Eine schwangere Frau wird geimpft

Wie wirkt sich die Corona-Impfung auf die Schwangerschaft aus?

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Faktencheck
01/19/2022

Corona: Angeblicher Hebammen-Brief enthält Fake News zur Impfung

In einem Schreiben behaupten anonyme Geburtshelferinnen, dass es nach der Corona-Impfung zu schweren Schwangerschaftskomplikationen kommen kann. Warum es sich um gefährliche Falschinfos handelt.

von Katharina Zwins, Ines Holzmüller

Große Sorgen bereiten uns auch berufliche Beobachtungen im zeitlichen Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung von Schwangeren, denen häufig nicht nachgegangen wird: Fehlgeburten, vorzeitige Wehentätigkeit, früher vorzeitiger Blasensprung, vaginale Blutungen, Frühgeburten, Wachstumsretardierung, Eklampsie, Myokarditis, etc.

Offener Brief von 217 Hebammen unter dem Motto „Hebammen werden laut!“, veröffentlicht im Onlineportal „Wochenblick“ am 10. Jänner 2022

Im Internet kann sich jeder eine beliebige Identität zulegen – und sich wahlweise als Unternehmenseigentümer, als Polizeibeamter oder als Hebammen-Kollektiv ausgeben. Eine E-Mail-Adresse ist schließlich schnell und kostenlos eingerichtet. So eine Mailadresse hat sich auch eine Gruppe zugelegt, die sich selbst „Hebammen werden laut“ nennt und vorgibt, im Namen von 217 österreichischen Hebammen zu sprechen. In einem offenen Brief, der in Form eines E-Mails an mehrere Zeitungsredaktionen verschickt wurde, zweifeln die angeblichen Geburtshelferinnen die Impfung an – und schrecken dabei auch vor heftigen Fake News nicht zurück. Verschwörungstheoretische, FPÖ-nahe und rechtslastige Alternativmedien greifen die Meldung auf, ohne zu hinterfragen, ob sich hinter der E-Mail-Adresse tatsächlich 217 wütende Hebammen verbergen. Oder ob hier eine angesehene Berufsgruppe für Anti-Impf-Propaganda instrumentalisiert wird.

In den Social Media verbreitet sich der Brief rasant, vor allem unter Impfskeptikern. Besorgniserregend: Denn Wissenschafterinnen verschlägt es angesichts der Behauptungen in dem Brief die Sprache. Das Österreichische Hebammengremium (ÖHG) distanziert sich ausdrücklich.

Das Schreiben zur „freien Impfentscheidung“ wurde von der anonymen Gruppe am 4. Jänner 2022 an die Interessensvertretung der Hebammen, an die Regierung und mehrere Medien, darunter profil, übermittelt. Die Kurzfassung: Die Sicherheit des Vakzins sei „nicht endgültig festgestellt und belegt“, die Datenlage zur Verwendung in der Schwangerschaft „begrenzt“. Ungeimpfte Frauen würden bei der Geburtshilfe Diskriminierung erleben, hätten bei einer Infektion zumeist jedoch ohnehin „milde bis moderate Verläufe“. Mit – unbelegten – Einzelschicksalen schürt der Brief Angst: „Große Sorgen bereiten uns auch berufliche Beobachtungen im zeitlichen Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung von Schwangeren, denen häufig nicht nachgegangen wird: Fehlgeburten, vorzeitige Wehentätigkeit, früher vorzeitiger Blasensprung, vaginale Blutungen, Frühgeburten, Wachstumsretardierung, Eklampsie, Myokarditis, etc.“ faktiv zeigt auf, warum es sich um eindeutige Falschinformationen handelt.

Hebammengremium: Beobachtungen „nicht zutreffend“

Das Österreichische Hebammengremium, das alle rund 2400 Hebammen im Land vertritt, distanziert sich ausdrücklich von den Behauptungen im Brief. Die Beobachtungen „können wir nicht nachvollziehen“, heißt es von Seiten des ÖHG-Präsidiums. „Aus unserer Sicht sind sie nicht zutreffend.“ Und: „Einzelne berufliche Erfahrungen können keinesfalls wissenschaftliche Evidenz oder Expertenkonsens ersetzen.“

Ungeimpfte Frauen würden außerdem keinerlei Diskriminierung im geburtshilflichen Setting erfahren, widerspricht das ÖHG.

Das Gremium bezweifelt, dass tatsächlich 217 Hebammen, die aus Angst vor Repressalien anonym bleiben wollen, hinter dem Brief stehen würden: „Wir haben einen Newsletter an die Hebammen in Österreich geschickt, in dem wir zu dem Brief Stellung beziehen. Die Reaktionen der Hebammen darauf bestätigen uns in der Überzeugung, dass der Brief höchstens die Ansichten einer kleinen Gruppe an Hebammen wiedergibt.“ Schwangeren und stillenden Frauen sei die Corona-Schutzimpfung weiterhin anzuraten, heißt es gegenüber profil.

Gesellschaft für Gynäkologie: „Keine Hinweise auf negative Auswirkungen“

Auch die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) empfiehlt die Verabreichung der Covid-19-Impfung allen Frauen mit Kinderwunsch, Schwangeren und Stillenden, obwohl es sich offiziell noch um einen „Off-Label-Use“ handelt (weshalb Schwangere auch von der Impfpflicht ausgenommen sind): „Es gibt derzeit keine Hinweise auf irgendwelche negativen Auswirkungen der Impfung auf den Schwangerschaftsverlauf oder das ungeborene Kind.

Nach Alexandra Ciresa-König, Oberärztin an der Innsbrucker Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe und Vorstandsmitglied der OEGGG, gebe es „ausreichend wissenschaftliche Untersuchungen mit einer großen Anzahl von Patientinnen“.

Zu den mutmaßlichen Beobachtungen der Hebammen im Brief meint die Expertin: „Von wissenschaftlicher Seite können wir das nicht bestätigen. Wir im OEGGG-Vorstand sind alle praktizierende Gynäkologinnen und Gynäkologen aus geburtshilflichen Abteilungen in ganz Österreich. Wir sehen keinen Anstieg von den genannten Schwangerschaftskomplikationen bei Patientinnen, die gegen Covid-19 geimpft worden sind.“

Sehr wohl beobachtet werden konnten im vergangen Jahr jedoch „komplizierte Schwangerschaftsverläufe“ bei Covid-Infizierten, so die Fachfrau: „Es gab natürlich auch infizierte Patientinnen, die einen leichten Verlauf hatten. Aber es gab eine Anzahl von sehr schwerwiegend erkrankten Schwangeren, vor allem im letzten Drittel der Schwangerschaft, und darunter auch mehrere, die intensivmedizinische Betreuung benötigt haben, wo wir um das Leben von Mutter und Kind gebangt haben.“

Wurden von Schwangeren vermehrt Nebenwirkungen gemeldet?

In Österreich erfasst das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) alle vermuteten Nebenwirkungen von Arzneimitteln und Impfstoffen. In deren Bericht zur Coronaschutzimpfung sind die Beobachtungen, die im offenen Breif geschildert werden, nicht enthalten. Auf profil-Nachfrage heißt es jedoch, ein vermuteter Zusammenhang mit einer vorzeitigen Beendigung der Schwangerschaft „wurde insgesamt acht Mal gemeldet (4x Comirnaty, 3x Vaxzevria, 1x Janssen).“ Betont wird, dass nicht jedes Krankheitszeichen, das im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung auftrete, auch auf die Impfung zurückzuführen sei: „Wenn Impfstoffe an sehr viele Personen verabreicht werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass nach einer Impfung Beschwerden auftreten, die nicht durch die Impfung, sondern durch andere Ursachen, wie eine zeitgleich oder kurz danach aufgetretene andere Erkrankung, ausgelöst wurden.“

Hebammen können keinen Beleg liefern

Doch wie kommt das – anonyme – Kollektiv an Hebammen auf seine Behauptungen? Und wer verbirgt sich wirklich dahinter? profil kontaktiert die Mailadresse, die den offenen Brief abgeschickt hat. Die Antwort fällt allgemein aus: Mit Fehlgeburten und anderen schwerwiegenden Komplikationen in der Schwangerschaft „waren wir in der Geburtshilfe schon immer konfrontiert“. Und: „Wenn eine solche Normabweichung aber in (sehr) nahem zeitlichen Zusammenhang mit einer Covid-19 Impfung auftritt, werden wir Hebammen aufmerksam. Wir selbst können dies aber weder statistisch noch wissenschaftlich aufarbeiten. Daher müssen wir unsere Wahrnehmungen artikulieren, was wir mit unserem offenen Brief getan haben.“ Einen Beleg für den behaupteten Zusammenhang zwischen Komplikationen und Impfung können die Personen hinter der Mailadresse also nicht liefern, auch keine wissenschaftlichen Nachweise. „Wir, als Hebammen, können weder mit Sicherheit sagen, dass die Impfung ursächlich ist, noch dass sie es nicht ist“, schreiben sie weiter und wünschen sich dennoch eine „kritische Offenheit“.

profil sicherte dem Kollektiv die Wahrung der Anonymität zu, bat aber um einen Beleg dafür, dass hinter der Mailadresse tatsächlich Hebammen stehen. Bis Redaktionsschluss blieb diese Bitte unbeantwortet.

CORONA: PULS 24 BüRGERFORUM "FAHRPLAN AUS DER KRISE":  VON LAER

Von Laer: „Kein erhöhtes Risiko für Fehl- oder Frühgeburten“

Die Moral von der Geschichte: Anonyme Mailadressen sind nicht vertrauenswürdig. Und unbelegte Einzelfälle sind keine wissenschaftliche Evidenz. Die Virologin Dorothee von Laer von der MedUni Innsbruck erläutert dazu gegenüber profil: „All die von den Hebammen genannten Ereignisse können während der Schwangerschaft auch spontan vorkommen.“ Nur die Auswertung sehr großer Zahlen könne beweisen, ob diese Vorkommnisse bei geimpften Schwangeren häufiger sind: „Und solche großen Studien finden alle keinen Zusammenhang.“

Für eine aktuelle Studie haben US-amerikanische Wissenschafterinnen und Wissenschafter Daten von rund 46.000 Frauen ausgewertet, die schwanger waren und ihr Kind lebend geboren haben. Rund 10.000 von ihnen wurden zwischen dem 15. Dezember 2020 und dem 22. Juli 2021 in der Schwangerschaft gegen das Coronavirus geimpft. 82 Prozent wurden in der Schwangerschaft zweimal geimpft. Der Großteil der Schwangeren erhielt die Impfung im zweiten oder dritten Schwangerschaftsdrittel. Rund 6,6 Prozent der Frauen bekamen ein Frühgeborenes. Bei den Geimpften lag der Anteil mit 4,9 Prozent niedriger als bei den ungeimpften Frauen mit 7,0 Prozent. Auch hier konnten also keine Auffälligkeiten bei Geimpften festgestellt werden. Eine weitere Studie konnte auch im ersten Schwangerschaftsdrittel keine negativen Effekte feststellen.

Ein Blick nach Deutschland

Auch im Sicherheitsbericht des deutschen Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das mögliche Nebenwirkungen von Covid-Impfungen überwacht, finden sich keinerlei Hinweise auf die Beobachtungen der Hebammen. Gegenüber profil heißt es, dass dort „über derartige Verdachtsfallmeldungen nicht berichtet wird“. Denn: Für Deutschland und die EU seien die Beobachtungen „nicht zu bestätigen“.

Im September 2021 hat die Deutsche Ständige Impfkommission (STIKO) Schwangere und ungeimpfte Stillende explizit als zu impfende Zielgruppen in die Covid-19-Impfempfehlung aufgenommen – auch wenn die Datenlage zur Sicherheit des Impfstoffs in der Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt noch begrenzt gewesen sei. Denn: Aus den damals vorliegenden Ergebnissen von Registeranalysen zur Sicherheit der Vakzine ergeben sich „keine Hinweise auf das gehäufte Auftreten von UAW (unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Anm.) nach Impfung in der Schwangerschaft, sowohl was die Mutter als auch den Fetus bzw. das Neugeborene anbelangt”. Insbesondere nicht „von Aborten bis zur 19. Schwangerschaftswoche, Frühgeburten, Totgeburten oder Malformationen“, heißt es. Gleiches ergibt sich auch aus der aktuellsten Empfehlung vom 13. Jänner.

Im Übrigen appelliert die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ebenso an alle ungeimpften Schwangeren, Stillenden und Frauen mit Kinderwunsch, sich impfen zu lassen.

Covid-19 für Schwangere besonders gefährlich

Das renommierte deutsche Robert Koch-Institut warnt in seinem epidemiologischen Steckbrief explizit davor, dass bei Schwangeren „schwere Krankheitsverläufe häufiger beobachtet werden“.

Auch das Nationale Impfgremium (NIG) weist auf die Gefahren einer Corona-Erkrankung bei Schwangeren hin: „In der Schwangerschaft besteht bei COVID-19 ein erhöhtes Risiko, intensivpflichtig zu werden, für die Notwendigkeit einer invasiven Beatmung (Intubation), ein erhöhtes Risiko, an eine ECMO (in der Intensivmedizin eingesetzte Maschine zur Unterstützung der Lunge, Anm.) angeschlossen zu werden und das Risiko einer Frühgeburt.“ Außerdem würden alle bisher vorliegenden Daten aus großen Registerstudien „keine nachteiligen Effekte oder Auffälligkeiten bei der Anwendung von COVID-19-Impfstoffen bei Schwangeren“ zeigen.

Auch wenn es sich dabei noch um eine „Off-Label“-Anwendung handle, empfiehlt das NIG die Immunisierung im zweiten oder dritten Schwangerschaftsdrittel – idealerweise mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer, möglich sei auch der Wirkstoff von Moderna.

Eine Empfehlung erst ab der 14. Schwangerschaftswoche wurde laut Gynäkologin Ciresa-König deswegen ausgesprochen, „weil bis dahin am häufigsten Schwangerschaftskomplikationen wie zum Beispiel Blutungen auftreten und die Sorge besteht, dass sonst mögliche Komplikationen auf den neuen Impfstoff zurückgeführt werden könnten.“ In den USA und Großbritannien zum Beispiel werde die Covid-Impfung jedoch während der gesamten Schwangerschaft empfohlen: „Da grundsätzlich erwiesen ist, dass der Corona-Impfstoff für Schwangere jeden Schwangerschaftsalters geeignet ist.“

Auch in der Stillzeit empfiehlt das NIG das Vakzin im Übrigen uneingeschränkt: „Es gibt keine Hinweise, dass mRNA-Impfstoffe oder Bestandteile desselben in die Muttermilch übertreten und sich daraus irgendein theoretisches Risiko ableiten ließe.“ Ciresa-König dazu: „Frauen bilden dadurch Antikörper und geben diese durch die Milch an das Kind weiter. Dieses hat dann den sogenannten ‚Nestschutz‘.“

Mythos Unfruchtbarkeit

Im Zusammenhang mit der Covid-Impfung und einem Kinderwunsch hält sich im Übrigen auch hartnäckig das Gerücht - denn mehr ist es nicht - die Impfung könne Unfruchtbarkeit auslösen. Die von der Impfung ausgelöste Immunreaktion soll nicht nur das Virus angreifen, sondern auch ein plazentabildendes Eiweiß, das mit dem Spike-Protein der SARS-CoV-2-Viren Übereinstimmungen aufweist. Die Gemeinsamkeiten der Proteine seien jedoch minimal, viel zu gering, um eine ungewollte Abwehrreaktion auszulösen, erklärte die Virologin Monika Redlberger-Fritz faktiv bereits im Oktober. Außerdem müsse die Angst vor Unfruchtbarkeit dieser Logik folgend auch bei jedem Schnupfen bestehen. Denn, so Redlberger-Fritz: „Das Protein der Plazenta stimmt mit dem für eine Erkältung verantwortlichen Rhinovirus deutlich mehr überein als mit dem Spike-Protein des Coronavirus.“ In der Fachinformation des NIG ist diesbezüglich zu lesen, dass es keine Hinweise gebe, dass Covid-19-Vakzine die Fruchtbarkeit beeinträchtigen würden: „Bei Kinderwunsch ist sowohl für Männer als auch Frauen eine COVID-19- Impfung ausdrücklich empfohlen.“ Gleiches heißt es auch vom deutschen RKI und geht aus den Informationen des PEI hervor.

Geringe Auswirkungen hat die Corona-Schutzimpfung auch auf den Zyklus, wie eine Studie mit fast 4000 US-amerikanischen Frauen bestätigt. Gezeigt hat sich, dass geimpfte Frauen rund um den Impftermin eine vorübergehende Zyklusverlängerung von weniger als einem Tag erlebten. Der Abstand zwischen zwei Blutungen war also minimal größer. Eine Verschiebung von bis zu acht Tagen wird medizinisch als normal angesehen. Wissenschafterinnen und Wissenschafter gehen davon aus, dass jede Aktivierung des Immunsystems die Menstruation beeinflussen kann, sei es durch eine Impfung oder eine Erkrankung. Auch bei Covid-19-Patientinnen wurden teilweise Zyklusschwankungen festgestellt.

Fazit

Der offene Brief des vermeintlichen Hebammen-Kollektivs trägt wesentlich zur Verunsicherung von schwangeren und stillenden Frauen in Bezug auf die Corona-Schutzimpfung bei. Die Behauptungen sind als – unbelegte – Einzelfälle zu bewerten, die laut Expertinnen und Studien nicht auf die Corona-Schutzimpfung zurückzuführen sind. Jedenfalls konnten die darin angeführten Beobachtungen von keiner Expertin, mit der profil sprach, bestätigt werden und finden sich auch in einschlägigen Studien so nicht wieder. Im Übrigen sind Schwangere weniger durch die Impfung gefährdet, sondern eher dadurch, schwer an Covid-19 zu erkranken, wie etwa das NIG anführt. Aus diesem Grund wird eine Impfung jedenfalls empfohlen. Die angeführten Aussagen sind daher als falsch einzustufen.