Aufklärung statt Verbote
Noch im Juni 2026 soll das Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren, auf das sich die Regierung geeinigt hat, umgesetzt werden. Doch wie die nationale Lösung genau aussehen wird, ist nicht zur Gänze geklärt. Deswegen hat Markus Hengstschläger den Technologiefolgen-Abschätzungsforscher Fabian Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und den Musiker BAC ins Spontan-gefragt-Studio eingeladen. „Es klingt simpel: Man ist zu jung, also kommt man in die Social-Media-Kanäle nicht hinein“, sagt der Moderator. „Aber wie wird das in der Praxis umgesetzt?“ Das habe er sich für eine Studie angeschaut, antwortet Fabian Fischer. „Es hat sich gezeigt, dass es fraglich ist, ob die möglichen Optionen tatsächlich effektiv sind“, fasst der Wissenschafter zusammen. „Zudem sind viele der verfügbaren Möglichkeiten sehr datenintensiv, sprich: Man muss viele Daten bekannt geben.“
Fabian Fischer
Nach dem Studium der Informatik absolvierte Fabian Fischer das Master-Studium „Science-Technology-Society“ an der Universität Wien. In seiner Forschung an der Schnittstelle dieser beiden Disziplinen fokussiert er sich auf die kritische Betrachtung algorithmischer und datengetriebener Systeme, inklusive KI. Fischer war in EU- und national geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekten an der WU Wien, Modul University und Spin-offs tätig. Anschließend wechselte er an die Informatik der TU Wien und war u. a. am Centre for Informatics and Society beteiligt. Seit 2023 ist Fischer Mitglied der Young Section der ARGE KI und Menschenrechte der Österreichischen Forschungsgesellschaft. Nach einer Position an der Universität für angewandte Kunst (Studiengang Cross-Disciplinary Strategies) wechselte er 2024 an das Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW.
BAC erzählt, dass soziale Medien in seinem beruflichen und privaten Leben eine wichtige Rolle spielen. „Ich bin dem Verbot gegenüber skeptisch eingestellt“, sagt der Musiker. „Denn es stellt einen großen Eingriff in die Privatsphäre dar.“ Markus Hengstschläger will wissen, ob es bisher keine Altersüberprüfung gibt. Es gebe Plattformen, auf denen ein Altersbutton angeklickt werden müsse oder eine Selbstauskunft verlangt werde, erzählt Fabian Fischer. „Wird ein Mindestalter vorausgesetzt, gibt es Technologien wie einen Gesichtsscan, anhand dessen das Alter geschätzt wird“, fasst er zusammen. „Oder man muss einen Ausweis samt einem Selfie hochladen, um die Angaben abzugleichen.“ Wie die bekannt gegebenen Daten genutzt werden, wisse aber niemand. „Abgesehen davon, dass sie in falsche Hände gelangen können, können die User*innen noch besser getrackt werden, und für die Werbetreibenden fallen lukrative Informationen an“, betont der Forscher. „Das will der Staat nicht, daher ist unklar, wie das Verbot technisch umgesetzt wird.“
BAC
Der österreichische Pop-Rapper wurde als Samuel Ashenafi in Äthiopien geboren und wuchs bei seinen Adoptiveltern in Villach, Kärnten, auf. Mit sechs Jahren begann er, das Klavierspielen zu erlernen, und brachte sich autodidaktisch weitere Instrumente bei. BAC verfügt über das absolute Gehör, und es zeigte sich früh, was für ein außergewöhnliches musikalisches Talent er besitzt. Mit 14 Jahren entdeckte er die Deutsch-Rap-Szene und begann Songs zu komponieren und selbst zu produzieren. Seine erste Single „Dreams & Prophecies“ erschien 2021, den großen Durchbruch schaffte er mit „Rosaroter Tee“. 2025 wurde BAC auf der Artists-to-watch-Liste von Amazon Music und Diffus geführt. Seine stetig wachsende Fanbase in Österreich, Deutschland und in der Schweiz informiert er regelmäßig auf Social-Media-Plattformen.
Eigenverantwortung stärken
BAC bringt einen neuen Punkt ins Spiel. Der Rapper weiß, dass nicht nur seine Musik über soziale Medien Verbreitung findet, und hält das Verbot auch deshalb für problematisch. „Ich weiß nicht, welche Plattformen alle betroffen sein werden“, sagt er. „Aber man reglementiert so auch das Musikhören für Jugendliche.“ Es stimme zwar, dass man beim Surfen schnell auf falschen Seiten landen könne, so BAC, aber das würden Verbote seiner Meinung nach nicht ändern können. „Ich finde, dass da eine große Verantwortung bei den Eltern liegt“, betont er. „Sie müssen die Social-Media-Nutzung ihrer Kinder moderieren.“ Da hakt Markus Hengstschläger gleich nach: „Geht das wirklich so schnell, dass Jugendliche auf Seiten landen, auf denen sie vom Alter her nichts verloren haben?“ Fabian Fischer bestätigt das. Der allgemeine Konsens sei, dass die Plattformen so gestaltet seien, um die User möglich lange online zu halten, weil so mehr Gewinn zu lukrieren sei. „Es hat sich gezeigt, dass aufregende, empörende Inhalte User lang bei der Stange halten“, erklärt er. „Deshalb können sie tatsächlich in ein Rabbit Hole abstürzen, wo man innerhalb weniger Stunden radikal-islamische, rechtsextreme oder ähnliche Inhalte angezeigt bekommt.“ Der Wissenschafter legt noch ein Schäuflein drauf: „Viele Studien zeigen, dass exzessive Social-Media-Nutzung schädigend ist – Depressionen nehmen zu, das Selbstwertgefühl und die Lebenszufriedenheit hingegen nehmen dadurch ab.“ BAC will das nicht so stehen lassen. „Social Media sind nicht nur negativ, denn man kann so neue Interessen entdecken oder andere Menschen kennenlernen“, sagt er. „Deshalb frage ich mich, ob das Verbot nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtet.“ Genau deswegen würden viele Forschungsgruppen daran arbeiten, wie man Plattformen umgestalten müsse, dass sie für Kinder und Jugendliche besser geeignet wären. „Das Social-Media-Verbot verschiebt das Problem möglicherweise nur nach hinten“, sagt Fabian Fischer. „Für mich ist der wichtigste Schritt, die Digitalisierungskompetenzen der Kinder und Jugendlichen nachhaltig zu stärken.“
Markus Hengstschläger
Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger studierte Genetik, forschte auch an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschafter forscht, unterrichtet Studierende und betreibt genetische Diagnostik. Er leitet den Thinktank Academia Superior, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, Kuratoriumsmitglied des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Stammzellforschung. Er war zehn Jahre lang Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung und Universitätsrat der Linzer Johannes Kepler Universität. Hengstschläger ist außerdem Unternehmensgründer, Wissenschaftsmoderator, Autor von vier Platz-1-Bestsellern sowie Leiter des Symposiums „Impact Lech“.