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Kinderarmut: „Am Ende des Monats gab‘s nur mehr Nudeln, Toast, Kartoffel.“

Das Doppelbudget brachte nicht den befürchteten Kahlschlag bei der Armutsbekämpfung, aber auch keine substanziellen Verbesserungen. profil sprach mit einer jungen Wienerin, die aus der Armut herausfand.

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Keine andere Altersgruppe ist derart von Armut bedroht wie Kinder und Jugendliche: 24 Prozent aller Menschen bis 17 Jahre sind armuts- und ausgrenzungsgefährdet, deutlich mehr als beim Durchschnitt der Bevölkerung, in der dieser Wert bei 19 Prozent liegt. 

Das aktuelle Doppelbudget sieht immerhin 65 Millionen Euro für die Bekämpfung von Kinderarmut vor. Erich Fenninger, Chef der Volkshilfe, begrüßt die Maßnahme, doch substanzielle Schritte würden fehlen. „Es ist keine Maßnahme erkennbar, um die Kinderarmut zu halbieren“, sagt Fenninger. Darauf hatte sich die Dreierkoalition im Regierungsprogramm geeinigt, ebenso wie auf die Einführung einer Kindergrundsicherung. Auch davon ist keine Rede. 

Zudem werden weder das Kinderbetreuungsgeld noch das Schulstartgeld und ebenso wenig die Familienbeihilfe an die Inflation angepasst. 

Was bedeutet eine Kindheit in Armut? Sarah hat ihre gesamte darin verbracht. Ihren echten Namen will sie nicht veröffentlicht wissen, sehr wohl aber erzählen, wie Menschen wie sie leben. Wer die Eckdaten von Sarahs Biografie vernimmt, der würde niemals auf die Idee kommen, dass sie eine Kindheit und Jugend in Armut verbracht hat: Sie ist 20 Jahre alt, Absolventin einer Wiener Handelsakademie, Studierende der Universität Wien, derzeit auf Auslandsjahr in Irland.

Was klingt wie der typische Werdegang eines wohlbehüteten Mädchens, ist in Wahrheit Resultat staatlicher Hilfe und von enormem persönlichen Einsatz. Sarah ist eine Überlebenskünstlerin, die von klein auf dazu genötigt war, Normalität zu simulieren.

So unscheinbar Sarahs Leben heute wirkt, so brutal ist ihre Vergangenheit: Bis zu ihrem fünften Lebensjahr wuchs die Österreicherin bei ihrer alkoholkranken Mutter auf, erzählt sie profil. Danach kommt sie zu ihrem Vater, der sie sexuell missbraucht; er wird dafür gerichtlich verurteilt. Bis zur Volljährigkeit lebt sie schließlich in der Obhut anderer Verwandter.

Arbeiten mit 15 Jahren

In jeder ihrer vielen Familien war der Kühlschrank zu Monatsende leer, erzählt sie. „Gegessen wurde, was noch da war: Nudeln, Toast, Kartoffeln.“ Kein Erwachsener, der sich je um sie gekümmert hatte, ging arbeiten. Sie alle waren auf Sozialhilfe angewiesen. Das reichte fürs Wohnen und das blasse Essen in den letzten Tagen des Kalenders.

Dafür ging Sarah selbst bereits als 15-Jährige arbeiten, etwa um sich Schulausflüge oder Sprachreisen leisten zu können; nie weniger als zehn Stunden, manchmal auch 20 Stunden. Sie kellnerte in Cafés, servierte beim Catering oder arbeitete einen Sommer lang als Einweiserin in einer Wiener Bowlingbahn. (Laut Mikrozensus-Erhebung der Statistik Austria gibt es in Österreich 115.000 15- bis 19-Jährige, die nicht im Rahmen ihrer Ausbildung erwerbstätig sind).

Die Arbeit war das eine, sagt Sarah – das ständige Preise- und Zahlen-Wälzen und Kalkulieren das andere. „Wo kann ich etwas sparen, wie kriege ich etwas günstiger?“ Die Motivation, sich als Schülervertreterin zu engagieren, kam vor allem daher, dass sie als solche ein Gratisticket für den Schulball bekam – und sich somit wieder etwas sparen konnte.

Die politische Diskussion in Österreich verfolgt sie auch aus Irland, sagt Sarah. Wie man mit noch weniger Geld auskommen soll, könne sie sich kaum vorstellen. „Ich kriege echt Bauchweh, wenn ich daran denke, dass in diesem Bereich gekürzt werden könnte. Ich weiß einfach, dass es noch viele Kinder gibt, die auch heute genauso leben, wie ich damals gelebt habe.“

Nina Brnada

Nina Brnada

ist Redakteurin im Österreich-Ressort. Davor Falter Wochenzeitung.