Mehr als nur vier Wände
Wie viel Raum braucht ein Mensch? Wer teilt was mit wem? Und wie muss ein Gebäude gebaut sein, damit es nicht schon nach zehn Jahren nicht mehr passt? Demografischer Wandel, Klimaerwärmung und veränderte Lebensmodelle stellen diese Fragen neu und schaffen damit Platz für Veränderung.
Neuer Grundriss bitte!
Laut einer Erhebung der Statistik Austria vom März 2025 lebten 2024 rund 1,6 Millionen Menschen in Österreich allein. Das sind um 430.000 mehr als noch vor zwanzig Jahren. Ein Drittel davon ist über 64 Jahre alt, die größte Gruppe sind Frauen ab 65. Der Trend zum Einpersonenhaushalt ist also ungebrochen.
Das hat direkte Konsequenzen für den Bau- und Wohnungsmarkt. Wohnungen, die für Paare mit Kindern konzipiert wurden, passen schlecht zu einer älteren Frau, die ihre Unabhängigkeit behalten will. Grundrisse, die seit Jahrzehnten unverändert geblieben sind, funktionieren nicht in einer Welt, in der Arbeit, Pflege und Wohnen zunehmend im selben Raum stattfinden. Die klassische Dreizimmerwohnung mit Elternschlafzimmer und Kinderzimmer ist längst nicht mehr für alle Lebensformen passend und die Baubranche merkt das. Gefragt sind Grundrisse, die sich verändern lassen: Wände, die versetzt werden können, Räume, die zwischen Homeoffice, Pflegezimmer und Gästezimmer wechseln. Wer heute baut, plant für Menschen, deren Bedürfnisse sich über Jahrzehnte verändern werden, und sollte das von Anfang an einkalkulieren.
Portrait von Erich Benischek, Eigentümer und Geschäftsführer Blaue Lagune
Ein Zuhause sollte sich dem Leben anpassen. Es muss so konzipiert sein, dass Räume und Funktionen kostenökonomisch adaptierbar sind – auch dann, wenn sich Bedürfnisse im Laufe der Zeit verändern.
Eigentümer und Geschäftsführer Blaue Lagune
Gemeinsam leben
Neben der Frage nach dem flexiblen Grundriss stellt sich noch eine grundlegende: Muss Wohnen so privat sein, wie wir es kennen? In Skandinavien und den Niederlanden sind Cohousing-Modelle seit Jahrzehnten etabliert. Da werden zum Beispiel private Wohneinheiten mit gemeinsam genutzten Flächen wie Gemeinschaftsküchen, Werkstätten und Grünräumen kombiniert. Auch in Österreich gibt es bereits vergleichbare Modelle, zum Beispiel das Projekt „Lebensraum“ in Gänserndorf, wo versucht wird, ökologisches Wohnen mit gelebter Nachbarschaft zu verbinden. Die Initiative Gemeinsam Bauen & Wohnen dokumentiert österreichweit eine wachsende Zahl ähnlicher Projekte – von Baugruppen im städtischen Raum bis zu generationenübergreifenden Wohngemeinschaften am Land.
Was diese Projekte eint: Sie begreifen Wohnen nicht als rein private Angelegenheit, sondern als soziale Gestaltungsaufgabe. Der Gemeinschaftsgedanke verändert dabei auch die Anforderungen an die Architektur: Es braucht Eingangszonen, die zum Stehenbleiben animieren statt zum Durchgehen. Stiegenhäuser, die Begegnung ermöglichen, schaffen bessere Nachbarschaften. Außenräume, die für alle nutzbar sind, sorgen für Gemeinschaft. Dabei geht es nicht nur um Gestaltung. Gebäude sind Teile einer sozialen Grundfrage: Wird Isolation entgegengewirkt oder wird sie verstärkt? Angesichts der Tatsache, dass sehr viele, vor allem ältere Menschen, allein leben, sollte diese Debatte mehr Relevanz bekommen.
Attraktive Lebensräume sind ein zentraler Erfolgsfaktor für den Standort Österreich. Sie verbinden Lebensqualität mit wirtschaftlicher Stärke und machen Innovation erst möglich.
Kundenvorstand Erste Bank
Lebensraum als Standortfrage
Attraktive Lebensräume sind auch ein wirtschaftlicher Faktor. Wo Menschen gut wohnen können, bleiben sie. Wo sie bleiben, entscheiden sie sich, zu investieren, zu gründen, Kinder zu haben und somit den Standort zu stärken. Fachkräftemangel ist auch ein Raumplanungsproblem: Wer keine leistbare, passende Wohnsituation findet, zieht weiter. Regionen, die in Lebensraumqualität investieren, schaffen einen Standortvorteil, der sich nicht kopieren lässt.
Dazu kommt der Klimadruck. Laut dem Umweltbundesamt wurden in Österreich im Zeitraum 2022 bis 2025 täglich rund 6,5 Hektar Boden neu in Anspruch genommen. Davon wird mehr als die Hälfte versiegelt, also mit Asphalt oder Beton dauerhaft bedeckt. Versiegelte Flächen speichern Wärme besser und verstärken damit die Hitze in Städten. Stadtbezirke können in Hitzewellen mehrere Grad wärmer sein als das Umland. Das trifft vor allem jene, die keinen Garten, keine Klimaanlage und keine Möglichkeit haben, die Stadt zu verlassen.
Wien hat auf diese Entwicklung reagiert, unter anderem mit der Errichtung von rund 260 Sprühnebelanlagen – darunter die bekannten „Sommerspritzer“ in der Neubaugasse. Diese kühlen an Hitzetagen das unmittelbare Straßenumfeld und Passant:innen. Der Effekt ist in diesem Fall eher kleinräumig. Noch mehr Wirkung hat Begrünung in der Stadt. Ein einzelner Baum verdunstet pro Tag zwischen 50 und mehreren hundert Litern Wasser und erzeugt damit messbare Verdunstungskälte. Auch Fassadenbegrünung, Gründächer und entsiegelte Innenhöfe tragen dazu bei und sind ein wichtiger Teil der Stadtgestaltung.
Sei Vorbild - zeig Profil!
Der zeig profil award sucht in der Kategorie Lebensräume nach Projekten, die auf die Veränderungen unseres Wohn- und Lebensraums mit neuen Ideen reagieren. Gesucht werden realisierte Vorhaben, die zeigen, dass gute Gestaltung mehr ist als gutes Aussehen. Gefragt sind Architekt:innen und Projektentwickler:innen, Gemeinden und Wohnbauträger, Interior-Designer:innen und Freiraumplaner:innen, Initiativen und Einzelpersonen. Ob umgestalteter Innenhof oder Neubauquartier, adaptierter Altbestand oder innovative Nutzungsmischung. Was zählt, ist, dass ein Raum neu gedacht wurde. Und dass dieser Gedanke im gebauten Ergebnis sichtbar ist.
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Der award-Fahrplan 2026
Projekteinreichung: 9. Mai bis 18. Juli 2026
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Expert:innen-Jury: 16. September 2026
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zeig profil award-Show: 8. Oktober 2026
Die Verleihung des awards findet mit allen Nominees, Business Angels, Inkubator:innen, Community-Partner:innen und geladenen Gästen in Wien statt.