Screenshots und eine hippe Kirche
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„Awakening Europe“: Wie hippe Fundamentalisten in Österreich rekrutieren

Junge Mitglieder einer christlichen Bewegung spazieren durch Wien und versuchen Passanten davon zu überzeugen, „ihr Leben an Jesus zu geben“. Was steckt hinter der Bewegung, die ihren Mitgliedern verspricht, sie von Krankheiten zu heilen?

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Die Geschichte der christlich-fundamentalistischen Freikirche „Awakening Europe“ beginnt, wie könnte es anders sein, mit einem angeblichen Wunder: 2002 soll der Australier Ben Fitzgerald – der zu diesem Zeitpunkt als Drogendealer tätig war – nach eigenen Angaben Jesus Christus in einem Melbourner Nachtclub begegnet sein und deshalb der Drogenkriminalität den Rücken gekehrt haben, um sein Leben stattdessen Gott zu widmen. So zumindest stellt es Fitzgerald selbst dar – und so steht es in der Selbstbeschreibung von „Awakening Europe“, der von ihm gegründeten Freikirche, die sich zum Ziel gesetzt hat, „Europas Glauben wieder zu erwecken“. Auch Österreich haben Fitzgerald und sein Team im Visier.

24 Jahre später stehen zwei junge Herren am Eingang der U-Bahn-Station Heiligenstadt, wo sich auch die profil-Redaktion befindet. Sie sprechen Menschen, die nach der Arbeit in Richtung U-Bahn stürmen, auf Englisch an und fragen, wie sie das kommende Osterfest verbringen werden. Sie sind beide Anfang 20, groß, tragen weiße Sneaker, Jeans, Leinenhemden und Bomberjacken. Auch die Autorin dieses Textes wurde von den beiden angesprochen, hat ihnen aber erzählt, dass sie Atheistin ist und daher Ostern nicht feiern würde. Das Gespräch endet und so auch die Begegnung mit den beiden – bis es auf Instagram zu einem Wiedersehen kommt. Es stellt sich heraus: Die beiden sind Teil von „Awakening Europe“ und interessieren sich nicht nur für Ostertraditionen von Passanten, sondern versuchen sie auch von ihrer Bewegung zu überzeugen.

Kurz sei mit euch

In Österreich wurde die Bewegung im Juni 2019 einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als Ben Fitzgerald den damaligen ÖVP-Chef Sebastian Kurz zu einer Mega-Messe in der Wiener Stadthalle einlud und ihm seinen Segen gab: „Gott, wir danken dir so sehr für diesen Mann. Für die Weisheit, die du ihm gegeben hast.“ Es war kurz nach dem Ibiza-Skandal, der dafür sorgte, dass die damalige türkis-blaue Regierung kollabierte. Neuwahlen standen bevor und Österreich war gerade in Wahlkampfstimmung. Sebastian Kurz nutzte die Einladung von Fitzgerald, um fundamentalistische Wählerinnen und Wähler zu überzeugen – medial sorgte sein Auftritt bei den Evangelikalen für Kritik und Amüsement.

Nach der skurrilen Messe verstummte die Berichterstattung über „Awakening Europe“ für einige Jahre. 2023 zog Ben Fitzgerald schließlich in die deutsche Gemeinde Eimeldingen (Baden-Württemberg) und eröffnete die „Awakening Church“. Mit dem Ziel, in Europa mehr Menschen für seine Bewegung zu rekrutieren. Um in der „Church“ auch predigen zu dürfen, ließ sich der ehemalige Drogendealer bei der Bethel Church in der amerikanischen Stadt Redding (Kalifornien) zum Pastor ausbilden. Diese Kirche gehört der sogenannten neocharismatischen Pfingstbewegung an, sie fokussiert sich auf die Anwesenheit des Heiligen Geistes. Neocharismatiker wollen wie Jesus selbst leben – sie warten auf Wunder, lassen sich durch Handauflegen in Ekstase versetzen. In den USA sind neocharismatische Pfingstbewegungen weit verbreitet – das erkannten vor allem rechte Politiker wie Donald Trump, der in seinem Wahlkampf 2024 den Amerikanerinnen und Amerikanern versprach, die USA wieder näher an „christliche Werte“ zu bringen, sich in seinen Wahlkampfauftritten den Neocharismatikern annäherte und dadurch in manchen fundamentalistischen Bewegungen zu einer Messias-Figur wurde.

Geheilt durch „Awakening“?

„Awakening Europe“ verspricht vieles. Das Gefühl von Gemeinschaft, eine zweite Familie oder: das Heilen von Krankheiten. Eine Legende besagt, Pastor Ben Fitzgerald hätte 2021 in einer seiner Messen eine Frau scheinbar von Migräne „befreit“. Am 6. Juni findet im „Awakening Church“-Hauptquartier in Eimeldingen die nächste Messe statt, die sich dem Heilen von Krankheiten widmet. Ein ehemaliges Mitglied der „Awakening Church“ wirft Ben Fitzgerald in einem Interview mit der „Badischen Zeitung“ vor, ein Video mit seinem Bruder, der an einem Hirntumor verstorben ist, als Heilungsvideo inszeniert zu haben. Obwohl dieser nie durch Fitzgerald geheilt wurde – die Vorwürfe wurden von Fitzgerald zurückgewiesen.

Schwarz und weiß, gut und böse

Mitglieder der „Awakening Church“ nehmen die Bibel und alles, was darin steht, wörtlich. Das merkt man auch an ihrer Website, bei der jeder Punkt mit Zitaten aus der Bibel untermalt wird. Das bedeutet aber auch, dass alles, was nicht genauso in der Bibel steht, für die Mitglieder von „Awakening Europe“ automatisch böse ist. Zum Beispiel Abtreibungen, Homosexualität oder Andersgläubige. Sie versuchen ihre Mitglieder vor den „dunklen Kräften“ zu schützen und behaupten, diese würden etwa Depressionen und Süchte hervorrufen – nur durch Gebete können diese „Dämonen“ vertrieben werden.

In den Messen, die man online mitverfolgen kann, wird immer wieder vor einer „Woke“-Welle gewarnt. Harte, fundamentalistische Inhalte, verpackt in hippe Events, bei denen religiöse Lieder gesungen werden, die so wirken, als stammen sie aus einer Pop-Playlist. Eine Sache unterscheidet „Awakening Europe“ allerdings von einem Coldplay-Konzert: Die Anwesenden wirken so, als würden sie sich in einer Art Trance befinden. Sie wirken nicht ansprechbar, schütteln ihre Hände aggressiv, fallen zu Boden, schreien – die Evangelikalen nennen das „die Anwesenheit des Heiligen Geistes“.

Jung, hipp, radikal christlich?

Die Besucher der Messen sind meist jung, tragen Sneaker, Jeans, schönen Schmuck, sie sehen aus wie gewöhnliche Jugendliche. Auch die Social Media-Inhalte von „Awakening Europe“ oder der „Austria Mission“ – so heißt der Instagram-Kanal, auf dem die Rekrutierungsversuche während der Österreichreise dokumentiert wurden – sehen auf den ersten Blick aus wie die von hippen Influencern: Ihren multimedialen Auftritt hat die Bewegung perfektioniert.

Immer häufiger zeichnet sich ab, dass das Christentum – zumindest in bestimmten Milieus – vor allem bei jüngeren Menschen an Zuspruch gewinnt. In Österreich ist die Zahl der Kirchenaustritte 2025 erstmals zurückgegangen; auch die Gottesdienstbesuche haben wieder zugenommen. Einen ähnlichen Trend lässt sich bei der „Awakening Church“ beobachten: Ihre Veranstaltungen in Deutschland ziehen wachsende Besucherzahlen an, laut „Awakening Europe“ kommen mittlerweile Tausende Menschen zu ihren Messen – mitunter reisen Gläubige eigens aus dem Ausland an, etwa aus Österreich.

„Awakening Austria“?

Das Interesse aus Österreich möchte „Awakening Europe“ ausnutzen, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Dafür verantwortlich ist der Österreicher Marcel Fischer, der zwar gemeinsam mit seiner Frau mittlerweile nach Deutschland zog, um näher an der „Awakening Church“ zu sein, aber trotzdem Reisen und Events in Österreich organisiert.

So wie die „Austria Mission“ im April: Eine Gruppe junger Erwachsener bereiste österreichische Großstädte mit dem Auftrag, Menschen auf der Straße anzusprechen und für den Glauben zu gewinnen – unter anderem an der U4-Station Heiligenstadt. Gemeinsam mit Marcel Fischer wurden dabei auch Gottesdienste organisiert. Videos der Missionierungsversuche wurden auf dem Instagram-Kanal veröffentlicht, auf dem junge Anhänger enthusiastisch davon berichten, wie es ihnen gelungen ist, Menschen „von Jesus zu überzeugen“. profil fragte Fischer um ein Interview, bekam bis Redaktionsschluss allerdings keine Antwort.

In Deutschland ist die Gruppierung bereits hinlänglich bekannt. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hat „Awakening Europe“ unter anderem dafür kritisiert, den Heiligen Geist auf spektakuläre Erlebnisse zu reduzieren, ein dualistisches Weltbild zu verbreiten und theologischer Differenziertheit keinen Raum zu lassen. Bemängelt wurde auch die fehlende Einbindung und Nachsorge für „Neubekehrte“ oder Menschen, die eine Heilung erhoffen.

Auch nach dem Ende der „Austria Mission“ bleibt Österreich im Fokus von Ben Fitzgerald und seinem Team. Am 17. Mai trat Marcel Fischer in Wien als Gastredner auf und lädt seine Follower immer wieder dazu ein, nach Eimeldingen zu reisen oder sich die Livestreams der Messen anzusehen.

Weitere Wundergeschichten sind nur eine Frage der Zeit. Ihr Wahrheitsgehalt bleibt fraglich.

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.