Affine-Records-Chef Jamal Hachem: Der Labelarbeiter als Eisverkäufer

Affine-Records-Chef Jamal Hachem: Der Labelarbeiter als Eisverkäufer

Jamal Hachem betreibt mit Popfest auf. Im E-Mail-Interview erklärt Hachem, was Labelarbeit mit Eis verkaufen zu tun hat und welche Vorteile der Standort Wien gegenüber dem Vogtland hat.

Interview: Stephan Wabl

profil online: Wie sieht deine Labelarbeit im Alltag aus? Drei Stichwörter.
Jamal Hachem: Recherche, Kommunikation und damit verbunden die Fähigkeit, geduldig sein zu müssen. Eigentlich kein allzu großer Unterschied zu einem Gelatoverkäufer.

profil online: Welche Vor- und Nachteile hat Wien für dich als Labelstandort?
Hachem: Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit hat Wien in Summe mehr Vorteile als beispielsweise das Vogtland. Im Gegenzug dazu aber augenscheinliche Nachteile gegenüber hyperbeweglichen Metropolen wie London in Sachen subkultureller Infrastruktur. Doch unter dem Strich neutralisieren sich Vor- und Nachteile des Standorts, da wir uns sowieso schon längst in einer globalen Wettbewerbssituation befinden, in der industrialisierten Welt mit recht ähnlichen Gegebenheiten konfrontiert sind und mit den mehr oder weniger gleichen Werkzeugen arbeiten. Viel entscheidender als der Standort ist wie sooft die Denkweise.

profil online: Lässt es sich vom Label alleine leben oder braucht es weitere Standbeine?
Hachem: Ich denke entscheidend für diese Frage ist zuerst die eigene Zielsetzung und dann auf welcher Stufe der Multiplikator der Ernsthaftigkeit dahinter gestellt ist. Bei mittel- und längerfristigerer Ausrichtung ist das meiner Beobachtung nach auf jeden Fall möglich, doch gleichzeitig sollte man das Scheitern nicht in einer Art Betriebsblindheit ins Reich des Unmöglichen schieben. Auch wenn man am Papier „alles richtig gemacht hat“. Fakt ist, das heute viele international agierende Labels, die nach den goldenen Zeiten der Verkäufe begonnen haben, gar kein anderes Geschäftsmodell kennen als auf mehrere Säulen (Booking, Publishing, Merchandising etc.) zu bauen. Während so mancher noch immer jammert und den guten alten Zeiten nachtrauert, gibt es eine Generation die dies selbstverständlich verinnerlicht hat.

profil online: Wie hat sich die Arbeit seit den Anfängen 2008 verändert?
Hachem: Das Intuitive ist wohl ein wenig verloren gegangen. Jede Veröffentlichung muss gut und von langer Hand geplant sein. Auch die Kampagnen erstrecken sich im Vergleich zu 2008 über einen größeren Zeitraum um Halbwertszeiten zu verlängern.

profil online: Welche Veränderungen/Neuerungen erwartest du für die nächsten Jahre?
Hachem: Wenn ich das wirklich wissen würde, würde ich es nicht verraten, haha. In den nächsten 2 bis 3 Jahren aber wohl nichts Gravierendes, da die digitale Kulturrevolution ja bereits endgültig vollzogen ist. Aber die Spirale wird sich wahrscheinlich noch schneller drehen, kreative Zugänge werden somit noch mehr gefragt sein. Ich erwarte es zwar nicht, aber erhoffe mir, dass multinationale Konzerne deren Domäne nicht der Verkauf von musikalischen Werken ist, mehr vom Gewinnkuchen abgeben und das gleichzeitig die zum Glaubenskrieg veröffentlichte Diskussion um die Festplattenabgabe endlich zu Grabe getragen wird, da diese schon längst nicht mehr zeitgemäß ist.

profil online: Mit „Cid Rim“ und „Okmalumkoolkat“ sind heuer zwei Vertreter deines Labels am Popfest zu sehen. Was zeichnet die beiden für dich aus?
Hachem: Es sind sogar mit „The Clonious“ drei Vertreter. Mit „Cid Rim“ und unserem neuen Signing „Okmalumkoolkat“ stellen wir erstmals in größerem Rahmen das Gemeinschaftsprojekt „Holy Oxygen“ vor, das in den letzten Monaten unter Federführung von Gregor Lehrl zwischen Johannesburg und Wien enstanden ist. Einfach hinkommen, anschauen und überraschen lassen.

„Cid Rim“, „Okmalumkoolkat“ und „The Clonious“ treten am Samstag, den 26, Juli um 21:30 Uhr auf der Seebühne auf.

Okmalumkoolkat Holy Oxygen I (Trailer) from Affine Records on Vimeo .