Reinsperger
Es stellt sich mir schon immer wieder die Frage: Wie viele Watschen müssen wir eigentlich noch bekommen, bis sich endlich was ändert? Denn natürlich bewegt sich immer nur etwas, wenn die Not groß ist. Und wir leben eben noch immer sehr privilegiert.
Tscharyiski
Aber so eine Veränderung braucht auch wahnsinnig viel Kraft und Energie. Und manchmal ist man nach einer 60-Stunden-Woche, in der man nach der Arbeit auch noch zum Networking auf irgendwelche Events gerannt und trotzdem um halb sieben aufgestanden ist, weil man sein Kind zur Schule bringen möchte, einfach zu erschöpft.
Reinsperger
Natürlich befinden wir uns in einer weißen, superprivilegierten, gut verdienenden Bubble. Wenn wir hier von Feminismus reden, dann immer nur von einem weißen. Wenn wir in andere, nichteuropäische Länder schauen, gibt es da einen eklatanten Unterschied, mit dem ich mich auch viel zu spät auseinandergesetzt habe. Aber in jedem Fall brauchen wir Männer, die feministisch leben und handeln. Ein Beispiel: Ich habe einen guten Freund, der sein Kind nach der Trennung zu einem sehr großen Teil betreut, nahezu alleinerziehend ist. Wenn der mit seinem Sohn im Kinderabteil im Zug sitzt, bekommt er noch immer jede Menge Bewunderung von den dortigen Müttern. Wie toll er sich nicht um sein Kind kümmere! Und so ganz allein! Er kontert dann einfach mit der Frage: „Haben Sie das einer Frau auch schon einmal gesagt?“ Solche Männer brauchen wir.
Christina Tscharyiski, 37,
inszeniert in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aktuell probt sie Bernhards „Theatermacher“ (gespielt von einer Frau) am Düsseldorfer Schauspielhaus. Ihre Erfolgsproduktion „Opernball“ nach einem Text von Stefanie Sargnagel läuft aktuell im Wiener Rabenhof. Zuletzt führte sie Regie am Schauspielhaus Zürich in „3 Schwestern“ von Barbi Marković. Die Mutter eines achtjährigen Buben inszenierte auch Sophie Passmanns dramatisiertes Essay „Pick me Girls“ am Berliner Ensemble.
Tscharyiski
Nach einer Trennung ist es noch sehr oft selbstverständlich, dass die Frau mit dem Kind zurückbleibt, während der Mann weiterzieht. Wir leben in patriarchalen Strukturen, die von beiden Seiten immer weiter bedient werden. Letztendlich geht es immer nur ums Geld. Frauen leisten in der Regel unbezahlte Care-Arbeit und gehen in die Teilzeit. Der Pay Gap hat sich in den letzten Jahren nur minimal verringert. Männer verdienen nach wie vor mehr. Kinderbetreuung ist jenseits von Nine-to-five-Jobs so unerschwinglich, dass es leider eben mehr Sinn macht, dass die Frauen nur 20-Stunden-Stellen annehmen. Würde meine Mutter keinen Vollzeitjob machen in ihrer Rolle als Großmutter und mich unterstützen, könnte ich meinen Beruf als Regisseurin gar nicht ausüben. Der Vater meines Kindes würde nämlich keine 50:50-Betreuungslösung machen.
Sie sind beide Millennials in Ihren mittleren Dreißigern. Was machen Sie besser als die Generation davor? Oder anders gefragt: Was würden Sie sich von älteren Frauen vermehrt wünschen?
Tscharyiski
Mehr Seilschaften. Gegenseitige Unterstützung. Dass die Frauen, die die letzten 15 Jahre hart darum gekämpft haben, in gewissen Positionen zu sitzen, und die jetzt Gestaltungsspielraum haben, vermehrt andere Frauen ins Boot holen. Und ich muss mich selbst an der Nase nehmen: Ich werde auch einer Intendantin den Vorzug geben, die vielleicht ein kleineres Haus hat, gegenüber einem Mann, der vielleicht ein bekannteres Theater leitet, weil das einem Solidaritäts-Statement gleichkommt.
Reinsperger
Man spürt unter älteren Kolleginnen manchmal auch noch einen größeren Konkurrenzdruck. Und das Bedürfnis, den Männern doch auch irgendwie zu gefallen. Da können die älteren Kolleginnen auch überhaupt nichts dafür, denn früher waren Frauen ja weit abhängiger davon, einem Mann zu gefallen. Auch, um beruflich weiterkommen zu können. Und ich kenne das von früher auch noch von mir, dass man diese männliche Bestätigung zu brauchen glaubte. „Elisabeth!“ war für mich wie ein riesiger Befreiungsschlag. Es ist ein großer Luxus, von diesem Drang, zu gefallen, befreit zu sein. Und wenn mir wer blöd kommt oder Mansplaining betreibt, kann ich nur sagen: Try me! Ich gehe jetzt durchaus auch in den Streit oder den Konflikt. Was ich auch bei Kolleginnen beobachte. Da hat sich vieles zum Positiven verändert.
Im Spektrum zeitgenössischer Frauenleben findet sich einerseits eine extrem woke, wachsame Fraktion, die auch sämtliche LGBTQ-Themen in den Diskurs inkludiert, andererseits aber auch ein neuer Konservativismus, der die Rückkehr zur Kernfamilie feiert. Oft verzichten dann gut ausgebildete Frauen zugunsten der Kinder auf ihren Beruf – ganz oder großteils, zumindest für einige Jahre.
Tscharyiski
Die rechten Kräfte sind inzwischen so viel stärker geworden, dass es auch in linken Kreisen durchaus salonfähig geworden ist, konservativ zu sein und patriarchaler zu leben. Ich habe das Gefühl, dass in diesen linkskonservativen Kreisen auch nicht die brennende Überzeugung vorhanden ist, dass sich dringend etwas ändern muss. Es läuft ja auch in diesen patriarchalen Strukturen für Männer wie Frauen durchaus angenehm.
Ein teilweise verstörender Aspekt unter Frauen jeglichen Alters ist, beflügelt durch die sozialen Medien, die Besessenheit mit dem Aussehen. Die 63-jährige Demi Moore präsentierte sich kürzlich als Gast einer Gucci-Show dank plastischer Chirurgie mit dem Aussehen eines essgestörten Teenagers. Die Kardashian-Frauen haben Eingriffe zum Preis von Mehrfamilienhäusern im Gesicht. Wie kann man sich diese Form von Backlash erklären?
Tscharyiski
Ich habe genau zu dem Thema gerade ein Stück inszeniert am Schauspielhaus Zürich: „3 Schwestern“ von Barbi Marković. Da sind wir wieder bei der Kardashian-Frage: Sind die Kardashians Feministinnen, weil sie Multimillionärinnen sind, ihre Erzählung völlig im Griff haben und Männer in ihren Biografien nur Randfiguren sind? Oder sind sie das krasse Gegenteil davon, weil sie in ihrer optischen Selbstoptimierung und der damit verbundenen Disziplin all das präsentieren, was man als Frau eigentlich ablehnen muss? Schwierig zu beantworten. Im Zweifelsfall: Jede Frau sollte so leben, wie sie möchte. Aber natürlich schwebt über allem das kapitalistische Marktsystem. Der Kapitalismus überdeckt auch das Patriarchat und ist noch immer stärker.
Stefanie Reinsperger, 38,
ist die erste Frau in der Geschichte des Burgtheaters, die mit Solostücken das Haus füllt: in „Elisabeth!“ von Mareike Fallwickl und „Selbstbezichtigung“ von Peter Handke. Ab 20. März steht sie in der Regie von Stefan Bachmann in Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ auf der Burg-Bühne. Nächstes Projekt des Herzens ist die Verfilmung von Fallwickls Roman „Die Wut, die bleibt“. In ihrem eigenen Buch, „Ganz schön wütend“, erzählt die vielfach mit Preisen Ausgezeichnete mit großer Offenheit über Bodyshaming-Attacken, die sie während ihres Engagements als „Buhlschaft“ bei den Salzburger Festspielen über sich ergehen lassen musste.
Reinsperger
Genauso wie bei den Tradwives. Vordergründig praktizieren sie eine Ideologie der Unterwerfung, aber in Wahrheit sind das extrem erfolgreiche Unternehmerinnen, die das x-Fache der Ehemänner verdienen, für die sie Apfelkuchen backen. Aber ich habe mir geschworen, nie mehr jemanden wegen seines Aussehens zu kommentieren. Ich habe selbst erlebt, wie sich das anfühlt, wenn die Medien sich entschlossen haben, auf einen Körper, eine Frau draufzuhauen. Und zwar massiv. Denn Frau ist immer zuerst einmal Körper, erst dann wird sie nach ihrer Arbeit bewertet. Es war für mich damals völlig neu, dass ich von außen in eine Schublade gequetscht wurde. Und dann dort auf mich eingedroschen wurde.
Sie haben auch in Ihrem Buch mit dem Titel „Ganz schön wütend“ darüber geschrieben, wie tief die Traumatisierung saß, als Sie die Buhlschaft in Salzburg gespielt haben und Ihr Körper ständig bewertet und kommentiert wurde.
Reinsperger
Ich war gerade einmal 25, also ein Baby, als ich da hineingestoßen wurde. Das war eineinhalb Jahre vor #MeToo, Begriffe wie Bodyshaming und Body Positivity gab es damals noch nicht. Wenn mir das zwei Jahre später passiert wäre, hätte ich es trotzdem nicht gebraucht, aber mich anders zur Wehr setzen können.
Hat Sie damals seitens der Festspiele niemand beschützt?
Reinsperger
Gute Frage. Die eine, die das wirklich getan hat, war Mavie Hörbiger, die auch in der „Jedermann“-Produktion gespielt hat. Sie hat sogar erwirkt, dass jemand, der in einem Lokal eine blöde Bemerkung über mich gemacht hat, dort Lokalverbot bekommen hat. Aber es war schrecklich. Denn anfangs hatte ich so ein Schamgefühl und habe mir gesagt: Es ist deine Schuld, dass du aussiehst, wie du aussiehst. Aber dann hat sich in mir etwas verändert. Ich sagte mir: Ich bin jetzt öffentlich, und ich erzähle, was sie mit mir gemacht und mir angetan haben. Ich bin die Regisseurin meiner Erzählung, und ich habe die Kontrolle darüber.
Tscharyiski
Mit deinem Buch hast du eine extrem wichtige politische Arbeit geleistet. Dass du bis heute mit diesen Themen in der Öffentlichkeit stehst, ist immens wichtig und beispielgebend für viele Frauen.
Aber Sie, Steffi, spielen zurzeit schauspielerisch in einer Liga, in die nur wenige je aufsteigen. Traut sich noch irgendjemand, eine schwachsinnige Bemerkung zu machen?
Reinsperger
Es kann schon passieren. Ich erinnere mich an einen Vorfall vor zwei Jahren. Ich habe mich danach ins Taxi gesetzt und geweint. Sich gegen diese Mikroverletzungen zur Wehr zu setzen, kostet auch wahnsinnig viel Kraft. Und man hat nicht immer die Kraft und die Strahlkraft dafür.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Mainstream-Außenwirkung ein Frauenleben noch immer nicht als vollständig gilt, wenn es darin keinen Mann vorzuweisen gibt.
Tscharyiski
Dieses Gefühl kriege ich immer wieder vermittelt. Gleichzeitig sehe ich auch, dass sehr viele Frauen große Kompromisse aufgrund dieses Pärchen-Wahns eingehen. Aber es ist natürlich schön, Liebe in seinem Leben zu haben in Form von funktionierenden, reichhaltigen Beziehungen. Aber da müsste ein Mann schon sehr viel mitbringen, dass sich das auf Augenhöhe ausgehen kann. Ich finde diese Liebe zurzeit viel mehr in Freundschaften - sowohl mit Frauen als auch mit Männern. Das sind Beziehungen wie die mit Steffi, die schon sehr lang halten und in denen man sehr füreinander da ist.
Reinsperger
Wenn ich wirkliche Tiefs habe, dann sind Freundinnen wie Christina da. Ich wende mich auch an dich, wenn ich einen Rat brauche, wie ich einen Konflikt auf einer Probe lösen soll oder etwas in der Art. Wir schauten uns auch gemeinsam meinen letzten „Tatort“ an. Ich erlebe viel Liebe in Freundschaften. Aber prinzipiell ist mein Berufsleben viel spannender als mein Privatleben. Der treueste Mann in meinem Leben ist das Theater. Wir haben Ortswechsel hinter uns, wir haben uns getrennt, weil wir eine Pause voneinander brauchten, wir sind wieder zusammengekommen. Das Theater ist die längste Liebe meines Lebens. Und auch die mit Abstand verlässlichste.