© Robert Treichler

Faktencheck
04/08/2022

Die Behauptung des russischen Botschafters im profil-Interview

Botschafter Ljubinskij behauptete, Russland bombardiere keine zivilen Ziele. Ukrainische Streitkräfte selbst hätten Explosionen wie etwa in einem Spital in Mariupol verursacht. Ein Faktencheck.

von Katharina Zwins, Robert Treichler

Es gibt Belege, dass es überhaupt kein Bombardement war, sondern eine Explosion. Die Ukrainer platzieren Sprengsätze"

Dmitrij Ljubinskij, russischer Botschafter, 2. April 2022, profil

Russland werden grausame Kriegsverbrechen vorgeworfen – jüngst in Butscha, zuletzt in Mariupol. Dmitrij Ljubinskij will davon nichts wissen: Russische Streitkräfte seien für den Angriff ziviler Ziele nicht verantwortlich. Auf die Frage, wer denn dann etwa Krankenhäuser in Mariupol bombardiert hätte, antwortet der russische Botschafter im profil-Interview: „Es gibt Belege, dass es überhaupt kein Bombardement war, sondern eine Explosion. Die Ukrainer platzieren Sprengsätze.“ Belege dafür kann Ljubinskij auf Nachfrage nicht liefern. Er verspricht jedoch, derartige „Kriegsverbrechen“ der Ukrainer künftig verfolgen zu wollen. profil hat sich angesehen, ob ukrainische Streitkräfte am 9. März tatsächlich ihre eigene Kinderklinik in die Luft gesprengt und damit drei Tote und 17 Verletzte – darunter Kinder und schwangere Frauen – in Kauf genommen haben. Das Ergebnis ist eindeutig.

Im Innenhof des Krankenhauses mit Entbindungsstation im ukrainischen Mariupol klafft ein gigantischer Krater mit einem Durchmesser von etwa zehn Metern und einer Tiefe von ungefähr vier Metern in der Erde 1. Militärstrategen kommen unisono zur Bewertung: Nur ein Angriff aus der Luft kann einen derart massiven Krater erzeugen. „Die Tiefe zeugt davon, dass irgendetwas mit sehr hoher Geschwindigkeit eingeschlagen hat – entweder eine Bombe oder eine ballistische Rakete“, analysiert Militärexperte Franz-Stefan Gady vom Institute for International Strategic Studies in London. Infrage komme laut Fachleuten insbesondere eine Fliegerbombe mit etwa 500 Kilogramm Sprengkraft: „Die FAB-500 zum Beispiel, könnte so etwas verursacht haben“, meint Gady. Möglich sei auch der Einsatz einer präzisen Rakete vom Typ Iskander-M mit einer Sprengladung von 700 bis 800 Kilogramm, so mehrere Militärexperten zu profil.

Die einfachste Möglichkeit für die ukrainischen Streitkräfte, selbst eine Explosion zu verursachen, wäre gewesen, ein Auto mit Sprengstoff zu beladen und zu zünden. Dieses Szenario sei jedoch klar auszuschließen, wie Experte Gady erläutert. Denn: „Sprengstoff breitet sich linear aus. Der Druck entweicht nach oben und zur Seite, aber nur in geringem Maße nach unten.“ Ein derartig tiefer Krater wäre also nur entstanden, wenn die ukrainische Armee einen metertiefen Schacht gegraben hätte, um dort einen Sprengsatz zu zünden. In Anbetracht der Intensität der Kämpfe in Mariupol scheint das wenig plausibel. Zumal es laut Militärfachleuten auch keinen Brunnen in unmittelbarer Nähe gegeben habe, der den Schachtbau erleichtert hätte.

Allein aufgrund der Massivität des Kraters im Hof des Spitals sei außerdem eindeutig, dass eine Explosion nicht von Sprengsätzen, die in den Innenräumen der Klinik platziert wurden, ausgegangen sei. Schließlich zeigen Aufnahmen unzweifelhaft, dass die Druckwelle von außen kam 2, wie Franz-Stefan Gady erklärt: „Die Fenster sind zum Teil nach innen gedrückt worden, die Scherben liegen im Inneren des Gebäudes.“ Auch die massive Beschädigung der Fassade 3 wird als klares Indiz dafür gesehen, dass eine Explosion im Außenbereich stattgefunden hat.

Doch warum hätte Russland eine Bombe oder Rakete im Innenhof abwerfen und nicht eher direkt das Spital treffen wollen? „Die russischen Streitkräfte haben teilweise Probleme mit der akkuraten Zielidentifikation. Außerdem verfügen sie nicht über genug Präzisionsmunition“, erklärt Gady. Denn selbst bei der als sehr präzise geltenden Iskander-M-Rakete liegt die Einschlagsgenauigkeit nur zwischen fünf und zehn Metern.

Eine weitere Erklärung für den Beschuss des Innenhofs sehen Militärexperten im Bestreben Russlands, der ukrainischen Armee einen Denkzettel verpasst haben zu wollen. Von russischer Seite wurde nach dem Beschuss angegeben, die Geburtsklinik in Mariupol sei gar nicht mehr in Betrieb gewesen und zu einem Stützpunkt des rechtsextremen Asow-Bataillons umfunktioniert worden. Dafür gibt es jedoch keine Belege.

Für Militärstrategen Gerald Karner scheint ein Angriff eigener Krankenhäuser vonseiten der Ukraine auch aus taktischer Sicht „absurd“, wie er profil erklärt: „Die Weltmeinung ist ohnehin gegen Russland. Da braucht es dieses Bombardement nicht auch noch.“ Zivile Ziele zu beschießen, sei außerdem ein russisches Muster, das Experten bereits aus anderen Konflikten wie in Tschetschenien oder Syrien kennen. Karner: „Russland geht parallel zur Bekämpfung von militärischen Zielen auch gegen zivile Ziele vor, damit man Angst und Schrecken verbreitet und damit Druck auf die Gegenseite ausübt, zu kapitulieren.“

Fazit

Auch wenn es inmitten eines Krieges immer schwierig ist, endgültige Feststellungen zu treffen, kommen alle Militärexperten, mit denen profil sprach, eindeutig zu dem Schluss, dass die Geburtsklinik in Mariupol von russischen Streitkräften bombardiert wurde. Die Aussage des russischen Botschafters ist dahingehend als falsch einzustufen. Franz-Stefan Gadys Fazit zur Behauptung von Ljubinskij: „Akute Falschmeldung.“