Gusenbauer am Rad, Babler beim Public Viewing, Stocker beim Selfie und Kurz beim Wandern: Politiker auf Sommertour
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Stocker und Babler: Mit Volksnähe gegen den Volkskanzler

Der ÖVP-Bundeskanzler und sein SPÖ-Vize touren getrennt voneinander durchs Land – und kämpfen damit gegen schlechte Umfragewerte an. Vor Ort sollen sie ihr stärkstes Asset ausspielen: den Lokalpolitiker-Charme. Eine neue Erfindung ist das nicht.

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„Ich mache das gerne, keine Sorge. Ich leide nicht“, versichert Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) einem älteren Herrn in Tulln. „Ich bin ja auch gerne der Lokalpolitiker“, erzählt er einem anderen Gast. Es werden Hände geschüttelt, Selfies gemacht, es wird mit Bier angestoßen und Stocker versucht, seinen Gästen in wenigen Sätzen zu erklären, wie sich das Doppelbudget auf dieses oder jenes auswirken wird.

Es war die erste Station auf Stockers Sommertour, bei der der Kanzler in den kommenden Wochen je einen Halt pro Bundesland macht. Morgen ist Innsbruck dran, am Freitag Schwarzenberg in Vorarlberg. Die Teilnehmer:innen sollen repräsentativ ausgewählt werden – man wolle nicht nur auf Fans treffen, heißt es. Es moderieren Vera Russwurm und Arabella Kiesbauer. Die Szenen eignen sich perfekt für kurze Videoclips, die auf den Social-Media-Kanälen des Kanzlers geteilt werden.

Ähnliches unternimmt Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ), der solche Bilder – ob beim Frequency Festival, beim Public Viewing oder am Donauinselfest – sowieso liebt. Bei der „SPÖ im Dialog Tour“ tritt er im August gemeinsam mit Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner etwa in einem Café in Innsbruck auf, der Termin in Linz ist laut Website bereits ausgebucht.

ÖVP und SPÖ verlieren in aktuellen Umfragen weiter an Zuspruch, während die FPÖ abhebt. Nun will man Volksnähe zeigen und die Regierungsarbeit verkaufen, während Herbert Kickl Fotos von der einsamen Kletterwand postet. Das soll helfen.

Schon Gusenbauer glänzte in Radlerhosen

Neu ist die Idee nicht. Im Jahr 2006 etwa war das Image von SPÖ-Spitzenkandidat Alfred Gusenbauer im Keller, es war sogar vom „Gruselbauer“ die Rede. Der damals neue Kommunikationschef Josef Kalina, später Bundesgeschäftsführer, sollte es richten. „Vorbild waren die US-Wahlkämpfe, etwa von Bill Clinton, mit ihren Swing-States-Touren“, erinnert er sich im Gespräch mit profil. Sein damaliger Chef sollte also auf „Startklar-Tour“ gehen: Man organisierte einen gebrandeten Bus und besuchte Vereine, Schulen, Feuerwehren, Wirtshäuser in jedem Bezirk. „Neu für Österreich war, dass wir nicht nur bei Parteiveranstaltungen auftauchten“, sagt Kalina.

Zusätzlich wanderte Gusenbauer – in Erinnerung bleiben für immer seine weißen Radlerhosen – rund 3000 Kilometer durch Österreich. Auch das wurde zahlreich kopiert: Werner Faymann, Michael Spindelegger und Eva Glawischnig taten es. Sebastian Kurz wanderte unter dem Motto „Bergauf, Österreich“ immer wieder mit – laut eigenen Angaben – teils tausenden seiner Anhänger. Alexander Van der Bellen zog es als Bundespräsidentschaftskandidat unter dem Motto „Österreich-Erklärung“ in die Kaunertaler Berge.

Kein Wunder: Regionale Medien hätten bereitwillig und positiv über die lokalen Events berichtet, erinnert sich Kalina. „Das war anstrengend, es ist ehrliche Arbeit“, sagt er, aber: „Das hat wahnsinnig gut geklappt“. Das Image Gusenbauers wurde besser, 2007 wurde er Bundeskanzler. Voraussetzung sei allerdings, dass man dem Kandidaten abkaufe, dass er es ernst meine.

Heidi Glück, Kommunikationsexpertin und ehemalige Pressesprecherin von Gusenbauers Gegenspieler Wolfgang Schüssel (ÖVP), weiß, wovon Kalina spricht. Sie setzte mit ihrem Kandidaten teils auf ähnliche Inszenierungen. Auch Schüssel wanderte gemeinsam mit Jörg Haider, sollte sich, weil er im TV eher „straight“ – also steif – wirkte, unters Volk mischen. Den großen PR-Effekt sieht Glück in solchen Events aber nicht. Laut ihr ginge es bei solchen Auftritten in der terminarmen Zeit eher darum, den Leuten zuzuhören und Feedback zu bekommen. Man muss das schon können. Wie Erwin Pröll etwa: „Der hat auf der Wieselburger Messe die meisten mit dem Namen angesprochen“, erinnert sich Glück. War die Angehörige eines Besuchers im Spital, ließ er auch mal Blumen schicken.

Kickl kann getrost Pause machen

Auch Stocker und Babler sind gelernte Lokalpolitiker. Können sie profitieren? Kalina findet die Idee von Bundeskanzler Christian Stocker, sich den Fragen eines repräsentativ ausgewählten Publikums zu stellen, „sympathisch“. Dass das Bundeskanzleramt und nicht die ÖVP für die Tour aufkommt, überschatte aber schon jetzt mögliche positive Effekte, so Kalina. Auch Heidi Glück findet das „ungeschickt“. Weil Stocker in Tulln dann auf Kosten des Bundeskanzleramts auch noch schlecht über den politischen Mitbewerber – die FPÖ – sprach, ließ die Kritik der Blauen nicht lange auf sich warten.

Die Kommunikationsexperten sind sich einig: Kickl kann im Sommer ruhig weiter allein klettern gehen. Er trete zwar immer wieder im Bierzelt auf, wirklich „leutselig“ sei er aber nicht. Die FPÖ hat aber längst ein eigenes Medienimperium aufgebaut und braucht keine Sommertour. Ob sich Stocker und Babler nun Bürgerfragen stellen, ein paar Hände schütteln oder sich gar noch in die Wanderhose schmeißen, ändert daran nichts.

Aus Termingründen schafften es die drei Chefs der Koalitionsparteien nicht, gemeinsam auf Tour zu gehen. Das hätte aber ein wirklich neues und bemerkenswertes Bild abgegeben – und wäre Werbung für die Regierungsarbeit, die eine Finanzierung durch das Kanzleramt verdient hätte.

Konstantin Auer

Konstantin Auer

seit 2025 als Projektleiter des „Frühstück“-Newsletters im Digitalteam des profil, davor bei PULS24 und Kurier. In seinen Recherchen geht es meist um soziale Ungerechtigkeiten, menschliche Abgründe und juristische Herausforderungen im Graubereich zwischen Chronik und Politik.