Covid-Intensivstation

Covid-Intensivstation

© APA/HELMUT FOHRINGER

Faktencheck
12/01/2021

Intensivmediziner wird mit Falschinfos zum Held der Corona-Leugner

Der Leserbrief eines Arztes aus Oberösterreich avancierte unter Impfkritikern zum Social-Media-Hit. Seine zentralen Behauptungen sind aber überwiegend - und teils beunruhigend - falsch.

von Katharina Zwins, Ines Holzmüller

Die FPÖ hat ihn geteilt, auf Facebook gab es über 9.000 Interaktionen und das rechte Magazin „Wochenblick“ hat ihn aufgegriffen: Den Leserbrief eines Intensivmediziners, der im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz tätig ist. Der Brief des Arztes, der selbst Covid-Patienten auf seiner Station betreut, erschien Ende November in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ und sorgte unter Verschwörungstheoretikern und Kritikern der Corona-Maßnahmen für Begeisterungsstürme. Schließlich kommt es nicht so oft vor, dass ein Experte die allgemeine Impfpflicht kritisiert, gegen die „Pharmaindustrie“ zürnt und Langzeitschäden der Impfung in den Raum stellt. Verbreitet hat den Link zum Leserbrief etwa die FPÖ-Bundesparteiobmann-Stellvertreterin Marlene Svazek, mit dem Zusatz: „Absolut lesenswert!“. Auch in Facebook-Gruppen mit Namen wie „Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst“ mit über 60.000 Abonnenten oder „Ungeimpft, Gesund und Glücklich“ wurde der Leserbrief des Mediziners diskutiert – und vor allem gelobt.

Grund genug für faktiv, vier Aussagen des Intensivmediziners einem Faktencheck zu unterziehen. Gleich vorweg: Auch Experten setzen teilweise unwahre Aussagen in die Welt. Denn neben unbelegten Aussagen gibt der Intensivmediziner auch schlichtweg falsche Behauptungen ab – und wurde damit zum Held der Corona-Leugner. Auch wenn das von ihm nicht unbedingt gewollt war, wie sein Klinikum auf profil-Nachfrage hin beteuert.

Sind die Impfungen gegen Corona zu wenig erforscht?

All dies erweckt nicht gerade großes Vertrauen in ein Produkt, dessen genaue Wirkungsstärke und Wirkdauer bis dato eigentlich unklar bleiben muss und das betreffend eventueller (hoffentlich nicht eintretender) Langzeitfolgen eines völlig neuen Impfprinzips die sonst übliche zeitliche Länge der Beobachtung durch massenhafte Breite in der Anwendung zu ersetzen versucht.

Leserbrief „Oberösterreichische Nachrichten“, 21. November 2021

Ein beliebtes Argument von Impfgegnern wie etwa auch von FPÖ-Chef Herbert Kickl: Die Corona-Schutzimpfung sei „experimentell“ und nicht gut erforscht. Im Leserbrief bedient sich der Intensivmediziner eines ähnlichen Narrativs, in dem er die „genaue Wirkungsstärke und Wirkdauer“ der Impfung als „unklar“ einstuft. Gleiches gelte für „eventuelle Langzeitfolgen eines völlig neuen Impfprinzips“, also der mRNA-Impfstoffe, die nicht wie sonst durch eine lange Beobachtungsdauer ausgeschlossen werden könnten – sondern nur durch eine „massenhafte Breite in der Anwendung“.

Keine Zulassung ohne Wirksamkeit

Die Virologin Monika Redlberger-Fritz von der Med-Uni Wien kann diesen Befürchtungen nichts abgewinnen. Schließlich sei die Frage der Effektivität der Impfung bereits in der dritten Phase der Zulassungsstudien bestätigt worden: „Sonst hätte das Produkt gar keine Zulassung bekommen.“ Dazu kämen noch unzählige Anwendungsstudien, in der die Wirksamkeit des Vakzins bestätigt wurde. Die Verunsicherung hinsichtlich der Wirkdauer des Impfstoffs kann die Expertin ebenfalls nicht nachvollziehen: „Bei neu zugelassenen Impfungen weiß man nie genau, für wie lange die Immunität anhalten wird. Deswegen werden laufend Daten erhoben und basierend auf diesen werden dann die Booster-Impfung empfohlen. Das war bei anderen Impfungen ebenso.“

Hinsichtlich möglicher Langzeitfolgen kalmiert der Infektiologe Herwig Kollaritsch (wie bereits in diesem faktiv-Artikel). Diese würden immer nur Folge einer innerhalb von maximal zwölf Wochen nach der Impfung auftretenden Nebenwirkung sein: „Nachdem wir das Spektrum der Nebenwirkungen kennen, ist das absolut nicht zu erwarten.“ Es handle sich bei dem Vakzin um keinen Impfstoff, der Nebenwirkungen auslöse, die zu Langzeitfolgen führen könnten, so das Fazit des Experten.

Die Aussage, die Wirkdauer und Wirkungsstärke der Impfung seien unklar, ist somit insgesamt als falsch zu bewerten. Eine hundertprozentige Sicherheit besteht bei einem neuen Produkt natürlich nie. Experten seien sich jedoch einig, meint Kollaritsch: „Keiner der Impfstoffe, der in den letzten 20 Jahren auf den Markt kam, wurde so intensiv geprüft.“ Auch bezüglich potentieller Langzeitfolgen ist die Verunsicherung des Linzer Intensivmediziners aus Sicht von Fachleuten ungerechtfertigt.

Menschen über 75 in Impfstudien vergessen?

Auf der anderen Seite eine Pharmaindustrie, die beim Design der großen Impfstudien auf die am meisten durch Covid gefährdeten Menschen im Alter über 75 Jahre weitgehend ‚vergessen‘ hat (…).“

Leserbrief „Oberösterreichische Nachrichten“, 21. November 2021

„Das ist völliger Blödsinn“, meint Herwig Kollaritsch. Für die Behauptung im Leserbrief, wonach Menschen über 75 Jahre in den Zulassungsstudien der Impfstoffe „weitgehend ‚vergessen‘“ wurden, findet der Impfexperte drastische Worte. Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Webseite der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), auf der die Zulassungsstudien der einzelnen Corona-Impfstoffe öffentlich einsehbar sind: Über 75-Jährige wurden in den Studien sehr wohl berücksichtigt. Beim Wirkstoff von Biontech/Pfizer etwa waren unter den 36.621 Teilnehmenden 1.616 Personen 75 Jahre oder älter. Ähnlich verteilt waren die Altersgruppen bei Moderna. Und auch beim Impfstoff von Astrazeneca waren 2,8 Prozent der 6.106 Personen, die den Impfstoff im Zuge der Studie verabreicht bekommen haben, 75 Jahre oder älter.

Die Virologin Monika Redlberger-Fritz setzt die Aussage des Linzer Arztes schließlich in einen größeren Kontext: „Mittlerweile sind seit der Zulassung der Impfungen bereits über sieben Milliarden Dosen verimpft worden und es wurden und werden laufend Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit in unzähligen Anwendungsstudien generiert. Aus dem Stadium, uns nur und ausschließlich auf die Zulassungsstudien zu berufen, darüber sind wir schon längst hinaus.“

Personen über 75 Jahre wurden einerseits nicht in den Zulassungsstudien „vergessen“. Die Aussage ist dahingehend also falsch. Andererseits kann aufgrund der großen Anzahl an bereits geimpften Menschen über 75 Jahren gesagt werden, dass zu dieser Altersgruppe bereits ausreichend Daten verfügbar sind.

ERGÄNZUNG: In einer Stellungnahme an profil präzisierte der Arzt (ausdrücklich als Privatperson) seine Kritik. Er konkretisierte, dass die über 75-Jährigen in den Pfizer-Studien sehr wohl vorkommen würden, jedoch insbesondere mit Hinblick auf die Schwere der Erkrankung in dieser Altersgruppe unterrepräsentiert gewesen seien. Dies kann auch Epidemiologe Gerald Gartlehner gegenüber profil bestätigen: „Personen diesen Alters waren schon in den Studien vertreten, aber nicht in jenem Ausmaß wie sie von der Erkrankung betroffen sind.“ Bei derartigen Studien sei es allerdings immer schwer, Personen in höherem Alter einzuschließen, so der Fachmann. Auf Nachfrage weist Biontech/Pfizer auf das „diverse“ Studiendesign hin. Der Konzern erläutert gegenüber profil, dass es für die erste Phase der Studie etwa bestimmte Ausschlusskriterien gab, „zu denen unter anderem Bluthochdruck und chronische Lebererkrankungen gehörten, die ältere Bevölkerungsgruppen in der Regel stärker betreffen“. In der dritten Studienphase gab es allerdings „kein oberes Alterslimit und nur ganz wenige Beschränkungen bzgl. Vorerkrankungen". Als Grund für die Unterrepräsentation wird von Seiten des Konzerns etwa die „logistische Herausforderung“ der Teilnahme an einer klinischen Studie für ältere Menschen hervorgehoben. Die Präzisierung des Arztes, wonach Studienteilnehmer über 75 Jahre durchaus vorkommen, jedoch insbesondere unter Berücksichtigung der Schwere des Krankheitsverlaufs unterrepräsentiert seien, lässt sich mit einem Blick auf die Zulassungsstudie und auch mit Bezugnahme auf Epidemiologen Gartlehner somit als richtig einstufen. Da jedoch im Leserbrief von weitgehend 'vergessen'" geschrieben wurde und sich der Faktencheck auf diesen Brief bezieht, bleibt das ursprüngliche Urteil erhalten.

Covid-Intensivpatienten sind eher älter und haben Vorerkrankungen

Von allen Covid-Patienten auf Intensivstationen sind etwa 80 Prozent älter als 50 Jahre, und die meisten haben die bekannten Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Herzschwäche oder Zuckerkrankheit.“

Leserbrief „Oberösterreichische Nachrichten“, 21. November 2021

Inwiefern diese Aussage zutrifft, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Denn: Wie genau die Belegung auf den Intensivstationen aussieht, wird in Österreich nicht bundesweit erfasst. Die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), das Forschungsinstitut für das Gesundheitswesen, veröffentlichte jedoch Anfang November Zahlen dazu. Dort heißt es: „Während im gesamten Beobachtungszeitraum nur 12 % jünger als 50 Jahre und 47 % älter als 70 Jahre waren, lag im Zeitraum Juni bis September 2021 der Anteil der unter 50-Jährigen bereits bei 30 % und nur 26 % waren älter als 70 Jahre.“ Das bedeutet: Im Zeitraum von Juni bis September 2021 machten Covid-Patientinnen und Patienten über 50 Jahre im Schnitt 70 Prozent der Belegung aus. Auf einzelnen Intensivstationen kann die Zusammensetzung natürlich anders sein. Die Aussage des oberösterreichischen Arztes hinsichtlich des Altersschnitts auf den Intensivstationen bewegt sich somit insgesamt „in der richtigen Größenordnung“, heißt es von der GÖG.

Ungeklärt bleibt damit aber noch die Frage, ob tatsächlich „die meisten“ Intensivpatienten unter Blutdruck, Herzschwäche oder Zuckerkrankheit leiden und auch, wie viele Personen auf Intensivstationen wirklich übergewichtig sind (wie in der nächsten Behauptung angeführt). Nach Walter Hasibeder, Intensivmediziner am Krankenhaus Zams und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, seien die Aussagen seines oberösterreichischen Kollegen „nicht wirklich überprüfbar“. Schließlich gebe es nach wie vor „kein allgemeines, österreichweites Intensivdatenregister für Covid-19 Patientinnen und Patienten“. Von Gesprächen mit seiner Kollegenschaft in ganz Österreich habe Experte Hasibeder jedoch ebenfalls den Eindruck, „dass eine Mehrheit der derzeit schwer Erkrankten Risikofaktoren für einen schweren Covid-19 Verlauf“ mitbringe. Das seien einerseits nicht immunisierte Personen sowie Menschen mit Vorerkrankungen wie Adipositas, Diabetes und chronische Herzkreislauf- oder Lungenerkrankungen – oder Kombinationen. Das Problem an der Aussage des oberösterreichischen Arztes ist für Hasibeder, dass über die Delta-Welle noch zu wenig bekannt sei. Wie viele Personen auf Covid-Intensivstationen in ganz Österreich tatsächlich unter Vorerkrankungen leiden, lässt sich somit zwar nicht eindeutig beantworten. Zahlen aus den Krankenhäusern des Wiener Gesundheitsverbunds zeigen jedoch etwa: Rund 90 Prozent der Intensivpatienten in der Hauptstadt weisen Vorerkrankungen wie etwa Diabetes, Adipositas oder Bluthochdruck auf.

Diese Behauptung des Mediziners zur Belegung der Intensivstationen ist daher insgesamt als größtenteils richtig einzustufen. Die Aussage hinsichtlich der Altersstruktur bewegt sich in einer richtigen Größenordnung. Für die Einschätzung, zu den Vorerkrankungen gilt dies laut Fachleuten gleichermaßen. Auch wenn genaue Daten nicht vorliegen.

Großteil der jungen Patientinnen und Patienten übergewichtig?

Von den Patienten jünger als 50 Jahre, die mit Covid auf einer Intensivstationen (sic!) landen, sind 80 Prozent mehr oder weniger stark übergewichtig."

Leserbrief „Oberösterreichische Nachrichten“, 21. November 2021

„Intensivarzt schlägt Alarm: ‚80 Prozent der jungen Patienten sind übergewichtig‘“ titelte das ÖVP-affine Medium „exxpress“ zur Auslastung der Corona-Intensivstationen am 23. November. Hintergrund des Artikels war der Leserbrief des Intensivmediziners aus Linz.

Die GÖG, die sich die Spitalsdaten der Covid-19 Patienten regelmäßig ansieht, kann diese Behauptung nicht bestätigen: „Das ist nicht seriös darstellbar“, heißt es gegenüber profil. Schließlich sei einerseits nicht klar, wie „Übergewicht“ genau zu definieren sei und ob die Spitäler das auch regelmäßig einmelden würden. Und auch bei einer Adipositas-Erkrankung sei fraglich, ob dies von den einzelnen Krankenhäusern in jedem Fall eingetragen werde. Die Bilanz der GÖG: „Die Aussage ist zu schwammig und nicht belegbar.“ Auch die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) erklärt auf profil-Anfrage, dass sie über „keine personenbezogenen Daten was Hospitalisierung und Krankheitsverläufe betrifft“ verfüge.

Aus einem Tiroler Register mit Daten von 508 Corona-Patienten (von Februar 2020 bis Februar 2021) geht hervor, dass - von einem Body Mass Index (BMI) von über 30 als Merkmal von Übergewichtigkeit ausgehend - etwa 30 Prozent der Personen auf Intensivstationen übergewichtig waren. Etwa 74 Prozent hatten einen BMI von über 25. Eine Verknüpfung des BMI mit dem Alter ist dem Register allerdings nicht zu entnehmen.

Auf Nachfrage, worauf sich der oberösterreichische Mediziner genau beziehe, führt dieser zunächst amerikanische Datenbanken und Studien an, wonach mitunter sogar 86 Prozent aller hospitalisierten Covid-Patienten unter 50 Jahren übergewichtig seien, also einen BMI über 25 hätten. Nicht vergessen werden darf jedoch, dass der Anteil an übergewichtigen Personen in den USA weitaus höher ist als in Österreich. Und: Auch aus einer französischen Studie aus dem Vorjahr kann nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, dass deren Ergebnisse aktuell so auf Österreich zutreffen. Schließlich erläutert der Arzt selbst: „Leider werden in Österreich die Daten betreffend Komorbiditäten nicht derart erhoben.“ Seine Zahlenangaben würden jedoch auch auf seinen eigens zusammengetragenen Daten von knapp 100 Covid-Intensivpatienten beruhen. Hierbei zu bedenken gilt: Die Anzahl an übergewichtigen Personen in Österreich variiert auch von Bundesland zu Bundesland enorm, wie etwa eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigt. Während in Tirol nur 39 Prozent der Menschen an Übergewicht oder Adipositas leiden, sind es in Oberösterreich 48 Prozent. Zusammengefasst ist die Aussage zur Übergewichtigkeit von 80 Prozent unter Intensivpatienten unter 50 Jahren daher unbelegt. Jedenfalls außer Frage steht aber: Menschen mit erheblichem Übergewicht haben ein erhöhtes Risiko, bei einer Corona-Infektion schwer zu erkranken.

Fazit: Klinik geht auf Distanz zum Mediziner

Der Leserbrief enthält mehrheitlich unbelegte und falsche Behauptungen, nur eine der gecheckten Aussagen stellte sich als größtenteils richtig heraus. Auf profil-Anfrage hält die Krankenhausleitung der Barmherzigen Schwestern fest, die Covid-Impfung sei „der einzige Weg aus der Pandemie“. Der Intensivmediziner, der selbst bereits das dritte Mal gegen das Coronavirus geimpft sei, habe mit dem veröffentlichten Brief lediglich „seine Privatmeinung“ an die Medien gegeben. Seine Intention war die „Beruhigung einer aufgewühlten Lage“. Wohl eher das Gegenteil ist eingetreten. Außerdem heißt es in dem Statement des Spitals: „Jede Vereinnahmung seiner Person durch politische Gruppierungen in Zusammenhang mit dieser Meinungsäußerung weist er eindeutig zurück.“ Empfehlung der faktiv-Redaktion: Verbreiten Sie diesen Leserbrief lieber nicht weiter.