Sozialhilfe: Manchmal ist weniger mehr
Heute Abend steigt in Dallas die WM-Partie Argentinien gegen Österreich. Die Ankickzeit um 19 Uhr (MEZ) ist verträglich. Das letzte Gruppenspiel gegen Algerien steigt in der Nacht von Sonntag auf Montag (ab 4:00 Uhr). Es wird ein produktiver Tag! Die Universität Hohenheim in Stuttgart führt seit 2001 Studien zum Verhalten deutscher Fans während der Fußball-Weltmeisterschaften durch. Dort spricht man von einem „regelrechten Produktivitätsbremser im 2. Quartal“. Pro Mitarbeiter gehen während der WM 12 Arbeitsstunden verloren, haben die Forscher errechnet. Sollten Patrioten also auf ein möglichst frühes Ausscheiden ihres Teams hoffen, damit der heimischen Wirtschaft keine Arbeitskraft verloren geht?
Das geht auch leichter.
Seit 1. Jänner 2026 haben subsidiär Schutzberechtigte in Wien keinen Anspruch mehr auf Mindestsicherung, sie können bloß noch die deutlich geringeren Leistungen der Grundversorgung beziehen. Wien muss seine Ausgaben senken. 200 Millionen sollen durch diese und andere Anpassungen bei der Mindestsicherung gespart werden. Das ist aber nicht der einzige Effekt. Das Arbeitsmarktservice hat bei den Zahlen für Mai deutliche Veränderungen festgestellt. Die Zahl der arbeitslos gemeldeten subsidiär Schutzberechtigten ist gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent gesunken. Die Zahl jener, die einen Job gefunden haben, hat sich verdoppelt.
Derzeit verhandelt die Bundesregierung eine Reform der Sozialhilfe, die 2027 in Kraft treten soll. Die Sozialhilfe soll österreichweit vereinheitlicht werden. Für Asylberechtigte soll es deutliche Einschränkungen geben. Sie sollen nicht von Anfang an vollen Zugang zu den Leistungen erhalten. Und: Arbeitsfähige sollen weniger Unterstützung erhalten. Auch so sollen mehr Menschen in Beschäftigung gebracht werden.
Wie bei fast allen Themen, die mit Zuwanderung zu tun haben, sind die begleitenden Debatten von Ressentiments geprägt. Die Einen sehen den Beweis erbracht, dass man Menschen bloß aus ihrer Komfortzone, der „sozialen Hängematte“, stupsen muss. Die Anderen wollen sowieso alle Leistungen für Migranten streichen. Und auf der anderen Seite des politischen Spektrums wird Armut oft als bloße Folge fehlender staatlicher Alimentierung verstanden.
Mehr Plätze für Deutschkurse
Das Streichen von Leistungen ist nicht der einzige Weg, der zu mehr Beschäftigung von Zuwanderern führt. Und es ist nicht unbedingt etwas, was man als politischen Erfolg verbuchen sollte. Bei der Reform der Sozialhilfe sollen auch Integrationspflichten verankert werden, darunter das Erlernen der deutschen Sprache. Es wird einen großen Unterschied machen, ob daraus ein reines Strafinstrument wird, oder ein Anreizmodell. Immerhin: Trotz Kürzungen im Integrationsbudget soll es mehr Plätze für Deutschkurse geben.
Wie sich Langzeitarbeitslosigkeit, die fehlende Tagesstruktur, auf Menschen auswirkt, haben Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld 1933 in ihrer berühmten Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ eindringlich beschrieben. Und was damals für die Arbeitslosen von Marienthal gegolten hat, wird für die Flüchtlinge heute wahrscheinlich noch viel mehr gelten. Je länger diese ohne Job bleiben, desto mehr resignieren sie. Statt von Remigration zu fantasieren, muss alles unternommen werden, damit Integration gelingt. In Gesellschaft und Arbeitsmarkt.
Wer weiß, vielleicht kickt eines der Kinder, deren Eltern 2015 ins Land gekommen sind, eines Tages bei einer WM. Für Österreich.