Vorsorgen fürs Zukunfts-Ich
Möglichst gesund möglichst alt zu werden, wandelt sich für immer mehr Menschen vom hoffentlich eintreffenden Schicksal zum aktiv betriebenen Projekt. Der Longevity-Markt profitiert davon mit weltweiten Umsätzen um die 500 Millionen Euro. Die Österreicher:innen machen nur zögerlich mit. Dass Gesundheit ein Kapital ist, das man pflegen und vermehren kann, sickert erst allmählich ins Bewusstsein. Dabei ist die Idee, dass Vorbeugen nützlicher ist als Heilen, nicht ganz neu: „Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern“, befand schon Sebastian Kneipp – und war damit dem aktuellen Trend gute 150 Jahre voraus. Auch wurde hierzulande bereits 1974 die kostenlose Vorsorgeuntersuchung eingeführt. Aktuell nehmen das Angebot jährlich rund eineinhalb Millionen Österreicher:innen wahr, der Frauenanteil ist deutlich höher als der der Männer.
Zeit, Energie und Geld in Gesundheitsprävention zu investieren, wäre aber auch für die übrigen 7,7 Millionen Landsleute eine gute Idee. Das überzeugendste Argument sind natürlich unsere verschenkten Lebensjahre: 60 Prozent der vorzeitigen Todesfälle in Europa wären vermeidbar, weil sie mit managebaren Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht, ungesunder Ernährung oder Bluthochdruck zusammenhängen, sagt die WHO. Damit meint sie vor allem die Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder Atemwegserkrankungen, die sich durch einen gesünderen Lebensstil verhindern ließen.
Jeder vermiedene Krankenhausaufenthalt, jede Verhinderung von Pflegebedürftigkeit spart aber auch dem überlasteten Gesundheitssystem bares Geld. Hier liegt noch viel Potenzial brach: Dass nur 4,2 Prozent der heimischen Gesundheitskosten (die immerhin 11,8 Prozent des BIPs ausmachen) in die Prävention fließen, verursacht nämlich später beim Reparieren der Gesundheit ein Vielfaches an Kosten.
Wichtiger wäre ohnehin, das Management der eigenen Gesundheit nicht an externe Expert:innen auszulagern, sondern selbst Kompetenz und Freude daran zu gewinnen. Laut einer aktuellen Marketagent-Umfrage haben immerhin 55 Prozent der Österreicher:innen den „Vorsatz“, sich aktiver um ihre Gesundheit zu bemühen. Die fünf Leitsätze können dabei Orientierung geben.
Lassen Sie schlechte Gewohnheiten sein
8.500 Österreicher:innen sterben laut Gesundheit Österreich GmbH jährlich an den Folgen des Tabakkonsums. Zwei bis 20 Lebensjahre kostet Übergewicht. Und 200 Krankheiten – darunter sieben Krebsarten – werden durch regelmäßigen Alkoholkonsum begünstigt. Die Statistiken untermauern, was wir nur ungern hören: Bewegung, gesunde Ernährung, Rauchverzicht und kein oder nur moderater Alkoholgenuss sind nach wie vor die effektivsten Hebel für eine gesunde Zukunft. Die gute Nachricht: Um die eigene Lebensspanne zu verlängern, muss man weder Mönch noch Marathonläuferin werden. Zwar hat regelmäßiger, über Jahrzente moderat betriebener Sport den größten Effekt. Bewegungsmuffel können aber auch schon mit mikrokleinen Verhaltensänderungen zusätzliche Lebenszeit erkaufen, errechnete das norwegische Institut für öffentliche Gesundheit in einer Langzeitstudie, an der 135.000 Erwachsene teilnahmen: Schon fünf zusätzliche Spazierminuten pro Tag senken das Sterberisiko um zehn Prozent, 30 Minuten weniger Sitzen reduzieren es um sieben Prozent.
Messen Sie, was Ihnen gut tut
Seit den frühen 2010er-Jahren macht die Biohacking-Bewegung die gezielte Optimierung von Körper und Geist durch Ernährung, Schlaf, Fasten, Kältetraining, Nahrungsergänzungsmittel und ähnliche Methoden populär. Das Tracken von Vitalwerten mit Hilfe von Wearables hilft aber auch Laien, wissenschaftlich fundierte Präventivarbeit zu leisten, statt sich allein aufs Bauchgefühl zu verlassen. Laut Statista nützt schon mehr als ein Viertel der österreichischen Erwachsenen derartige Smartwatches oder Fitnesstracker, 80 Prozent erfassen damit gesundheitsbezogene Daten wie Herzfrequenz, Schlaf oder tägliche Schrittzahl. Am Trend haben sich auch österreichische Start-ups wie Runtastic (2015 für 220 Millionen an Adidas verkauft) und mySugr gesundgestoßen.
Baden Sie in Jungbrunnen
Vom Epigenetik-Test bis zur Infusionstherapie, von der Hormonregulation bis zur Kältekammer: Wer in einer Longevity-Klinik eincheckt, profitiert von Analysemethoden und Behandlungsformen, die im öffentlichen Gesundheitssystem nicht finanzierbar wären. Der Nachteil des Trends zum teuren Jungbrunnen: Nicht alle Angebote für Geroprotektion – also die Verlangsamung des Alterns – sind nachweislich effektiv, schließlich fehlen für moderne Anwendungen noch die Langzeiterfahrungen. „Vermutlich dürfte der Effekt aber kleiner sein als beispielsweise bei einem Rauchstopp oder bei einer Reduktion des BMI um fünf Punkte bei Übergewichtigen“, sagt Björn Schumacher, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Alternsforschung. Oft bringt der Boxenstopp in einem Medical Spa – mit dem Longevity-Pionier Lanserhof in Tirol oder dem Mayrlife Medical Health Resort Altaussee verfügt Österreich über zwei der renommiertesten – aber auch eine Lebensstil-Änderung mit sich. Und die macht sich über Jahre hinaus bezahlt.
Nützen Sie Vorsorge-Programme
Früher machten private Gesundheitsversicherungen das Kranksein bequemer. Jetzt fördern fast alle namhaften Anbieter das Gesundbleiben mit maßgeschneiderten Präventivprogrammen. Darum lohnt es sich, nicht nur die Tarife, sondern auch die Vorsorge-Angebote zu vergleichen. Zu den Extras, die die staatlichen Vorsorge-Angebote weit übertreffen, zählen metabolische, kardiologische oder Rücken-Fit-Rundum-Checks im Rahmen von Wellness- oder Thermenurlauben (ego4you Med, Merkur Versicherung), Laboruntersuchungen und Vitalcoach-Einheiten (Uniqa VitalPlan Plus), maßgeschneiderte „Rundum gesund“-Pakete und individuelle Vorsorgeberatung durch GesundheitsCoaches (Generali), Aktivitäts- und Ernährungsanalyse (Donau Aktiv Check) oder Wellness-Auszeit, Fitnesstraining und Ernährungsberatung (Wiener Städtische Besser-Leben).
Bereiten Sie sich jung aufs Älterwerden vor
Ja, wir können an der Stellschraube „Gesundheit“ drehen und unsere Voraussetzungen für ein langes, selbstbestimmtes Leben verbessern. Doch das heißt nicht, dass uns Krankheiten oder Unfälle nicht doch einen Strich durch die Rechnung machen können. Umso wichtiger ist es, schon in jungen Jahren für gesundheitliche Stolpersteine vorzusorgen, damit körperliche Einschränkungen nicht auch in die Armutsfalle führen. Eine private Pflegeversicherung (Kosten: zwischen 50 und 100 Euro pro Monat) kann bei Pflegebedürftigkeit die Kostenlücke füllen, eine Berufsunfähigkeitsversicherung Verdienstausfälle finanziell absichern. Doch obwohl jede:r Vierte im Lauf seines Erwerbslebens berufsunfähig wird, haben eine solche BU-Versicherung nur vier Prozent der Bevölkerung abgeschlossen.
Text: Alexander Lisetz