„Wir brauchen mehr Komplexitätskompetenz“
Krisen und Konflikte gab es schon immer. Wandel durch neue Technologien auch. Was ist es genau, was der Zukunft heute einen so schweren Stand beschert?
Harry Gatterer
Zum einen ist die Geschwindigkeit des Wandels beispiellos. Wir haben durch die technologische Umgebung, die wir uns gebaut haben, zudem eine unfassbare Informationsdichte, mit der wir uns beschäftigen (müssen) und die uns nicht loslässt, egal wo wir hingehen. Die Informationen lassen sich auch kaum mehr filtern, weil die Design- und Darstellungsformen all dieser Infos ähnlich hochwertig sind – egal, ob man nun die Nachrichten anschaut, ein Fortbildungsvideo sieht oder online ein Hotel sucht. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit ist dadurch an ihre Grenzen geraten. Es fehlt an klaren Kantenprofilen, anhand derer wir differenzieren können. Im Digitalen gibt es auch keinen Anfang und kein Ende. Wenn wir aber alles gewissermaßen gleichzeitig mitbekommen, können wir es nicht mehr ordnen. Trump, KI und Co – was davon ist jetzt Zukunft? Was davon ist für mich persönlich relevant? Die Menschen wissen einfach gar nicht mehr, woran sie denken sollen, wenn es ums Morgen geht. Deswegen fällt es ihnen auch schwer, Hoffnung zu haben oder Freude zu empfinden, wenn sie an die Zukunft denken.
Vorwärtsmacher
Unter den 18 Lebensstil-Typen, die das Zukunftsinstitut identifiziert hat, ist der Vorwärtsmacher der Gestalter der Zukunft: Als Führungspersönlichkeit von morgen treibt er mit enormem Durchsetzungswillen, sozialer Kompetenz und einer gleichzeitig spielerischen Leichtigkeit den Wandel der Gesellschaft voran.
Gruppengröße: 10,9 Prozent der Gesamtbevölkerung
Schlüsselwerte: Selbstverwirklichung, Gesellschaftliches Engagement, Erfolg, Gesundheit
Diese Komplexität (be)trifft uns privat, aber vor allem auch beruflich …
Harry Gatterer
Beruflich ist die Zukunft ja noch bedeutender. Denn im beruflichen Kontext ist die Zukunft sozusagen eine Pflichtübung, weil man jeden Tag Entscheidungen treffen muss. Und diese Entscheidungen bedingen, dass man ein Bild davon hat, was man eigentlich entscheidet und auf welche Zukunft hin. Im Privaten gibt es natürlich auch signifikante Stationen im Leben, wo die Zukunft eine Rolle spielt – aber zum Glück nicht täglich. Das ist auch eine der wesentlichen Antworten, die wir uns geben müssen: Wann ist Zukunft für uns eigentlich relevant und wann nicht so sehr.
ZUR PERSON
Harry Gatterer (52) ist Trend- und Zukunftsforscher. Als CEO des Zukunftsinstituts mit Sitz in Wien und Frankfurt am Main berät er u. a. Konzerne, politische Entscheider:innen und Organisationen, wie sie Wandel aktiv gestalten können.
Macht die zunehmende Komplexität das Leben also komplizierter?
Harry Gatterer
Durch neue Technologien werden die Anforderungen an den Einzelnen in jedem Bereich immer höher. Es tauchen ständig Dinge auf, mit denen man nicht gerechnet hat. Es gilt, die Welt und Zusammenhänge neu zu lernen und zu verstehen. Das lässt manches vielleicht kompliziert erscheinen. Komplex und kompliziert darf man aber nicht verwechseln. Komplizierte Strukturen kann man wieder abschaffen, sobald man sie erkannt hat. Komplexität aber bleibt, egal wie sehr wir versuchen, sie zu reduzieren.
Brauchen wir künftig also einfach mehr „Komplexitätskompetenz“?
Harry Gatterer
So könnte man es ausdrücken. Die Welt tendiert zur Komplexität. Der souveräne Umgang damit ist – neben der Lern- und Adaptionsfähigkeit – sicher eine der Top-Zukunftskompetenzen, um aus dem Zuviel jene Schlüsse zu ziehen, die privat wie beruflich tragfähig sind.
Multi Performer
Menschen wie der Multi Performer sind zielstrebige Karrieristen, die mit Leistung argumentieren und technische Mittel zur Optimierung von Beruf und Alltag nutzen. Ihnen ist es wichtig, im Leben etwas zu erreichen, mit dem sie sich sehen lassen können.
Gruppengröße: 12,7 Prozent der Gesamtbevölkerung
Schlüsselwerte: Erfolg, Selbstverwirklichung, Gesundheit
Wie kann man diese Zukunftskompetenz entwickeln?
Harry Gatterer
Eigentlich ist der Umgang mit Komplexität nichts Neues. Das Sozialgefüge, unser Körper, der Verkehr – alles ist komplex, und wir gehen damit relativ selbstverständlich um. Für den Rest können wir das lernen. Das bedingt zum Beispiel, dass wir uns einer anderen Form von Mustererkennung bedienen, um Zusammenhänge zu verstehen. Lineares Denken nutzt nichts in einer komplexen Welt, in der man immer mehr nicht gesehen hat als gesehen. Es hilft auch, Tempo rauszunehmen. Es braucht Geduld, um sich in einer höheren Komplexität zu bewegen. Ein gangbarer Weg ist zum Beispiel „digital detox“ im Privaten, um die Wahrnehmungsfähigkeit zu trainieren. Dann kann man auch wieder besser unterscheiden, welche Meldungen tatsächlich Relevanz haben. Trainiert man das nicht, ist alles gleich wichtig. Man ist in der Geschwindigkeit des Wandels gefangen.
Die Welt draußen wird sich dennoch immer weiterdrehen …
Harry Gatterer
Wenn wir etwas über das Wesen von komplexen Systemen wissen, dann das, dass es immer Phasen gibt. Wir sind jetzt einfach in einer unfassbaren Entwicklungsphase der Technologie. Das ist ein Schub, der auch wieder enden wird. Und wir Menschen haben eines immer wieder bewiesen: dass wir lernen können. Also werden wir auch lernen, mit dieser neuen Technologie umzugehen und mit ihr richtig zu interagieren. Es wird aber so sein, das ist der spooky part, dass diese Technologie ein bisschen mehr wie ein Lebewesen ist als wie ein Tool. Aber wir werden uns da auch wieder zurechtfinden. Es ist wirklich eine Phase.
Noch sind wir mittendrin in der Phase. Wie geht man am besten mit ihr um?
Harry Gatterer
Ich glaube, das, was man jetzt tun kann, ist: loslassen. Natürlich wird vieles in Frage gestellt, an was wir uns gewöhnt haben, was wir vielleicht für richtig oder wichtig erachtet haben. Aber gleichzeitig kann man sich eben auch darauf einstellen, dass wir nicht untergehen und die Superintelligenz übernimmt. Wir werden damit wieder klarkommen.
Moderner Nomade
Der Moderne Nomade lebt unabhängig vom geografischen Ort im permanenten Unterwegs, fühlt sich auf der ganzen Welt zuhause und legt eine offene und neugierige Geisteshaltung an den Tag. Er ist jederzeit offen für neue Erfahrungen und Begegnungen, denn er sieht sich als ungebunden und ohne Vorurteile.
Gruppengröße: 4,9 Prozent der Gesamtbevölkerung
Schlüsselwerte: Gesundheit, Selbstverwirklichung, Soziale Bindungen
Beim Klarkommen würde der ordnende Blick des Zukunftsforschers helfen. Welche Megatrends werden künftig eine (noch) größere oder auch veränderte Rolle in unseren Leben spielen?
Harry Gatterer
Die Art und Weise, wie wir Wissen einerseits erzeugen und andererseits verarbeiten, wird die nächsten Jahre sehr stark prägen. Die KI kann Erkenntnisse in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit erzeugen. Unser Fokus wird sich vom Erkenntnisgewinn zur eigentlichen Verarbeitung von Erkenntnissen verschieben. Dafür gilt es, neue Formate für immersives, spielerisches Lernen zu entwickeln. Das Bildungssystem wird dadurch massiv gechallenged werden. Der totale Stresstest. Andererseits werden Unternehmen ihre Bildungsinitiativen hochfahren. Wir werden vieles von dem, was wir früher mit Schule oder Uni in Verbindung gebracht haben, in Unternehmen erleben. Aus der österreichischen Perspektive ist das eine gute Nachricht, weil da sind wir eher weit hinten. Und auch im Privaten wird sich Wissenskultur verändern. Schon heute können Sie sich ja zum Beispiel beim Sport von Apps coachen lassen auf einem professionellen Niveau.
Sicherheit ist ein weiterer Megatrend, der mehr Bedeutung gewinnen wird.
Harry Gatterer
Sicherheit hat viele Dimensionen im Moment. Ganz vorne: Cyber Security. Denn die Systeme, in denen wir uns im Moment technologisch bewegen, sind nicht gebaut für den KI-Ansturm. Da werden sich immer wieder Lücken auftun. Für Unternehmen, aber auch für Privatpersonen. Unser Verhalten im Umgang mit Daten wird sich massiv verändern müssen. Und das zweite ist, dass wir eine höhere Bedeutung von Kompetenz- und Sicherheitsfragen in fast allen Bereichen unseres Lebens erleben werden – von geopolitischen Sicherheitsfragen bis hin zu den Folgen des Klimawandels, der etwa zu mehr Bränden führt. Sicherheit wird uns zunehmend beschäftigen und Teil unserer Alltagsüberlegungen sein – bis hin zu Ernährungs- und Gesundheitsfragen.
Womit wir beim Megatrend Gesundheit wären …
Harry Gatterer
Auch dieser Trend wird in den nächsten Jahren sehr prägend sein im Alltag. Etwa in Form von Longevity. Unsere Lebenserwartung, schon jetzt hoch, soll weiter steigen. Die Leute im Silicon Valley glauben sogar an Unsterblichkeit. Das ist meines Erachtens nur ein Traum. Nichtsdestotrotz ist Gesundheit bis ins hohe Alter ein Anspruch, der in der Gesellschaft wächst. Und wir können unsere Gesundheit ja auch tatsächlich immer mehr tracken und beeinflussen. Hier hat die Technologie wahnsinnig viel Beitrag geleistet – bis hin zu Predictive Analytics.
Forever Youngster
Der Forever Youngster sieht Gesundheit nicht nur als erstrebenswerten Zustand, sondern als Lebensziel und Lebenssinn – er investiert viel in die permanente Optimierung von Körper und Geist.
Gruppengröße: 9,7 Prozent der Gesamtbevölkerung
Schlüsselwerte: Gesundheit, Selbstverwirklichung, Soziale Bindungen
Neben Megatrends hat das Zukunftsinstitut auch 18 datengestützte, geschlechts- und altersungebundene Lebensstil-Typen identifiziert, um gesellschaftliche Entwicklungen zu verbildlichen. An welchen Typen wird der derzeitige Wandel besonders deutlich?
Harry Gatterer
Was uns bewegt, sind die Sehnsucht nach Eskapismus, die Notwendigkeit hochgradiger Stressbewältigung, der Anspruch auf ein langes, gesundes Leben, ein kluger Umgang mit Work-Life-Balancen und das Thema, unterwegs zu sein und Erfahrungen zu sammeln. Als Indikator-Lebensstile, an denen man sich orientieren kann, würde ich daher zum einen die Forever Youngsters nennen. In Zeiten des deutlich spürbaren demografischen Wandels verkörpern sie die Idee des Jung-Alt-Seins. Vom Staubsaugerroboter bis zur Health-Tracking-App: Mit technologischer Unterstützung organisieren sie ihr Leben. Als Zweite würde ich die Multi-Performer nennen. Sie sind in einer Lebensphase, wo sie Beruf, Familie, Freizeit unter einen Hut bringen müssen. Ihr sowieso schon hoher Stresslevel und Koordinierungsbedarf wird in den nächsten Jahren noch eher raufgehen. Trotz oder gerade durch KI oder Multi-Agents. Denn auch 2030 wird unser Alltag noch nicht lückenlos hochautomatisiert sein. Nummer drei: die Neo-Hippies. Ihre Sehnsucht nach Eskapismus, Leben-im-Moment und Wir-Erfahrungen wird auch weitere Teile der Gesellschaft erfassen in einer hochtechnologisierten Welt. Und viertens: die modernen Nomaden. Dieser Lebensstil inklusive remote work wird natürlich durch Technologie massiv unterstützt.
Neo-Hippie
Der Neo-Hippie lebt im Zeitalter der Individualisierung ein neues Bewusstsein für Gemeinschaft als identitätsstiftende Kraft und treibt die Sharing- und Event-Kultur voran. Er ist der Meinung, dass Menschen viel mehr Zeit in der Gemeinschaft verbringen und zusammen Spaß haben sollten, denn nur so entstehen die großartigen Erinnerungen, die das Leben ausmachen.
Gruppengröße: 17,8 Prozent der Gesamtbevölkerung
Schlüsselwerte: Gesundheit, Selbstverwirklichung, Soziale Bindungen
Gibt es denn auch so etwas wie einen „idealen“ Lebensstil-Typus für die komplexe Zukunft, die auf uns wartet?
Harry Gatterer
Wenn man das jetzt auch ein bisschen aus einem Wunschszenario heraus betrachtet, vielleicht den Vorwärtsmacher. Er gestaltet die Zukunft mit statt nur auf sie zu warten. Er macht die Komplexität nicht zum Problem, sondern sieht die Möglichkeiten, den Gestaltungsraum. Und ja, natürlich braucht es eine gewisse Pioniermentalität und visionäre Kraft. Aber das Zentrale an diesem Lebensstil ist das Machen, das pragmatische Umgehen mit dem, was einen umgibt. Also diese Zukunft, die hat viel mehr mit uns zu tun, als wir glauben. Da ist viel mehr gestalterisches Momentum drin, als uns heute bewusst ist. Und das wäre jetzt so meine Hoffnung für 2030, dass das flächendeckender klar wird, damit wir von der Ohnmacht in die Selbstwirksamkeit gehen können. Man kann das nicht prognostizieren, aber es ist im Bereich des Möglichen. Weil dieser Stress, den wir heute erleben, ja auch dazu führen wird, dass Menschen wieder aktiver etwas tun und neue Wege suchen.
Was wird uns und womit wird uns 2030 vielleicht positiv überraschen?
Harry Gatterer
Ich glaube, 2030 wird uns damit überraschen, dass wir ein paar jener Konflikte und Krisen wieder los sind, die uns heute so stressen – etwa geopolitische. Ich denke, es wird uns auffallen, dass viele Ängste und Sorgen, die wir uns heute machen über diese ganzen technologischen Entwicklungen und multiplen Krisen, gar nicht so nötig waren. Und uns wird überraschen, dass die Welt noch immer steht und wir einfach weiterhin unser Glaserl Wein trinken im Lokal ums Eck.
Interview: Daniela Schuster