Thomas Forstner, "Venedig im Regen": Zero Points
Tödliche Experimente, schlimme Schlachten, verlorene Mumien: Österreichs größte Schlappen
Zu den prägenden Kindheitserinnerungen des österreichischen Radiomoderators Roland Gratzer zählt eine TV-Übertragung aus Roms Cinecittà vom 4. Mai 1991. Im Fernsehen war an diesem Tag der Grand Prix Eurovision de la Chanson zu sehen, Startnummer sechs, representing Austria: Thomas Forstner mit „Venedig im Regen“. Zwei Jahre zuvor war der damals 19-jährige Forstner mit „Nur ein Lied“ sensationell Fünfter geworden, in Rom sprangen leider nur null Punkte heraus. Forstners Pop-Karriere landete im Italientief, in Österreich trugen die Gondeln Trauer.
Gratzer, Jahrgang 1983, erinnert sich: „Diese Sendung hat mich damals lange beschäftigt, die null Punkte habe ich ihm persönlich übel genommen. Aber natürlich verstehe ich, wenn Thomas Forstner heute klagt, dass sein Name immer mit dieser Niederlage verbunden wird. Er lebt heute übrigens auf einem Bergbauernhof im Lavanttal und sieht ein bisschen aus wie Roland Düringer.“
De Niederlage gehört zur österreichischen Folklore. Einer hat immer des Bummerl, wenn nicht sogar ein patschertes Leben. Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Nicht zu allen Geschichten, die Gratzer in „4000 Jahre Niederlagen“ erzählt, hat er einen derart persönlichen Bezug, das liegt auch am Genre des Buchs, in dem es um österreichische Geschichte geht, durchaus auch des Altertums und Mittelalters. „Ich bin kein studierter Historiker, ich bin studierter Journalist“, schreibt Gratzer in seinem Vorwort: „Ich erzähle Geschichten, deren Fakten wahr sind.“ Im Gespräch mit profil schiebt Gratzer eine wichtige Ergänzung nach: „Bei der Auswahl der Geschichten hat mich ein egozentrischer Zugang angeleitet. Entscheidend ist, dass es mich interessiert.“
Fataler Fallschirm
Entsprechend lustvoll erzählt Gratzer diese Geschichten, in 33 Kapiteln hantelt er sich mit großem Schwung und Sinn für die Pointe durch die Jahrhunderte, erzählt Klassisches wie die Affäre um Oberst Redl oder vom Frankenburger Würfelspiel, aber auch deutlich weniger prominente Niederlagen wie die des Wiener Schneidermeisters Franz Reichelt, der um 1900 als Damen-Couturier in Paris reüssierte und sich im Nebenerwerb als Erfinder engagierte. Ein gefährliches Hobby: Am 4. April 1912, kurz nach 8 Uhr morgens, sprang Reichelt von der ersten Plattform des Eiffelturms, um den vom ihm soeben entwickelten Fallschirmrucksack zu demonstrieren. Die Erfindung bestand den Reality Check leider genauso wenig wie der Erfinder; immerhin avancierte dieser – womöglich ein schwacher Trost – mit seinem waghalsigen Sprung zum „ersten Toten des Kinos“ (laut François Truffaut): An jenem fatalen Pariser Morgen war auch ein Kameramann zugegen, der Reichelts kurzen Sprung für alle Ewigkeit dokumentierte.
Sehr oft ist des einen Niederlage ja auch eines anderen Glück und Segen. Kriege mögen andere gewinnen, du, glückliches Österreich, verliere.