Wie Newton künstliche Intelligenz vorantreiben könnte
Warum spielen in Ihrer Forschung die Newtonschen Gesetze eine tragende Rolle?
Jonathan Kominsky: Die Welt, wie wir sie sehen, folgt den Newtonschen Gesetzen. Dinge bewegen sich nur, wenn eine Kraft auf sie wirkt – entweder von außen, etwa durch eine Kollision, oder von innen, etwa bei einem sich selbst bewegenden Lebewesen. Unser Verstand hat sich entwickelt, um Vorhersagen über die Welt zu treffen, die uns dabei helfen, Nahrung zu finden, lebende von toten Objekten zu unterscheiden und uns sicher zu bewegen. Dabei scheint unser Geist den Newtonschen Gesetzen zu folgen, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.
Sie untersuchen nun, ob Hunde und sechs bis 16 Monate alte Kinder gleiche Erwartungen an physikalische Objektinteraktion haben. Warum diese Altersgruppe?
Jonathan Kominsky: In diesem Alter lernen Kinder durch Beobachten – sie können ihr Wissen nicht wie Erwachsene aus Lehrbüchern beziehen. Das bedeutet, wenn sie etwas über Physik verstehen, haben sie es entweder gesehen oder wurden mit bestimmten Erwartungen, wie die Welt funktioniert, geboren. Hunde haben sich ebenfalls in einer Welt entwickelt, die den Newtonschen Gesetzen folgt. Im Gegensatz zu vielen anderen Tieren leben sie in sehr engem Kontakt mit uns Menschen. Sie sehen also dieselben Dinge wie Babys. Weil Hunde leicht darauf trainierbar sind, Bildschirme zu beobachten, können wir sie auf dieselbe Weise studieren wie Babys. Wir zeigen beiden kurze Filme und beobachten, wie lange sie sich etwas anschauen und was eine Erweiterung ihrer Pupillen auslöst. Das passiert, wenn Menschen oder Hunde überrascht werden, und ist daher eine gute Möglichkeit, zu messen, ob ein Ereignis, das den Newtonschen Gesetzen widerspricht, sie erstaunt. Überrascht sie eine Szene im Film, hatten sie also eine Erwartung, die auf den Newtonschen Gesetzen beruht. Für die Hundeexperimente arbeiten wir mit Christoph Völter am Messerli-Institut der Vetmeduni Wien zusammen.
Ass.-Prof. Jonathan Kominsky, Central European University (CEU)
Können Sie uns die Experimente genauer beschreiben?
Jonathan Kominsky: Es gibt zwei Teile. Das erste Setting beschäftigt sich mit unbelebten Objekten, die den Newtonschen Gesetzen folgen. Da untersuchen wir, ob Babys und Hunde erwarten, dass sich Gegenstände nur bewegen, wenn etwas mit ihnen kollidiert, ob sie erkennen, wenn sich ein Objekt auf eine Weise bewegt, die sich nicht durch eine Kollision erklären lässt, etwa wenn es in die falsche Richtung rollt. Das zweite Setting untersucht, ob Babys und Hunde Lebewesen für mehr als einfache Newtonsche Gesetze halten. Erwarten sie, dass etwas, das sich von allein bewegt, lebt? Wollen sie sich dann diesem Ding nähern oder halten sie sich eher fern? Wir gehen davon aus, dass Hunde und Babys möglicherweise dieselben Informationen nutzen, um zu entscheiden, ob sie es mit einem Lebewesen zu tun haben, aber unterschiedlich reagieren. Hunde sind Jäger, während Babys auf Schutz
angewiesen sind. Deshalb halten sie sich
vielleicht eher fern, während Hunde sich darauf
zubewegen.
Warum sind Erkenntnisse wie diese wichtig?
Jonathan Kominsky: Wir Menschen sind besser darin als jede andere Spezies auf dem Planeten, Ursache und Wirkung zu verstehen. Ein möglicher Grund ist, dass wir dafür ein System entwickelt haben, das uns hilft, die Physik der Welt zu verstehen. Es ist aber auch möglich, dass alle Landsäugetiere ein ähnliches Verständnis von Physik haben – eben, weil wir alle in einer Welt leben, die den Gesetzen von Newton folgen. Dann gibt es aber einen anderen Grund, warum unser Verständnis von Ursache und Wirkung besser als das von Tieren ist. Das zu wissen, ist wichtig für die Frage, was die menschliche Intelligenz einzigartig macht; und das hilft wiederum vielleicht dabei, wie wir künstliche Intelligenz verbessern können.
Hat sich Ihre Sicht auf Hunde und Kinder durch Ihre bisherigen Untersuchungen verändert?
Jonathan Kominsky: Noch haben wir keine endgültigen wissenschaftlichen Ergebnisse – aber was ich schon festgestellt habe, ist, dass die Experimente viel einfacher mit Hunden durchzuführen sind. Man kann sie nämlich gut darauf trainieren, stillzuhalten! (lacht)