André Heller über „Menschenkinder”: „Das hat es gefälligst zu geben”

Sendereihe „Menschenkinder”.

Interview: Angelika Hager

profil: Eine Haubenköchin, ein Ex-Bundeskanzler, eine Hebamme, ein Mediengründer, ein bitterarmes Kind, das der Zufall in ein Märchenuniversum führte: Gibt es einen gemeinsamen Nenner bei jenen Menschen, die Sie vor die Kamera gebeten haben?
André Heller: Es sind alles Menschen, die sich lernend verwandelt haben. Die Spießrutenläufe in Brennesselwäldern hinter sich gebracht haben. Mich interessiert an Lebensgeschichten immer, wie jemand mit seiner Not, mit den Niederlagen oder Zurückweisungen umgegangen ist. Wir leben in einer Gesellschaft, die einen so leidenschaftlichen Blick für das Unwesentliche entwickelt hat. Die Medien und ihre Kundschaft finden das Banalste und Flachste so viel spannender als tief gelegte Biografien. Ich wollte etwas dagegen tun, dass solche Lebensgeschichten unter die Räder der Ignoranz kommen.

profil: "Menschenkinder“ ist eine erstaunlich uneitle Arbeit. Herr Heller kommt weder in Zwischenfragen noch in Gegenschnitten vor.
Heller: Es war einfach nicht notwendig. Auch das sind Lernprozesse.

profil: Gab es für Sie überraschende Momente im Lauf des Gesprächs mit Ihrem Freund Alfred Gusenbauer?
Heller: Es hat mir wieder einmal die österreichische Spätwirksamkeit von Ministranten deutlich gemacht. Es ging aber vor allem darum, dass jemand, über den in der öffentlichen Wahrnehmung nur mehr Soundbites oder vorurteilsbeladene Schnellurteile existieren, einmal ausführlich Zeit erhält, seine Gedanken und Weltbilder zu entwickeln und wesentliche Politvorgänge, wie die Ablöse von Schüssels Schwarz-blau, aus seiner Insider-Sicht zu schildern. Da ist auch eine Frage der Geschichtskorrektheit. Nehmen wir den Ossi Bronner. Der hat in einer Phase, in der man in diesem Land immer noch frohlockte, dass die Juden im Großen und Ganzen vertrieben waren, für die geistige und politische Hygiene des Landes unverzichtbare Medien gegründet: zuerst den "trend“, dann profil und als Draufgabe noch den "Standard“. Ich will auch, dass mein Sohn und mein Enkel einmal durch Erzählungen der Protagonisten wissen, welche mutigen und risikobeladenen Aufbauarbeiten von wem wann und wie geleistet wurden. Das hat es gefälligst zu geben.

profil: Johanna Maier standen die Tränen, Erich Rietenauer erzählte, sichtlich bewegt, vom Selbstmordversuch seiner Mutter. Gab es Momente, in denen es fast obszön erschien, die Kamera laufen zu lassen?
Heller: Bei einem Projekt, dessen Quintessenz die Unverlogenheit ist, gehören diese Wahrheiten dazu. Hätten mich die "Menschenkinder“ gebeten, solche Passagen auszulassen, wäre ich dem natürlich nachgekommen. Wer meine Biografie ("Feuerkopf“, mit Christian Seiler, Anm.) gelesen hat, weiß, dass ich beim Erzählen meiner Lebensgeschichte eher für das Schonungslose war.

profil: Die Offenheit, mit der Sie dort Ihre seelischen Zusammenbrüche schildern, war überraschend.
Heller: Die Qualität von Biografien liegt darin, dass einem ka Schmäh erzählt wird. Ich bin überhaupt der Meinung, dass die eigene Biografie das Hauptwerk eines jeden Menschen ist. Es ist nämlich nicht egal, ob einer, der großartige Bücher oder Gemälde geschaffen hat, dahinter mit Neid, Hybris, Hass, Häme oder triefender Bösartigkeit handelte. Mit 66 weiß ich, dass Herzensbildung auf der Werteskala ein weitaus höheres Gut als der Nobelpreis ist.

profil: Woher nahmen Sie den Mut, in Ihren jungen Jahren frech bei Künstlern wie Man Ray, Henry Miller oder dem Literatur-Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer anzuklopfen?
Heller: Die Privatheiligen, zu denen ich in meiner Jesuitenzeit gebetet habe, wie Claude Monet, Hugo von Hofmannsthal und Franz Schubert, waren schon tot. Die konnte ich nicht mehr fragen. Aber andere Rabbis lebten. Sie konnte ich noch ausfratscheln. Es war mir einfach immer zu wenig, nur im Kaffeehaus zu sitzen und mir anzuhören, was ein Vierter über einen Dritten gesagt hat. Also habe ich mich auf den Weg gemacht - nach Rom, New York oder Paris. Und etwa bei Man Ray den schweren Fehler gemacht, ihm einen farbenfrohen Herbststrauß mitzubringen. Er hat anfangs sehr missmutig reagiert und geknurrt: "Einem alten, alleinstehenden Mann soll man nie Blumen schenken, das macht nur Mist und Arbeit, die können Sie gleich wieder mitnehmen.“ Letzlich sind wir aber in ein schönes, ausführliches Gespräch geraten, und ich bin klüger daraus hervorgegangen.

Foto: Philipp Horak