Spiel und Flow als Quelle zur Resilienz
Angst, Überlastung, depressive Zustände, Erschöpfung. Die Liste der psychischen Belastungen, unter denen Kinder und Jugendliche leiden, ist lang. Und es betrifft mittlerweile keine Minderheit mehr. Seit 2010 zeigt sich eine kontinuierliche Steigerung der erwähnten psychischen Zustände. Warum das so ist – und vor allem, was man dagegen tun kann, will Moderator Markus Hengstschläger im Wissenschaftstalk mit seinen Gästen klären. „Jedes fünfte Kind zeigt Zeichen psychischer Belastung“, fasst er zusammen. „Steigen die Zahlen?“ Studien zeigen, dass die psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen während der Pandemie sehr hoch und dann etwas rückläufig gewesen seien, antwortet der Klinische Psychologe Dr. Michael Zeiler von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, MedUni Wien: „Das Niveau vor der Pandemie haben sie allerdings nicht mehr erreicht.“ Das liege aber vielleicht auch daran, dass mehr über psychische Belastungen geredet würde, fügt die Ex-Skirennfahrerin Lizz Görgl hinzu. „Das Thema wird durch den Austausch und die Diskussionen von Betroffenen auf Social Media präsenter, was gut ist, wenn es nicht mehr verschwiegen wird“, hält sie fest. „Außerdem denke ich, dass man sich früher weniger dazu bekannt hat, weil psychische Belastungen nicht salonfähig waren.“
Elisabeth „Lizz“ Görgl
Die ehemalige österreichische Skirennläuferin konnte Podestplätze in allen Weltcup-Disziplinen feiern. Ihr größter Erfolg war der Doppelweltmeistertitel von Garmisch-Partenkirchen 2011 im Super-G und in der Abfahrt. Seit ihrem Rücktritt im Juni 2017 ist sie erfolgreich als Sängerin, Autorin, Mental Coach und Keynote Speakerin tätig und gewann 2019 die Unterhaltungssendung „Dancing Stars“. 2025 veröffentlichte sie gemeinsam mit Michael von Kunhardt ihr Buch „Die Magie des Flows. Wie Sie über sich selbst hinauswachsen“, in dem sie die Leser*innen in die Welt von Top-Performern und Leistungsspitzen entführt und aufzeigt, wie man selbst den Flow erreichen kann.
Markus Hengstschläger verweist auf die Studie „Mental Health in Austrian Teenagers“, an der Michael Zeiler mitgearbeitet hat: „Was war für dich die Erkenntnis, die dich am meisten alarmiert hat?“ Das sei weniger die Zahl gewesen, wie viele Kinder und Jugendliche betroffen seien, antwortet der Klinische Psychologe. „Was mich betroffen gemacht hat, ist, wie wenig Kinder und Jugendliche Unterstützung bekommen“, sagt er. „Das liegt bei unter 50 Prozent.“ Vor allem Kinder und Jugendliche, die auffällig werden – etwa durch Hyperaktivität – können mit Hilfe rechnen. „Solche aber, die mit internalisierenden Problemen kämpfen und die denken, sie können es mit sich selbst ausmachen, bekommen meist keine Unterstützung und wissen auch nicht, wohin sie sich wenden können.“
Michael Zeiler
Der Klinische Psychologe ist an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien tätig sowie Mitglied im Präsidium der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Epidemiologie psychischer Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter, in der Prävention von Essstörungen sowie
E-Mental-Health-Interventionen. Aktuell entwickelt Zeiler im Rahmen des vom WWTF geförderten Projekts „PSYGESKOM – Entwicklung eines Serious Games zur Förderung der psychischen Gesundheitskompetenz“ ein Onlinespiel, das Kindern und Jugendlichen dabei helfen kann, psychische Gesundheitskompetenz aufzubauen.
Neuer Ansatz
Das bringt Markus Hengstschläger zu dem Projekt, an dem sein Studiogast aktuell arbeitet. „Bist du deshalb auf die Idee gekommen, ein Onlinespiel zu entwickeln, das Kindern und Jugendlichen helfen soll, besser mit ihren psychischen Belastungen umgehen zu können?“ Michael Zeiler bejaht und erzählt, dass er vor einigen Jahren ein Onlineprojekt gestartet hat. Damals seien Informationen zu Essstörungen im Mittelpunkt gestanden, die Kinder und Jugendlichen fanden viele Informationen zum Thema gesunde Ernährung, Bewegung und gesundem Selbstbild vor. „Sie haben sie nur nicht gelesen, sondern mittendrin abgebrochen“, so der Psychologe. „Die allgemeine Aussage war, dass die Seite langweilig sei.“ Daher beschreitet Michael Zeiler nun einen neuen Weg: Gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen, einer Fantasyautorin sowie Game Designern entwickelt er ein Onlinespiel, bei dem wichtige Informationen und Strategien, wie man mit psychischen Belastungen umgehen kann, in einer magischen Welt verpackt sind. Lizz Görgl ist von der Idee begeistert. „Da gibt es Überschneidungen zu meinem Buch ,Die Magie des Flows“, sagt sie. „An dem Tag, an dem ich in Garmisch Doppelweltmeisterin geworden bin, war ich in einem ganz speziellen Zustand: Ich habe mir quasi von außen zugeschaut, wie ich das Rennen in Perfektion ins Ziel gebracht habe.“ Die Ex-Sportlerin erzählt, dass es ihr als Mental Coach bewusst geworden sei, wie wichtig es sei, andere Menschen an solchen Erfolgen teilhaben zu lassen. „Es geht in dem Buch um die Themen Stress, Ernährung, Bewegung und wie man Resilienz entwickeln kann – aber dafür muss man erst einmal wissen, wie alles zusammenhängt.“ Da kann Michael Zeiler nur zustimmen. „Flow hat auch damit zu tun, dass man über Dinge nicht nachdenkt, sondern in der Sache drinnen ist – das wollen wir mit dem Spiel erreichen“, betont der Psychologe. „Und wir wollen das Thema ein Stück weit normalisieren: Es ist okay, wenn es einem nicht gut geht, und es ist okay, wenn man das auch ausspricht.“ Und Lizz Görgl setzt noch eines drauf: „Wir leben in einer ambivalenten Zeit, viele Dinge sind im Wandel, das Thema Sicherheit ist daher essenziell“, fasst sie zusammen. „Wir merken aber, immer weniger Sicherheit im Außen zu haben, daher müssen wir uns die Sicherheit im Inneren schaffen, um resilient zu sein.“
Markus Hengstschläger
Univ.-Prof. Dr. Markus Hengstschläger studierte Genetik, forschte auch an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschafter forscht, unterrichtet Studierende und betreibt genetische Diagnostik. Er leitet den Thinktank Academia Superior, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, Kuratoriumsmitglied des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Stammzellforschung. Er war zehn Jahre lang Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung und Universitätsrat der Linzer Johannes Kepler Universität. Hengstschläger ist außerdem Unternehmensgründer, Wissenschaftsmoderator, Autor von vier Platz-1-Bestsellern sowie Leiter des Symposiums „Impact Lech“.