Der Kanzler und die Geschlechterfrage

Karl Nehammer behauptete, es gebe nur zwei Geschlechter. So klar ist das nicht, wie ein Blick in die Biologie beweist.

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Im April 2024 erreichte profil ein Brief des Österreichischen Presserats, eines Vereins, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt. Viele Leserinnen und Leser hatten dort Kritik am Faktencheck zur Geschlechterfrage geübt. Dem Presserat zufolge hat profil den vorliegenden Artikel den journalistischen Standards entsprechend recherchiert, jedoch wäre „gerade vor dem Hintergrund, dass das Thema ‚Geschlecht’ derzeit sehr emotional und kontrovers diskutiert wird, die Einholung weiterer Stellungnahmen von Expertinnen und Experten oder zumindest ein Hinweis auf gegenteilige Positionen in der Wissenschaft angebracht gewesen“. 

Wir nehmen diese Kritik ernst und wollen hier klarstellen, dass durchaus mehrere Expertinnen und Experten zum Thema befragt wurden. Aus Angst vor überschießenden Reaktionen hatten diese profil jedoch gebeten, nicht namentlich genannt zu werden. Alle im Artikel genannten Argumente sind demnach belegbar und richtig, dennoch wollen wir nun noch weitere Standpunkte hinzufügen. Die Bewertung haben wir von „falsch“ auf „irreführend“ geändert.

Es gibt biologisch gesehen nur zwei Geschlechter - nämlich Mann und Frau.

Karl Nehammer, Bundeskanzler

Tageszeitung „Heute“, 30. Jänner 2024

Irreführend

Es war diese Aussage des Kanzlers, über die eine renommierte Medizinerin stolperte und wegen der sie profil bat, diese einem Faktencheck zu unterziehen. „Denn das ist ein Schlag ins Gesicht von Menschen, auf die das so nicht zutrifft, wie etwa XY-Frauen und XX-Männer, bei denen das genetische und das phänotypische Geschlecht verschieden sind – ohne soziale oder gar ärztliche Manipulation“, schrieb sie.

Tatsächlich gibt es hauptsächlich zwei Geschlechter. Frauen besitzen in der Regel zwei X-Chromosomen, Männer ein X und ein Y-Chromosom. Doch es gibt viele Ausnahmen: Intersexuelle Menschen tragen meist die Merkmale beider Geschlechter in sich. Das sogenannte Klinefelter-Syndrom zum Beispiel ist eine der häufigsten Formen von Intersexualität – jedes fünfhundertste bis tausendste männliche Baby ist davon betroffen. Diese besitzen einen XXY-Chromosomensatz, haben also ein X-Chromosom zu viel. „Die meisten zeigen nur geringe oder keine Symptome“, sagt der Humangenetiker Helmut Schaschl von der Universität Wien. Manche können allerdings von verkleinerten Hoden und Unfruchtbarkeit betroffen sein. Eine medizinische Abhandlung zum Thema Intersexualität finden Sie hier. 

Intersexualität ist übrigens nicht mit Transsexualität zu verwechseln. Transsexuelle Menschen sind eindeutig in einem männlichen oder weiblichen Körper geboren, fühlen sich jedoch dem anderen Geschlecht zugehörig.

Wie das Geschlecht entsteht

In der sechsten oder siebten Schwangerschaftswoche, die Föten sind etwa einen Zentimeter groß, beginnt sich ihr Geschlecht zu entwickeln. Enthalten die Zellkerne zwei X-Chromosomen, entsteht wahrscheinlich ein Mädchen, bei XY-Chromosomen ein Bub. Fix ist das allerdings nicht: Eine komplexe Interaktion zwischen Hormonen und Genen bestimmt letzten Endes das Geschlecht.

Ein Beispiel: Normalerweise beginnt die männliche Entwicklung damit, dass sich durch das Gen SRY aus den Geschlechtsanlagen die Hoden entwickeln. Diese schütten Testosteron aus, das bewirkt, dass sich Samenleiter, Prostata und Penis formen, während sich die weiblichen Anlagen zurückbilden. Bei der Androgen-Resistenz, einer weiteren häufigen Form der Intersexualität, fehlen dem Embryo die Andockstellen für Testosteron. Das Hormon bleibt also wirkungslos, während nun das weibliche Hormon Östradiol, das auch männliche Embryos produzieren, überwiegt. Die Folge: Trotz des männlichen XY-Chromosomensatzes entwickelt der Fötus Scheide und Klitoris. Doch auch das ist nicht sicher: Je nachdem, ob die Andockstellen für Testosteron völlig oder nur teilweise fehlen, können die Geschlechtsmerkmale sehr unterschiedlich ausfallen. 

Wenn es mehr als zwei Geschlechter gibt, wie viele sind es dann? Darauf hat die Biologie keine exakte Antwort. „Es gibt in der Tat einige – wenn auch sehr seltene und meistens nicht vererbbare – Chromosomenanomalien bei den Geschlechtschromosomen“, sagt Humangenetiker Schaschl. Neben den vielen bekannten Syndromen existieren noch weitere, seltene Varianten, etwa XYY, XXYY oder XXXY. Zudem gibt es Menschen, deren Chromosomensatz zwar männlich ist, die aber kaum Testosteron produzieren – und umgekehrt Frauen mit sehr hohen Testosteronwerten. 

Geschlechter im Spitzensport

So ist es auch bei der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya. Die zweifache Olympiasiegerin über 800 Meter kämpft seit Jahren gegen die Testosteron-Grenzen des Leichtathletik-Weltverbandes. Da Semenya diese überschreitet, müsste sie ihren natürlich hohen Hormonspiegel durch die Einnahme von Medikamenten senken, um weiter bei den Frauen starten zu dürfen. Das tat sie einige Zeit lang, aber „es war die Hölle“, wie sie kürzlich in einem ARD-Interview sagte. Sie habe Panikattacken bekommen und jede Nacht geschwitzt. „Du isst ununterbrochen. Du nimmst zu. Es verändert dich einfach als Mensch. Das ist nicht das Leben, das man haben will.“ Laut eigenen Angaben fehlen ihr Gebärmutter und Eileiter. Aber: „Ich bin eine Frau und habe eine Vagina, wie jede Frau“, sagt Semenya.

Ähnlich wie Caster Semenya erging es einst der Kärntner Abfahrts-Weltmeisterin von 1966, Erika Schinegger. Medizinische Tests vor den Olympischen Spielen 1968 enthüllten ihre männlichen Chromosomen, woraufhin sich die Schirennläuferin zu einer Geschlechtskorrektur entschloss. Mit 20 Jahren wurde aus Erika Erik, der tapfer weiter trainierte und auch bei den Herren reüssierte – bis ihn der Schiverband, angeblich wegen zu großer Aufmerksamkeit der Medien, aus dem Männerteam entfernte.  

Möglicherweise dachte Nehammer an Fälle wie Semenya und Schinegger, als er folgenden Satz in seinem „Österreichplan“ formulierte: „‘Gendern’ hat nicht nur in der Sprache, sondern auch im Alltag oftmals problematische Konsequenzen. So haben beispielsweise biologische Männer an Sportveranstaltungen für Frauen teilgenommen.“ Eine Antwort auf die Anfrage von profil, ob intersexuelle Menschen seiner Meinung nach von Frauenbewerben ausgeschlossen werden sollten, blieb der Kanzler schuldig. Seine Äußerung in „Heute“ wollte er ebenfalls nicht kommentieren.

Definition auf mehreren Ebenen

Gänzlich unumstritten ist die Frage in der Biologie freilich nicht, ob es zwei oder mehrere Geschlechter gibt. So argumentieren Evolutionsbiologen wie etwa Richard Dawkins, das Geschlecht wäre einzig an der Fortpflanzung festzumachen, und zwar an den Keimzellen, die ein Lebewesen produziere – entweder Eizellen oder Spermien. Aus dieser sehr eng gefassten Definition sind allerdings all jene ausgeschlossen, die keine Keimzellen bilden können.

Viele Institutionen und Forscher:innen definieren das Geschlecht deshalb nicht einzig auf der Ebene der Keimzellen. Die Österreichische Bioethikkommission etwa verabschiedete 2017 eine Stellungnahme zu Intersexualität und Transidentität. Darin heißt es: „Die sexuelle Differenzierung zwischen als ‚männlich‘ und als ‚weiblich‘ bezeichneten Individuen erfolgt auf verschiedenen Ebenen, wobei im Wesentlichen sieben verschiedene Aspekte zu unterscheiden sind: Das chromosomale, das gonadale (die Keimdrüsen betreffende, Anm.), das anatomische, das hormonelle, das psychische, das erotisch-emotionale und das soziale Geschlecht. Im Gegensatz zur frühneuzeitlichen Gesellschaft, in der die Existenz von – oft als ‚Hermaphroditen‘ bezeichnete – Zwischenkategorien vielfach noch selbstverständlich erschien, hat sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ein Bild strenger Bipolarität breit gemacht, das die übereinstimmende Ausrichtung aller sieben Ebenen als entweder ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ zum alleingültigen Ideal und jede Abweichung davon als deviant und unerwünscht erklärt hat. Bis heute gehen in westlichen Gesellschaften viele Rechtsnormen und soziale Institutionen von strenger Bipolarität aus.”

Worauf die Bioethikkommission, die übrigens im Bundeskanzleramt angesiedelt ist und den Kanzler berät, ebenfalls hinweist: „Die Abweichung vom bipolaren Mann/Frau-Schema ist als solche betrachtet nicht als Krankheit zu verstehen. Von einer unangemessenen Pathologisierung ist – auch terminologisch – unbedingt abzusehen.“

Auch die staatliche Antidiskriminierungsstelle in Deutschland beschäftigt sich eingehend mit Intersexualität, nachzulesen hier.

Fazit

In Ethik und Biologie wendet man sich immer mehr von der strengen Bipolarität der Geschlechter ab. Intersexualität ist zudem eine Tatsache. Die Aussage von Nehammer ist daher irreführend.

 

 

Franziska   Dzugan

Franziska Dzugan

schreibt für das Wissenschaftsressort und ist Moderatorin von tauwetter, dem profil-Podcast zur Klimakrise.