Autodrom von David Staretz: Rauchen als Berufsbild

Autodrom von David Staretz: Rauchen als Berufsbild

Denn unser Thema war das Auto, bis dato eines der letzten Refugien ungehemmten Rauchvergnügens.

Vor etlichen Jahren gehörte das Rauchen (auch Zigarre und Pfeife) zum Berufsbild des Journalisten, und weil Motorjournalisten ohnehin immer ein bisschen daran kränkeln, dass man sie eventuell nicht für ganz voll nehmen könnte in der Branche, rauchten sie besonders viel. Früher ließ sich das jedenfalls feststellen, heute weiß ich es nicht, weil sich anlässlich von Autopräsentationen die Tische leeren nach dem Essen, und ich frage mich immer wieder, wohin all die Kollegen verschwunden sind. Denn weniger noch als die Raucher selbst kann ich mich offensichtlich daran gewöhnen, dass zum Rauchen ins Freie gegangen wird, und das bei jedem Wetter. Daraus könnte man ableiten, dass diese Leute wirklich passioniert sind und zu ihrer Liebhaberei stehen bei jeder Witterung. Oder dass ihnen einfach nicht zu helfen ist. Willenlose Süchtler.

Gerne neigt der Nichtraucher dazu, letzterer Vorstellung zu folgen, um sich nebenbei gratis und franko zum eisernen Willensmenschen hochzustilisieren, während er die Dessertteller seiner abwesenden Nachbarn wegputzt. Das war nicht immer so einfach. Ich erinnere mich noch an Zeiten, als IN! FLUGZEUGEN! GERAUCHT! WERDEN DURFTE! Unfassbar, was der Planet damals noch aushielt.


Der Kollege von der "Wochenpresse“ rauchte rote Gauloises, der vom "Standard“ bevorzugte Rothmans (...)

Und wenn wir, was nicht selten vorkam, mit einem achtsitzigen LearJet nach Nizza, Palermo oder Malaga gebracht wurden (also jetteten!), klickten exakt mit dem Erreichen der Reiseflughöhe die Ronson-Feuerzeuge, und wirklich harter Stoff wurde entzündet: Der Kollege von der "Wochenpresse“ rauchte rote Gauloises, der vom "Standard“ bevorzugte Rothmans, der Rest verlor sich zwischen Marlboro, HB und Memphis. Die den Gastgeber repräsentierende Dame, sie saß auf dem psychologisch wertvollen, sonst aber nie genützten Toilettensitz im Garderobeabteil, holte ihre geliebten Hobby hervor. Das alles morgens um sieben Uhr dreißig. Vergebens reckte ich den Hals nach der Deckendüse, um Frischluft zu inhalieren.

Selbstverständlich haben am Zielort alle in den bereitgestellten Testautos geraucht, und wenn abends zum Dinner geladen wurde, galt nur eine eiserne Regel: Sobald ein Toast auf die Queen ausgebracht worden war, galt es als unstatthaft, zwischen den Gängen zu rauchen. Also wurde leichten Herzens auf den royalen Toast verzichtet, meistens kamen wir ja ohnehin nicht in die Verlegenheit.

Heute ist das Rauchen auf geradezu absurde Weise kein Thema mehr, jedenfalls nicht bei Tisch.

Wie aber verhält es sich mit dem Autofahren? Dort, wie man aus ständiger (als Raucher) oder leidvoller (als beifahrender Nichtraucher) Erfahrung weiß, multipliziert sich die grausliche Seite des Rauchens sehr schnell zum Desaster. Überquellende Aschenbecher, runtergefallene Stummel, vernebelte Innenscheiben.

Beim Architekten Günther Domenig, so wurde mir erzählt, war die A-Säule links oben völlig vergilbt, weil er dort immer seine Zigaretten während der Fahrt zu entaschen pflegte. Und dieser Gestank! Weniger der Rauch selbst, sondern diese erkaltenden Reste sind das eigentlich Widerwärtige. So wie beim Essen ja auch.


Mit zunehmender Ächtung des Rauchens erhält das Auto also gesteigerte Bedeutung.

Einmal war ich bei McLaren eingeladen und der Chef Ron Dennis machte persönlich die Führung durch das Hitech-Gebäude am See. Noch nie sah ich derart penibel aufgeräumte Schreibtische. Doch dann kamen wir an einem Glasgehäuse vorbei. Menschen in Aspik. "Das sind unsere Raucher“, sagte er trocken, und der Gast verstand: Besser nicht dort dazugehören im Falle einer dringenden Personalumstrukturierung.

Einmal fragten Journalisten Herrn Gerry Friedle in seiner Funktion als DJ Ötzi, ob ihm schon einmal etwas peinlich gewesen sei. Mutige Frage, so was kann ja völlig ins Leere laufen. Doch die Antwort überraschte alle, und sie war einnehmend sympathisch: "Ja, einmal war ich auf dem Flughafen in diesem Glaskobel für Raucher. Ich stand da drinnen mit der Zigarette in der Hand, und draußen zeigten die Menschen auf mich. Das war mir sehr peinlich.“

Mit zunehmender Ächtung des Rauchens erhält das Auto also gesteigerte Bedeutung. Man ist (falls alle rauchen) niemandem Rechenschaft schuldig und möchte sich idealerweise Bertolt Brecht als Chauffeur vorstellen:

Der Insasse

Als ich es vor Jahren lernte,
Einen Wagen zu steuern, ließ mich mein Lehrer
Eine Zigarre rauchen; und wenn sie mir
In dem Gewühl des Verkehrs oder in spitzen Kurven
Ausging, jagte er mich vom Steuer.
Auch Witze erzählte er während des Fahrens, und wenn ich
Allzu beschäftigt mit Steuern, nicht lachte, nahm er mir
Das Steuer. Ich fühle mich unsicher, sagte er.
Ich, der Insasse, erschrecke, wenn ich sehe,
Dass der Lenker des Wagens allzu beschäftigt ist
Mit Lenken.

david.staretz@profil.at