchten muss. Ich habe immer meine Dokumente, mein Geld, mein Handy, mein Ladekabel und alles Wichtige dabei.“ Viele nehmen auch ihre Haustiere auf jeden Ausgang mit, aus Angst, sie im Falle eines Angriffes nicht rechtzeitig holen zu können. Olha berichtet von Katzen, Hunden, sogar von zahmen Füchsen. Die Parkplätze sind überfüllt. Um bei der Flucht aus umkämpften Gebieten nicht beschossen zu werden, haben viele Menschen auf ihre Autos geschrieben, dass Kinder im Fahrzeug sind.

Seit Wochen bereiten sich die Bewohnerinnen von Lwiw auf einen Angriff vor. Sie verkleben Fenster, errichten Panzerblockaden, stapeln Sandsäcke und packen Notfallrucksäcke. Nur Molotow-Cocktails bereiten sie nicht vor, denn die sind nur 24 Stunden lang einsetzbar. In der ersten Kriegswoche musste Olha nicht arbeiten, sie half, Tarnnetze für Panzer zu knüpfen und Notquartiere für Flüchtlinge zu organisieren.

Bislang blieb Lwiw verschont. Das habe sie anfangs überrascht, meint Olha: „Die russische Propaganda stellt Lwiw immer als das Zentrum des faschistischen Regimes und als das wichtigste Versteck der Nazis dar. Das stimmt natürlich nicht … Aber wir wurden nicht angegriffen. Noch nicht.“

Während weiter östlich Kämpfe toben, strömen die Massen nach Lwiw, der letzten vermeintlich sicheren Stadt, in der seit dieser Woche die Sirenen nächtelang durchheulen. Die Menschen werden nervöser und haben Angst. Viele befürchten, Putin hebe sich die Stadt im Westen als letzten „Snack“ auf. Die Einschläge kommen jedenfalls näher: Am 13. März erfolgte ein Angriff auf den Truppenübungsplatz Jarowir, nordwestlich der Stadt, mit Toten und Verletzten.

Olha will in Lwiw bleiben, auch wenn es gefährlicher wird. Ihr Freund und ihr Vater dürfen das Land nicht verlassen, und sie will nicht ohne ihre Lieben gehen. „Vor dem Krieg dachte ich, dass ich flüchten werde, wenn die Raketen fliegen, aber sie fliegen schon lange, und ich bin immer noch hier. Ich habe das weder von mir noch von meinen Freunden erwartet, aber viele von uns sind bereit, einer Partisanenbewegung beizutreten. Wir bleiben, und wir kämpfen bis zur letzten Sekunde.“

Am Freitagmorgen werden heftige Explosionen in der Nähe von Lwiw gemeldet. Olha geht es gut, sie sagt, dass es keine Opfer gab. „Lwiw ist immer noch einer der sichersten Orte“, schreibt sie uns, bevor sie zur Arbeit geht.