Johannes Rauch, Gesundheitsminister, Die Grünen

Johannes Rauch, Gesundheitsminister, Die Grünen

© APA/GEORG HOCHMUTH

Faktencheck
04/06/2022

Coronavirus: Impfkampagnen-Flop in ganz Europa?

Die täglichen Corona-Neuimpfungen sind in der gesamten EU überschaubar. Warum in anderen Ländern dennoch nicht genau „dasselbe Problem“ wie in Österreich besteht, wie Gesundheitsminister Rauch meint.

von Katharina Zwins

Alle Länder in Europa haben dasselbe Problem.

- Antwort auf die Frage: „Wie läuft es mit der Impfkampagne? Die Neuimpfungen liegen quasi bei null.“

Johannes Rauch, Gesundheitsminister, Die Grünen, 2. April 2022, Vorarlberger Nachrichten

Gestern vor vier Wochen wurde Johannes Rauch als dritter Gesundheitsminister der aktuellen Legislaturperiode angelobt. Das Erbe des langjährigen grünen Vorarlberger Landesrats ist kein leichtes: aufgeschobene Impfpflicht, ausstehende Pflegereform, mächtige Landesfürsten, die in puncto Corona gerne ihr eigenes Bundesländersüppchen kochen, und eine Bevölkerung, die nach mehr als zwei Jahren mit dem Coronavirus „pandemüde“ ist, wie in sozialen Medien gerne gewitzelt wird. Johannes Rauch muss vielerlei ausbaden, das er gar nicht verursacht hat – so auch den eher bescheidenen Erfolg der Impfkampagne in Österreich. Die geringe Anzahl an täglichen Neuimpfungen relativiert Gesundheitsminister Johannes Rauch jedoch mit einem Blick über die Landesgrenzen: Andere europäische Staaten hätten „dasselbe Problem“. Warum die Behauptung zwar stimmt – aber nicht ganz.

Dasselbe Problem?"

In einem Interview mit den Vorarlberger Nachrichten vom 2. April 2022 muss sich Gesundheitsminister Rauch der in fast jedem Mediengespräch inzwischen obligatorischen Frage nach der Impfkampagne stellen. Hingewiesen auf den Fakt, dass die Neuimpfungen in Österreich „quasi bei null“ liegen, gibt der grüne Politiker an: „Alle Länder in Europa haben dasselbe Problem.“ Aus dem Gesundheitsministerium heißt es dazu auf profil-Anfrage, dass die Corona-Schutzimpfung in Österreich „kostenlos und niederschwellig zugänglich“ sei. Gepaart mit dem Hinweis, sich impfen zu lassen, führt das Ministerium außerdem aus, dass Berichten anderer EU-Gesundheitsminister zufolge „Impfkampagnen europaweit vor großen Herausforderungen“ stünden: „Zu lange wurden (sic!) im Rahmen der Impfkampagnen von oben herab zur Corona-Schutzimpfung aufgerufen.“ Zweckführend sei viel eher, „über Personen des alltäglichen Lebens“ wie etwa Lehrer oder Ärztinnen zum Impfen zu bewegen. Damit hat Johannes Rauch freilich einen Punkt. Auch mit der Aussage, dass „alle Länder in Europa dasselbe Problem“ hinsichtlich der Anzahl der Neuimpfungen haben, ist dem Gesundheitsminister größtenteils Recht zu geben. Rauch macht es sich allerdings ein klein wenig zu einfach, wie ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt.

EU-Schnitt an Erstimpfungen um Siebenfaches höher

Der Anteil der EU-Bevölkerung, der am 1. April (also am Tag, bevor Rauch seine Aussage tätigte) eine Covid-19-Impfstoffdosis erhalten hat, liegt bei 0,06 Prozent. In Österreich beträgt dieser Wert mit 0,02 Prozent lediglich ein Drittel des EU-Schnitts (zur Einordnung: Griechenland führt mit 0,13 Prozent, Frankreich und Deutschland liegen etwa bei 0,05 Prozent, Rumänien und die Slowakei liegen mit unter 0,01 Prozent an letzter Stelle). Gezählt werden hierbei allerdings alle Vakzindosen, einschließlich Auffrischungsimpfungen, also Booster. In diesem Zusammenhang steht Österreich vergleichsweise schlecht da.

Doch auch bei den Erststichen ist Österreich im EU-Vergleich nicht sonderlich gut unterwegs – auch wenn die Impfbereitschaft überall zu wünschen übriglässt. Vorweg gilt zu sagen, dass die Corona-Durchimpfungsrate Österreichs generell dem EU-Schnitt entspricht (1. April: 73 Prozent in Österreich, 73 Prozent im EU-Schnitt). Doch während sich in Österreich am 1. April lediglich 0,001 Prozent der Bevölkerung eine Neuimpfung geholt haben (76 Personen), lag der EU-weite Schnitt um das Siebenfache höher. In Deutschland waren es 0,005 Prozent der Bevölkerung (3.872 Personen) – mit einer ebenfalls ähnlich hohen Durchimpfungsrate wie in Österreich (75 Prozent). Griechenland liegt bei 0,008 Prozent (834 Personen).

Fazit

Insgesamt ist Rauchs Aussage als größtenteils richtig einzustufen. „Dasselbe Problem“ haben Länder in der EU zwar insofern, als dass die Anzahl der täglichen Corona-Neuimpfungen überall gering ist. Österreich schneidet im Vergleich zu anderen EU-Staaten jedoch schlechter ab und liegt mit der Anzahl an täglichen Neuimpfungen deutlich unter dem EU-Schnitt – trotz durchschnittlich hoher Durchimpfungsrate.