Andreas Dorau: „Ich neige nicht zur Nostalgie“

Andreas Dorau: „Ich neige nicht zur Nostalgie“

Neue-Deutsche-Welle-Legende Andreas Dorau über kritische Rentner, die trügerischen Hoffnungen der achtziger Jahre und die Einsamkeit in Clubs.

Interview: Sebastian Hofer

Man muss sich Andreas Dorau als Missing Link der deutschen Popmusik vorstellen: Mit seinem Hit „Fred vom Jupiter“ stand der Pastorensohn 1981 als 16-Jähriger am Beginn der Neuen Deutschen Welle, arbeitete danach mit Subkultur-Ikonen wie Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Holger Hiller (Palais Schaumburg) oder Moritz von Oswald (Basic Channel), machte Kunstmusik mit Albert Oehlen, wirkte als Musikvideo-Berater für Hitparaden-Figuren wie Mousse T. und kultivierte ein hinterfotzig blumiges Werk zwischen Chanson-House, Pseudoschlager und Bubblegum-Pop. Auf seinem neuen Album „Aus der Bibliotheque“ besingt der ewig junge 50-Jährige unter anderem das Treiben der Bienen am Fenster, den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka sowie seine Lieblingsbibliothek, die Hamburger Bücherhalle am Hühnerposten.

profil: Wer besucht – außer Ihnen – noch öffentliche Bibliotheken?
Andreas Dorau: Das Publikum der Filiale, die ich frequentiere, ist relativ gemischt. Das sind zwar eher keine schönen Menschen, aber nachdem es sich um die Zentralbibliothek handelt, inklusive großer Film- und Musikabteilung, ist das vielleicht ein bisschen breiter gestreut als anderswo.

profil: Also kein Schrullenclub?
Dorau: Leider haben Bibliotheken einen Ruf, der ihnen nicht gerecht wird. Wer da hingeht, hat ein Imageproblem – weil Menschen glauben, dass Geliehenes nicht werthaltig sei und weil ungeklärte Besitzverhältnisse sich seltsam anfühlen. Aber natürlich gibt es in jeder Bücherhalle sehr wohl auch die klassischen Rentner, die da für ihre Beschwerdebriefe recherchieren. Die Bücherhalle gehört sicher zu den unrock‘n‘rolligsten Orten der Welt.

profil: Verbringen Sie viel Zeit dort?
Dorau: Üblicherweise beträgt meine Aufenthaltsdauer zehn bis 15 Minuten.

profil: Im Song „Hühnerposten“ besingen Sie das Glück des Bibliotheksbesuchers so: „Man ist unter Menschen und ist trotzdem allein.“ Sind Sie kein Freund des Smalltalks?
Dorau: Mit zunehmendem Alter bin ich tatsächlich gern allein.

profil: Dabei gelten Sie als großer Ausgeh-Profi.
Dorau: Ach, wirklich? Nun, das widerspricht sich ja nicht. Beim Ausgehen ist man auch häufig allein. Die einsamsten Momente, die ich hatte, hatte ich im Club. Die Freunde sind weg, man hat irgendwie nicht aufgepasst, ist übergeblieben und sturzbetrunken. Das kann sehr einsam sein.

profil: Ihr Tipp für solche Situationen: durchhalten oder nach Hause gehen?
Dorau: Meistens trifft man ja dann doch noch irgendwen. Aber an sich sollte man in dem Zustand natürlich nach Hause gehen – schon aus gesundheitlichen Gründen.

profil: Werden Sie nostalgisch, wenn Sie an den Pop der Achtziger denken?
Dorau: Ich neige nicht zu Nostalgie. Natürlich kenne ich Gespräche mit Altersgenossen, die rumjammern und das ewige Eighties-Revival beklagen. Aber für mich klingt das alles eben doch anders als originaler Eighties-Kram und hat insofern auch seine Reize.

profil: Allerdings barg Pop in den 1980er-Jahren doch ganz andere Versprechen als der typische R’n’B-Hit anno 2014.
Dorau: Ja, aber total überhöhte und naive Hoffnungen. Aber von welchen Achtzigern reden wir jetzt? Mitte oder Anfang?

profil: Anfang.
Dorau: Gut. Aber die damalige Hoffnung auf einen Umsturz des Wertesystems durch Popkultur stammte ja eigentlich noch aus den späten siebziger Jahren. Und Anfang der neunziger Jahre gab es ganz ähnliche Hoffnungen mit Techno. Diese zwei, drei Jahre, in denen die Ahnung aufkommt, man könne das System besiegen, finde ich ja immer wieder super. Die Mittachtziger waren dann aber furchtbar.

profil: Ihre Lieder geben sich tendenziell unschuldig bis zuckersüß. Ist Naivität Programm?
Dorau: Nein, ich nehme das auch ganz anders wahr. Diese Einschätzung kommt daher, dass die Stücke in Dur sind, was naiv wirkt, und sie reimen sich, was diesen Faktor nochmal erhöht. Sagen wir so: Ich versuche, die Stücke schlicht zu halten.

profil: Und Sie machen aus der zutiefst traurigen Beobachtung, dass manche Leute vom Flaschenpfandsammeln leben müssen, einen echten Bubblegum-Hit.
Dorau: Ich interessiere mich für Bubblegum-Musik, mag aber keine Bubblegum-Texte. So versuche ich, meine beiden Interessen zu kombinieren – und bete, dass das halbwegs funktioniert.

profil: Könnte man eigentlich auch nur vom Tantiemenkassieren leben, wenn man einmal im Leben einen richtigen Superhit hatte?
Dorau: Ich konkret kann das nicht. Es hilft, aber man kann nicht ganz davon leben.

profil: Also sind sie unter anderem als Autor, Theatermusiker, Musikvideo-Consultant und Popsänger tätig. Welche Berufsbezeichnung geben Sie an, wenn Sie gefragt werden?
Dorau: Zum Glück ist die Zeit vorbei, als man bei Hotelanmeldungen noch seinen Beruf angeben musste. Das war immer sehr schwierig für mich. Aber das Anmeldeformular ist schmaler geworden. Heute reicht die Adresse.

profil: Und die Kreditkarte.
Dorau: Ich besitze keine Kreditkarte. Ich muss Bargeld hinterlegen.

Andreas Dorau: Aus der Bibliotheque (Büro B), erscheint am 17. Jänner