Mutter aus Gaza: „Ich glaube an ein Morgen“
Eine Milliarde Dollar ist eine Menge Geld. Am vergangenen Mittwoch stellten in Brüssel mehrere westliche Länder, darunter Österreich, gemeinsam Hilfsgelder in dieser Höhe für den „frühen Wiederaufbau“ Gazas in Aussicht gestellt. Im zerbombten Küstenstreifen soll mit diesen Mitteln die Basisinfrastruktur wiederhergestellt werden, Wasser- und Müllentsorgung sollen in Gang kommen, die immensen Schutt- und Geröllmassen, die der Krieg in Gaza hinterlassen hat, beseitigt werden. Der Präsentation dieser „Team Gaza Initiative“, die von Dubravka Šuica, der EU-Kommissarin für den Mittelmeerraum, Anfang dieser Woche vorgestellt wurde, wohnte auch Ali Shaath bei. Der palästinensische Technokrat ist Vorsitzender der so genannten Übergangsverwaltung in Gaza, eines nominellen Organs, dessen Mitglieder nicht einmal das Pouvoir haben, Gaza zu betreten.
Selbst, wenn die Milliarde Dollar an Hilfsgeldern Gaza sofort erreichen würde – sie wäre ein Tropfen auf den heißen Stein. Laut Erhebungen der Europäischen Union, der Vereinten Nationen und der Weltbank braucht es mehr als 71 Milliarden Dollar, um Gaza wiederaufzubauen. Mehr als 370.000 Wohneinheiten sind zerstört, genauso wie fast alle Schulen. Jedes zweite Spital ist funktionsunfähig, die Wirtschaft um 84 Prozent geschrumpft. Der Gazastreifen wurde in seiner Entwicklung um 77 Jahre zurückgeworfen.
Asma Mustafa gehört zu jenen, die noch so etwas wie Glück haben. Sie ist in Gaza geboren, sie hat den Krieg überlebt und wurde innerhalb des Gazastreifens elf Mal vertrieben. Mustafa wohnt nicht in einem Zelt, sondern in einer Wohnung mit einem Dach und vier Wänden. Das war nicht immer so. Die zweifache Mutter hat in den vergangenen Jahren in Verschlägen gelebt, die nur drei Wände hatten, und wo permanente Einsturzgefahr drohte. Heute hat sie zumindest an manchen Tagen für einige Stunden Strom. Und sie hat neuerdings auch einen Ventilator, wie sie freudig erzählt.
Seit mehr als einem Jahr hält profil Kontakt mit Mustafa, einer international ausgezeichneten Pädagogin. Über Monate hinweg erzählte sie von Nächten, in denen sie und ihre Töchter „Angst atmeten“, von Todesfurcht, von Hunger, von Bombardements, die vor ihren Augen das Leben von Kindern dahinrafften.
Wie geht es ihr heute, ihr und ihren Töchtern – neun Monate, nachdem eine Feuerpause in Gaza ausgerufen wurde? Seither seien mehr als tausend Menschen umgekommen. Erst kürzlich starb der Bruder einer Freundin bei einem Drohnenangriff, erzählt sie. Vor wenigen Tagen gab es eine Detonation in ihrer Wohngegend, ihre Mädchen hätten sich kaum beruhigen lassen. „Gaza ist immer noch die Hölle, es ist nur eine andere Hölle.“ Der Schutt ist überall, „manchmal kann ich nicht atmen.“
An manchen Tagen gehe sie mit ihren beiden Töchtern in den Zoo. Viele Tiere hätten den Krieg überlebt, darunter etliche Affen, einige Papageien und Schildkröten. Ab und zu spendiert sie ihren Töchtern ein Eis, für sieben Dollar das Stück. Manchmal geht sich auch ein Fruchtsaft aus.
Im Gegensatz zu früher sind viele Waren wieder verfügbar. Doch wer kein Geld hat, dem würde das nichts nützen. Mustafa hält sich mit Aufträgen internationaler Bildungsorganisationen über Wasser, erzählt sie. Ihre Töchter gehen in eine Art Privatschule, Mustafa will, dass sie ein möglichst normales Leben führen.
„Ich glaube daran, dass wir Gaza trotz allem wieder aufbauen können. Unsere Restaurants, unsere Schulen, unsere Spitäler und auch unseren Zoo. Ich glaube an ein Morgen. Ich glaube daran, dass ich dann ein besserer Mensch sein werde. Alles, was ich erlebt habe, hat mich flexibler gemacht. Ich bin bereit jedes Schicksal anzunehmen. Ich bin bereit, alles zu akzeptieren. Genau das ist meine Stärke.“
Ein Tipp aus der profil-Redaktion: In der neuen Folge des profil-Podcasts „Die Schlacht um Europa“, die heute erscheint, erklären Gernot Bauer und Robert Treichler, wie die Europäische Kommission mithilfe der Europäischen Grundrechte eine Initiative zur „Remigration“ – unterstützt von Rechtsextremen und der FPÖ – stoppen will. Und wie Marine Le Pens neuerlicher – nicht rechtskräftiger – Schuldspruch ihre Präsidentschaftskandidatur ermöglichte.