Steuer-Oasen
Die Automobilausstellung in Peking gilt als größte Fahrzeugmesse der Welt. Ende April war es wieder soweit. Auf 380.000 Quadratmetern wurden fast 1.500 Modelle gezeigt. Eine Herausforderung für die Hersteller. Denn wer herausstechen wollte, musste den über 800.000 Besucher:innen schon etwas bieten. Nicht wenige Unternehmen zeigten deshalb Konzeptfahrzeuge und Vision Cars, um revolutionäres Design und innovative Technologien zu präsentieren. Von schwebenden Windschutzscheiben (Buick Electra Zenith) bis hin zum Mini-Fluggerät auf der Ladefläche (GAC Montx P10) war alles dabei.
Neue Rahmenbedingungen
Natürlich dienen solche Einzelstücke vor allem als Experimentierfeld für Ingenieure und Designerinnen, um Zukunftsvisionen jenseits von Produktionszwängen, Budgets und (bisher) nötigen Sicherheitsfeatures greifbar zu machen. Doch in Summe lassen sie bereits erahnen, dass das Zeitalter des autonomen Fahrens, der E-Mobilität und der unfallverhütenden Car-to-Car-Kommunikation vieles grundlegend verändert – nicht zuletzt auch den Innenraum der Autos. Das starre Cockpit-Layout? Ist Geschichte. Bedienelemente für die Fahrer:innen verschwinden. Und flache Fahrzeugböden statt Mitteltunnel erlauben es, die Fahrgastzelle ohne mechanische Einschränkungen neu zu denken. Materialien werden weicher, wohnlicher. Holz, Stoffe und Licht ersetzen die technisch-kühle Funktionsästhetik. So verwandelt sich etwa der elektrische Minivan Ocean-V
von BYD auf Knopfdruck in eine Lounge, inklusive ausfahrbarer Leinwand – Kinoauto statt Autokino.
Es ist eine klare Verschiebung der Designlogik: Weg von der Fahrt von A nach B, hin zum „Leben im Fahrzeug“. Damit wachsen Autos über ihre Rolle als Transportmittel hinaus, sagt Zukunftsforscher Alexander Mankowsky. „Sie werden zur Architektur, zum Third Place“ – also zu einem zusätzlichen Ort zwischen zuhause und Arbeitsplatz, zwischen Supermarkt und Fitnessstudio. „Und nicht mehr die Fahrer:innen stehen im Zentrum, sondern die Nutzer:innen.“
Innenraum 2.0
Diese Gemengelage stellt die Designer:innen vor neue Aufgaben: Es gilt ein Objekt neu zu erfinden, das über ein Jahrhundert lang um eine einzige Tätigkeit herum gebaut war: Fahren. Künftig verschiebt sich der Fokus immer mehr von Kontrolle zu Komfort. Leider ist der Mensch kein idealer Passagier. Wer nicht selbst fährt, ist anfälliger für Motion Sickness. Insbesondere jene, die nicht nach vorne ausgerichtet sitzen, die lesen oder auf Displays schauen, reagieren oft mit Übelkeit. Genau das könnte die freie Innenraumgestaltung massiv einschränken. Lösungen reichen von Lichtsystemen zur Stimulation des peripheren Sehens bis hin zu Sitzen, die den Kopf stabilisieren. Am wichtigsten wird jedoch die Fahrweise selbst sein: Sanfte, gleichmäßige Bewegungen sollen Reisekrankheit minimieren.
Das Interesse an den neuen Ideen der Fahrzeughersteller war in Peking groß. Bereits 2025 präsentierte Mercedes-Benz in Shanghai das Showcar Vision V. Der Innenraum des E-Vans wurde zur Private Lounge – mit schneeweißem Nappalederimitat, ausfahrbarem 65-Zoll-Screen, Surround-Soundsystem und sieben Projektoren.
Zudem sind Nutzer:innen oft konservativer und weniger veränderungsfreudig als die Entwerfer:innen. Noch beschränken sich die meisten Designs, die tatsächlich auf den Markt kommen, auf drehbare Sitzkonzepte und modulare „Möbel“, die den Innenraum zwar flexibler machen, aber noch lange nicht zum Wohnzimmer oder gar mobilen Arbeitsraum. Bisherige autonom fahrende Einheiten gleichen auch eher Zugabteilen. Und ein Großteil der heutigen Fahrzeugarchitektur – ein Produkt von Sicherheitsanforderungen wie Knautschzonen, verstärkten Fahrgastzellen, Airbags und dicken A-Säulen – wird wohl ebenfalls noch eine Weile erhalten bleiben. Auch wenn Sicherheitsfeatures objektiv vielleicht zurückgefahren werden könnten, so tragen sie subjektiv doch zum Sicherheitsgefühl bei.
Ende oder Anfang
Doch Studien, etwa die „Forget the Wheel“-Analyse von Deloitte aus 2021, beschreiben das (autonome) Fahrzeug der Zukunft schon länger als „Smartphone und Wohnzimmer auf Rädern“: außen Auto, innen Lebensraum und -begleiter. Projektionsflächen für Präsentationen, VR- und AR-Headsets, mit denen man unterwegs im virtuellen Büro arbeiten kann, „Party-Modi“ mit Licht und Sound oder Autositze, die sich in Massagesessel oder aber Betten verwandeln, die luxuriöser sind als auf vielen Business-Class-Flügen – solche Entwicklungen zeigen, wohin die Reise geht. Oder zumindest gehen könnte.
Das Ende des Fahrens hat gerade erst begonnen. Seine Zukunft aber auch. Denn wir werden, davon ist Zukunftsforscher Mankowsky überzeugt, das Steuer so schnell nicht gänzlich aus der Hand geben. „Die Menschen werden Autofahren als Hobby betreiben. Ganz bewusst, am Wochenende. Zum reinen Vergnügen.“
Text: Daniela Schuster