KI statt Therapie
„Ich fühle mich niedergeschlagen und komme morgens kaum aus dem Bett. Was soll ich tun?“ Nein, das ist kein Hilferuf aus der profil-Extra-Redaktion. Sondern ein ChatGPT-Prompt, der uns eine drängende Frage beantworten soll: Warum besprechen immer mehr Menschen ihre seelischen und psychischen Probleme mit KI-Bots? Laut dem staatlichen AI Security Institut in Großbritannien macht das bereits ein Drittel der Bevölkerung, laut einer Schweizer Studie die Hälfte der Gen Z.
Die ChatGPT-Antwort auf unseren Prompt vermittelt uns eine Ahnung, warum. Das Large Language Model von OpenAI geht strukturiert und verantwortungsbewusst auf unsere vermeintlichen Probleme ein. Man fühlt sich ernst genommen, verstanden, zu einem vertiefenden Gespräch ermuntert – fast wie in einer echten Therapiesitzung.
Ist die KI womöglich besser als ihr Ruf, ein Bot der bessere Therapeut? „Bei einfachen Alltagsproblemen liefert eine Künstliche Intelligenz tatsächlich oft brauchbare Tipps. Mit Psychotherapie hat das allerdings nichts zu tun“, sagt der Neunkirchner Psychotherapiewissenschaftler Paolo Raile, der 2025 in der Schriftenreihe der Sigmund Freud Privatuniversität ein Buch über KI in der Psychotherapie(wissenschaft) veröffentlicht hat. Der wichtigste Faktor jeder Therapie sei nämlich der Aufbau einer persönlichen Beziehung zwischen Klient:in und Therapeut:in. Und die sei mit einem virtuellen Gegenüber „halt nur simuliert“, sagt Paolo Raile. „Je nach Therapieschule kann diese Beziehung eine Art Blaupause dafür sein, wie es im Leben laufen kann. Sie kann reparieren, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist. Oder Löcher im aktuellen Leben stopfen. Eine KI kann all das nicht leisten, darum beschränkt sie sich meist auf verhaltenstherapeutisch gefärbte Lebens- und Sozialberatung. Denn was sie gut kann, ist, sich an klare Regeln zu halten.“
Danke, ganz lieb
Viele User:innen finden das Feedback von ChatGPT und Co. dennoch sehr hilfreich. Mehr noch: In einer Studie der Ohio State University fand die Mehrzahl der 830 Studienteilnehmer:innen die Antworten der KI empathischer als jene der menschlichen Expert:innen. Eine Ohrfeige für die Fachleute? Im Gegenteil, rückt Paolo Raile zurecht: „KI ist so programmiert, dass sie uns positiv verstärkt. Das finden wir natürlich sympathisch. Doch die Aufgabe von Therapeut:innen ist es auch, zu konfrontieren oder genau jene unbequemen Fragen zu stellen, die man gar nicht so gerne hören möchte.“
„KI ist so programmiert, dass sie uns positiv verstärkt. Doch die Aufgabe von Therapeut:innen ist es auch, unbequeme Fragen zu stellen.“
Paolo Raile, Psychotherapeut und Universitätslektor
In einer Studie der Schweizer Web- und SEO-Agentur Beyondweb wurden auch die Motive abgefragt, warum wir manchmal lieber einem seelenlosen Bot als einer Fachperson Einblick in unser Seelenleben geben. 39 Prozent gaben die hohen Kosten, 24 Prozent die lange Wartezeit auf einen Kassenplatz an. Jede:r Siebente wollte aus „Scham“ nicht in eine reale Therapiepraxis. Wer lieber beim Chatbot als beim Menschen aus Fleisch und Blut Unterstützung sucht, findet meist die Anonymität des Angebots reizvoll. Die sei aber eine Illusion, warnt Roland Traunmüller, Geschäftsführer von psyonline.at.
„Wer mit einer KI chattet, füttert die Datenkraken der großen KI-Unternehmen mit seinen persönlichsten Informationen.“ Mit Österreichs größtem Online-Portal für psychotherapeutische Angebote versucht er seit 25 Jahren, Hilfesuchende und Expert:innen möglichst niederschwellig und tatsächlich komplett anonym zu vernetzen: „Wir können den Weg zur Therapie vereinfachen. Aber zum Ergebnis führt kein Abschneider. Eine seriöse Therapie bleibt ein anstrengender Prozess, auf den man sich einlassen muss und den kein Chatbot, kein YouTube-Video und auch kein esoterisches Angebot ersetzen kann.“
Digitale Abgründe
Im besten Fall bleibt die KI-Hilfe also wertlos. Im schlechtesten kann sie aber auch gefährlich werden. Laut offiziellen OpenAI-Zahlen tauschen sich jede Woche weltweit rund 1,2 Millionen Menschen mit ChatGPT über Suizid aus. In den USA wurden bereits mehrere Klagen gegen den Google-Mutterkonzern Alphabet und das KI-Start-up Character.AI eingebracht, deren Chatbots Jugendliche sogar zum Suizid ermutigt haben sollen.
Könnten auf wissenschaftlichen Kriterien beruhende, von Expert:innen (mit)programmierte KI-Modelle mit reinem Therapie-Schwerpunkt eine Alternative sein? Jein. Auf Basis des EU AI Act von 2024 gelten sie als „Anwendungen, die erhebliche Risiken für Gesundheit, Sicherheit oder Grundrechte bergen“. Daher fallen einschlägige Angebote unter so strenge Auflagen, dass sie, so Paolo Raile, „mit Ausnahme der App Therabot in Europa de facto verboten“ sind.
Wer kritisch denkt, schlau promptet und immer die Möglichkeit halluzinierter (also frei erfundener) Antworten mitbedenkt, kann Künstliche Intelligenz aber dennoch zur Stärkung seiner mentalen Gesundheit oder als begleitende Hilfe bei einer herkömmlichen Therapie nützen, findet der Psychotherapiewissenschaftler: „Von der Komposition individueller, beruhigender Einschlafmusik bis zu KI-kreierten Bildern von maßgeschneiderten Gefühls-Symbolen, visualisierten Erinnerungen oder nachgestellten Beziehungs-Situationen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.“
Text: Alexander Lisetz