Faktencheck

Das Kanzler-Märchen von Mann und Frau

Karl Nehammer behauptet, es gebe nur zwei Geschlechter. Die Biologie beweist das Gegenteil.

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Es gibt biologisch gesehen nur zwei Geschlechter - nämlich Mann und Frau.

Karl Nehammer, Bundeskanzler

Tageszeitung „Heute“, 30. Jänner 2024

Falsch

Es war diese Aussage des Kanzlers, über die eine renommierte Medizinerin stolperte und wegen der sie profil bat, diese einem Faktencheck zu unterziehen. „Denn das ist ein Schlag ins Gesicht von Menschen, auf die das so nicht zutrifft, wie etwa XY-Frauen und XX-Männer, bei denen das genetische und das phänotypische Geschlecht verschieden sind – ohne soziale oder gar ärztliche Manipulation“, schrieb sie.

Tatsächlich gibt es hauptsächlich zwei Geschlechter. Frauen besitzen in der Regel zwei X-Chromosomen, Männer ein X und ein Y-Chromosom. Doch es gibt viele Ausnahmen: Intersexuelle Menschen tragen meist die Merkmale beider Geschlechter in sich. Das sogenannte Klinefelter-Syndrom zum Beispiel ist eine der häufigsten Formen von Intersexualität – jedes fünfhundertste bis tausendste männliche Baby ist davon betroffen. Diese besitzen einen XXY-Chromosomensatz, haben also ein X-Chromosom zu viel. „Die meisten zeigen nur geringe oder keine Symptome“, sagt der Humangenetiker Helmut Schaschl von der Universität Wien. Manche können allerdings von verkleinerten Hoden und Unfruchtbarkeit betroffen sein. 

Intersexualität ist übrigens nicht mit Transsexualität zu verwechseln. Transsexuelle Menschen sind eindeutig in einem männlichen oder weiblichen Körper geboren, fühlen sich jedoch dem anderen Geschlecht zugehörig.

Wie das Geschlecht entsteht

In der sechsten oder siebten Schwangerschaftswoche, die Föten sind etwa einen Zentimeter groß, beginnt sich ihr Geschlecht zu entwickeln. Enthalten die Zellkerne zwei X-Chromosomen, entsteht wahrscheinlich ein Mädchen, bei XY-Chromosomen ein Bub. Fix ist das allerdings nicht: Eine komplexe Interaktion zwischen Hormonen und Genen bestimmt letzten Endes das Geschlecht.

Ein Beispiel: Normalerweise beginnt die männliche Entwicklung damit, dass sich durch das Gen SRY aus den Geschlechtsanlagen die Hoden entwickeln. Diese schütten Testosteron aus, das bewirkt, dass sich Samenleiter, Prostata und Penis formen, während sich die weiblichen Anlagen zurückbilden. Bei der Androgen-Resistenz, einer weiteren häufigen Form der Intersexualität, fehlen dem Embryo die Andockstellen für Testosteron. Das Hormon bleibt also wirkungslos, während nun das weibliche Hormon Östradiol, das auch männliche Embryos produzieren, überwiegt. Die Folge: Trotz des männlichen XY-Chromosomensatzes entwickelt der Fötus Scheide und Klitoris. Doch auch das ist nicht sicher: Je nachdem, ob die Andockstellen für Testosteron völlig oder nur teilweise fehlen, können die Geschlechtsmerkmale sehr unterschiedlich ausfallen. 

Wenn es mehr als zwei Geschlechter gibt, wie viele sind es dann? Darauf hat die Biologie keine exakte Antwort. „Es gibt in der Tat einige – wenn auch sehr seltene und meistens nicht vererbbare – Chromosomenanomalien bei den Geschlechtschromosomen“, sagt Humangenetiker Schaschl. Neben den vielen bekannten Syndromen existieren noch weitere, seltene Varianten, etwa XYY, XXYY oder XXXY. Zudem gibt es Menschen, deren Chromosomensatz zwar männlich ist, die aber kaum Testosteron produzieren – und umgekehrt Frauen mit sehr hohen Testosteronwerten. 

Geschlechter im Spitzensport

So ist es auch bei der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya. Die zweifache Olympiasiegerin über 800 Meter kämpft seit Jahren gegen die Testosteron-Grenzen des Leichtathletik-Weltverbandes. Da Semenya diese überschreitet, müsste sie ihren natürlich hohen Hormonspiegel durch die Einnahme von Medikamenten senken, um weiter bei den Frauen starten zu dürfen. Das tat sie einige Zeit lang, aber „es war die Hölle“, wie sie kürzlich in einem ARD-Interview sagte. Sie habe Panikattacken bekommen und jede Nacht geschwitzt. „Du isst ununterbrochen. Du nimmst zu. Es verändert dich einfach als Mensch. Das ist nicht das Leben, das man haben will.“ Laut eigenen Angaben fehlen ihr Gebärmutter und Eileiter. Aber: „Ich bin eine Frau und habe eine Vagina, wie jede Frau“, sagt Semenya.

Ähnlich wie Caster Semenya erging es einst der Kärntner Abfahrts-Weltmeisterin von 1966, Erika Schinegger. Medizinische Tests vor den Olympischen Spielen 1968 enthüllten ihre männlichen Chromosomen, woraufhin sich die Schirennläuferin zu einer Geschlechtskorrektur entschloss. Mit 20 Jahren wurde aus Erika Erik, der tapfer weiter trainierte und auch bei den Herren reüssierte – bis ihn der Schiverband, angeblich wegen zu großer Aufmerksamkeit der Medien, aus dem Männerteam entfernte.  

Möglicherweise dachte Nehammer an Fälle wie Semenya und Schinegger, als er folgenden Satz in seinem „Österreichplan“ formulierte: „‘Gendern’ hat nicht nur in der Sprache, sondern auch im Alltag oftmals problematische Konsequenzen. So haben beispielsweise biologische Männer an Sportveranstaltungen für Frauen teilgenommen.“ Eine Antwort auf die Anfrage von profil, ob intersexuelle Menschen seiner Meinung nach von Frauenbewerben ausgeschlossen werden sollten, blieb der Kanzler schuldig. Seine Äußerung in „Heute“ wollte er ebenfalls nicht kommentieren.

Fazit

Es gibt biologisch gesehen mehr als zwei Geschlechter. Intersexualität ist eine Tatsache, die sich medizinisch einwandfrei nachweisen lässt. Die Aussage von Nehammer ist daher falsch.

 

 

Franziska   Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort und ist Moderatorin von tauwetter, dem profil-Podcast zur Klimakrise.