Dagmar Belakowitsch, FPÖ-Nationalratsabgeordnete

Dagmar Belakowitsch, FPÖ-Nationalratsabgeordnete

© APA

Faktencheck
10/07/2021

FPÖ liegt falsch: Schlaganfälle keine häufige Folge nach Corona-Impfung

FPÖ-Nationalratsabgeordnete Dagmar Belakowitsch meint, dass ein Schlaganfall nach einer Corona-Impfung „ganz häufig“ vorkomme. Warum Experten das als „Quatsch“ bezeichnen. Ein Faktencheck.

von Katharina Zwins

Ich meine jene, die nach den Impfungen Schlaganfälle haben. Das ist eine ganz häufige Nebenwirkung.“

FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch am 22. September 2021 im Nationalrat

Dieser Text entstand in Kooperation mit dem deutschen Faktencheck-Team von „Correctiv".

Für FPÖ-Chef Herbert Kickl ist die Behauptung, er sei gegen das Coronavirus geimpft, derart ehrenrührig, dass er Ende September sogar eine eigene Pressekonferenz abgehalten hat, um das Gegenteil zu beweisen. Auch einige seiner Parteikolleginnen und -kollegen stehen der Impfung mehr als skeptisch gegenüber und warnen vor angeblichen Nebenwirkungen. Was es damit wirklich auf sich hat, zeigt eine aktuelle Recherche von faktiv – dem Faktencheck von profil – gemeinsam mit dem „Correctiv.Faktencheck“ aus Deutschland.

Über 100.000 Mal wurde ein aktuelles Facebook-Video von Herbert Kickl bis dato angesehen. Es zeigt Ausschnitte aus der Rede seiner Parteikollegin Dagmar Belakowitsch im österreichischen Nationalrat von 22. September 2021 (Link zum Protokoll der Rede). Die studierte Humanmedizinerin warnte darin vor den Folgen einer Immunisierung, ähnlich wie es die Landesparteiobfrau der FPÖ-Salzburg und FPÖ-Bundesparteiobmann-Stellvertreterin, Marlene Svazek, einige Tage zuvor in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ bereits getan hatte. Belakowitsch: „Ich meine jene, die tatsächlich sehr schwere Nebenwirkungen haben, (…) die nach den Impfungen Schlaganfälle haben. Das ist eine ganz häufige Nebenwirkung.“ Die Einschätzung des am Mount Sinai Hospital in New York tätigen steirischen Virologen Florian Krammer dazu: „Falschinformation“. Auch alle anderen Expertinnen und Experten, mit denen profil und „Correctiv.Faktencheck“ für diese Recherche sprachen, teilen diese Ansicht.

Schlaganfall nach Impfung?

Jährlich erleiden ungefähr 25.000 Personen in Österreich einen Schlaganfall. Medizinisch gesehen handelt es sich dabei um eine Störung der Durchblutung oder Schäden an den Blutgefäßen des Gehirns. Wolfgang Serles, Präsident der Österreichischen Schlaganfallgesellschaft, erklärt: „Ein Schlaganfall nach einer Impfung ist eine Verstopfung der Hirnvenen.“ Das sei jedoch „ein sehr seltenes Vorkommnis“, so der Experte. Vor allem im Vergleich mit dem Schlaganfall-Risiko im Zuge einer Corona-Erkrankung: „Ein bis zwei Prozent der Covid-Patienten im Spital erleiden einen Schlaganfall." Das geht auch aus einer Studie der Universität Oxford hervor, bei der Daten von mehr als 29 Millionen Menschen ausgewertet wurden. Serles erläutert: „Während das Risiko nach einer AstraZeneca- oder Biontech-Pfizer-Impfung vierfach erhöht ist, ist dieses Risiko nach einer Covid-Infektion 13-fach erhöht." Auch die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft spricht sich eindeutig für eine Coronaschutzimpfung aus und führt an: „Eine Impfung gegen Covid-19 schützt nicht nur vor der Viruserkrankung, sondern auch vor Schlaganfällen, da diese unter Corona-Patienten vermehrt auftreten.“ Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft und Neurologe, antwortet „Correctiv.Faktencheck“ auf die Frage, ob Schlaganfälle eine „ganz häufige Nebenwirkung“ seien, dass das definitiv unzutreffend sei: „Hier gibt es keine Hinweise für ein häufiger als statistisches Auftreten, schon gar nicht für ein häufiges Auftreten.“

Aufzeichnungen zu Nebenwirkungen

In Österreich erfasst das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) vermutete Nebenwirkungen von Arzneimitteln und Impfstoffen. In deren Bericht zur Coronaschutzimpfung sind Schlaganfälle allerdings nicht enthalten. Dazu heißt es gegenüber profil: „Neue relevante Ereignisse im Zusammenhang mit den Meldungen vermuteter Nebenwirkungen werden laufend in den regelmäßig veröffentlichten Bericht des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen aufgenommen.“ Schlaganfälle sind demnach aufgrund ihres seltenen Vorkommens, wie Expertinnen und Experten bestätigen, als nicht relevante Nebenwirkung zu sehen. Auch das deutsche Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das mögliche Nebenwirkungen von Covid-Impfungen überwacht, erklärt auf „Correctiv.Faktencheck“-Anfrage: „Nein, es handelt sich definitiv nicht um eine bestätigte Nebenwirkung.“ Im Sicherheitsbericht des deutschen PEI findet sich allerdings ein Hinweis zu „Sinusvenenthrombosen“, nach einer AstraZeneca-Impfung. Dabei handelt es sich um eine Form von Schlaganfall. Diese Nebenwirkung tritt aber nicht „ganz häufig“, sondern laut PEI „sehr selten“ auf. Auch das BASG verweist lediglich auf „sehr seltene“ venöse Thrombosen.

Der Infektiologe Herwig Kollaritsch von der MedUni Wien bestätigt: „Keine der weltweiten Datenbanken haben irgendwelche Hinweise darauf gefunden, dass Schlaganfälle nach Covid-Impfungen häufiger auftreten, als sie dies in der Normalbevölkerung tun. Und dies nach nunmehr deutlich über sechs Milliarden verabreichter Covid-Impfungen.“ Die Virologin Dorothee von Laer von der MedUni Innsbruck teilt diese Einschätzung. Die Aussage von Belakowitsch sei demnach: „Quatsch.“ Von Laer analysiert: „Wenn natürlich viele alte Menschen geimpft werden, kann es rein zufällig im Zeitraum nach der Impfung zu Schlaganfällen kommen, das aber nicht häufiger als in der ungeimpften gleichen Altersgruppe.“

Fazit

Sowohl Aufzeichnungen und Studien zu Nebenwirkungen als auch die Einschätzungen von Expertinnen und Experten zeigen: Schlaganfälle nach einer Corona-Impfung sind keine „ganz häufige Nebenwirkung.“ Eine Anfrage zu ihren Quellen ließ Belakowitsch im Übrigen unbeantwortet. Ihre Aussage ist jedenfalls als falsch einzustufen.

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