Der Zeitgeist sieht rot: Immer mehr Menschen drehen im öffentlichen Raum durch. Besonders beliebt: Flughäfen und Bahnhöfe. Was steckt hinter der unkontrollierten Wut?
Im Straßenverkehr sind verbale Schlagabtäusche unter der Gürtellinie (à la „Hearst, Führerschein in der Lotterie g’wonnen?“ oder „Gemma auf die Bluatwies’n?“) schon länger Usus. Szenarien wie auf Straßen, Flughäfen oder Bahnhöfen häufen sich aber auch im Supermarkt, vor allem an den Kassen. Da kann schon einmal eine übersehene Rabattregelung in einer wüsten Beschimpfung oder sogar einer Ohrfeige eskalieren. Die österreichische Gewerkschaft der Privatangestellten erschütterte im Sommer dieses Jahres mit einer Erhebung, nach der sich die Übergriffe gegen das Verkaufspersonal nahezu verdoppelt haben: 44 Prozent der Handelsangestellten mussten Gewalt im Job erleben, 63 Prozent Beschimpfungen und 37 Prozent Bedrohungen.
Kundinnen und Kunden in Lebensmittelgeschäften werden immer unhöflicher und gewaltbereiter, erklärte Veronika Aigner-Lederer von der Gewerkschaft der Privatangestellten in einer Pressekonferenz: „Die Mitarbeiter haben Angst. Sie werden teilweise auch bedroht, wo ihnen gesagt wird, jemand würde sie abstechen oder erschießen. Es gibt Mitarbeiter, die den Job wechseln möchten, weil sie das nicht mehr aushalten.“ Eine präventive #MeToo-Wachsamkeit scheint im Handel keine Wirksamkeit zu zeigen: Supermarktverkäuferinnen leiden zunehmend unter anzüglichen Bemerkungen – 40 Prozent gaben an, schon mehrfach sexuell belästigt worden zu sein.
Womit sich die Frage stellt: Ist die wachsende Gewalt- und Aggressionsbereitschaft, die nicht nur in der Privatsphäre, sondern auch im öffentlichen Raum ausagiert wird, eine Nachwirkung der Pandemie, der damit verbundenen sozialen Isolation und der angespannten wirtschaftlichen Lage?
Das sind mit Sicherheit verstärkende Faktoren, doch die Resilienz im Umgang mit herausfordernden Situationen ist vor allem eine Frage der individuellen Prädisposition. Menschen, die eine Selbstwertschwäche nicht neutralisieren können, explodieren auch schon angesichts von Lappalien, die als Entwertung empfunden werden. Besonders gefährdet für eine sturmartige Reaktion im Fall verletzter Eitelkeit sind die hochempfindlichen und kritikunverträglichen Narzissten, Perfektionisten sowie Menschen, die nie gelernt haben, ihre Gefühle zu entladen, und die stattdessen gewohnt sind, Ärger, Wut und Kränkungen unkommentiert hinunterzuschlucken.
Der Schauspieler Joachim Meyerhoff beschreibt in seinen Büchern seinen Kampf mit dem Jähzorn, der sich wie „ein plötzlich auftauchendes U-Boot zeigt“. In einem profil-Interview beschrieb er, welche Auswirkungen dieses U-Boot auf ihn einst hatte: „Da schrie ich und konnte gar nicht mehr aufhören. Man ist da regelrecht gefangen in dem Geschrei und schießt in eine einzige Richtung, bis man irgendwann wieder vom Himmel fällt.“
Ausraster wirken wie Kokain
Die Tennis-Legende John McEnroe, berüchtigt für das Zerschmettern von Rackets und wüste Beschimpfungen von Platzrichtern, erklärte in einer TV-Doku, dass er „buchstäblich süchtig nach diesen Ausbrüchen war und sie mir wahnsinnig viel Energie gegeben haben“. Tatsächlich haben diese Ausbrüche für manche Menschen eine Wirkungsweise wie der Genuss von Drogen wie Kokain: Das Gefühl der Omnipotenz, gepaart mit einem kurzfristig reparierten Selbstwertgefühl, kann auch süchtig machen. 2003 wurde erstmals die Diagnose einer „posttraumatischen Verbitterungsstörung“ ins psychiatrische Diagnostik-Handbuch aufgenommen. Menschen, die durch eine stark empfundene Ungerechtigkeit, etwa im Fall von Trennungen oder Kündigungen, traumatisiert sind, können durch dieses Phänomen, das sich in sozialer Isolation, Depressionen und Angststörungen manifestieren kann, ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren. Die Wurzel vieler solcher Kränkungen liegt, wie so oft, in der Kindheit.
Da schrie ich und konnte gar nicht mehr aufhören. Man ist da regelrecht gefangen in dem Geschrei und schießt in eine einzige Richtung, bis man irgendwann wieder vom Himmel fällt.
Joachim Meyerhoff
über seinen Jähzorn
Dass Kleinkinder sich brüllend auf den Boden werfen und ihre Emotionen erst regulieren lernen müssen, ist ein wichtiger Teil der Erziehungsarbeit. Wenn jedes Bedürfnis sofort befriedigt wird und sämtliche Barrieren aus dem Weg geräumt werden, nimmt man dem Kind die Möglichkeit, eine Frustrationstoleranz (die Voraussetzung für spätere Resilienzkapazitäten) zu entwickeln.
Rage Rooms helfen nicht wirklich
Dass bei Erwachsenen eine unterdrückte Wut im Rahmen von Lifestyle-Formaten wie sogenannten Rage Rooms, in denen Mobiliar zerschlagen werden kann, auf ungefährliche Art und Weise ausgelebt werden kann, ist ein Fehlglaube. „In einem sogenannten Rage Room Teller zu zerschlagen oder herumzubrüllen, fühlt sich zwar im Moment gut an“, erklärt die Schweizer Psychologin und Konfliktexpertin Rita Girzone, aber dabei könne es auch „zu einer Art Jo-Jo-Effekt“ kommen. Das regelmäßige Abreagieren von Wut durch solche zerstörerische Aktivitäten kann die destruktive Aggression verstärken. Softere Methoden wie Tiefenatmung, Meditation, Slow-Flow-Yoga, progressive Muskelentspannung und Zwerchfellatmung wären bessere Varianten.
Man sollte man nicht warten, bis sie einen verschluckt, sondern eine Methode entwickelt haben, wie man ihr am besten entkommt.
Heidi Kastner, Forensische Psychiaterin
über die Wutwelle
Das sieht auch die forensische Psychiaterin Heidi Kastner so, die mit ihrem Buch „Wut“ ein Plädoyer für dieses Gefühl verfasst hat. Aber: „Es ist ein völliger Unfug, zu glauben, dass man, wenn man durch seine Fußsohlen im Wald atmet und dabei schreit, irgendwelche therapeutisch relevanten Erfolge erzielen könnte.“ Empfehlenswert, „aber nur für Fortgeschrittene“, wäre ein Emotionstraining, „das den Betroffenen lehren soll, seine Gefühle überhaupt zu identifizieren, zu benennen und ihnen in der Folge auch einen adäquaten Ausdruck zu geben“.
Denn prinzipiell sei Wut auch extrem wichtig für die Psychohygiene. Sie gehöre wie Ekel, Freude und Trauer zu den Grundelementen des menschlichen Ausdrucksrepertoires. Doch in der „allgemeinen Ausdrucksbehübschung“, so Kastner, „wurden wir auf ihre Unterdrückung gesellschaftlich konditioniert“. Wichtig sei das Zulassen, aber auch der sozial verträgliche Umgang mit dieser Emotion. Wenn man spüre, dass sich die Rage-Welle nähert, „sollte man nicht warten, bis sie einen verschluckt, sondern eine Methode entwickelt haben, wie man ihr am besten entkommt“. Kastner ist übrigens ein Fan des Hausverstands, an den sie in ihren Interviews stets appelliert: „Vielleicht ganz simpel, indem man einfach den Raum verlässt und draußen einmal tief durchatmet.“ So einfach wäre das.
„Ich konnte es nicht ahnen“, erklärt eine junge Frau auf Instagram: „Bis dahin hat sich mein Freund völlig normal benommen.“ Doch dann kam der Moment, in dem das Paar zu spät ans Gate seiner Fluglinie kam und nicht mehr auf den Flug gelassen wurde. Und die rote Flagge flatterte: „Plötzlich benahm er sich wie ein wütendes Kleinkind, warf sich auf den Boden, trommelte mit den Fäusten, begann wie ein Verrückter zu schreien und war nicht mehr zu beruhigen.“ Die Beziehung sollte diesen Ausbruch nicht überstehen.
Entgleisungen dieser Art – Aggression, Wutausbrüche, totaler Impulskontrollverlust – häufen sich. Sensationslüsterne Videos, in denen Schimpf- und Schreitiraden ablassende Passagiere aus dem Flieger abgeführt werden, sich vor Übergewicht anzeigenden Gepäckwaagen schreiend auf den Boden werfen oder wegen Verspätungen ausrasten, regieren TikTok und Instagram. „Air Rage“ ist ein gängiger Terminus für ausrastende Passagiere geworden, deren Benehmen manchmal sogar zu ungeplanten Zwischenlandungen führen kann. Dass Alkoholkonsum die Entladungsbereitschaft beflügelt, erscheint logisch. Deswegen hat die irische Billig-Fluglinie Ryanair mit Beginn 2025 ein Verbot eingeführt.