Baroness-Sänger John Baizley: „Mit Slayer haben wir nichts zu tun”

Zwischen den Fronten: Die US-Rockband Baroness hat mit „Yellow & Green“ ein Album veröffentlicht, das gekonnt zwischen Mainstream und Underground changiert und von Kritikern gefeiert wurde. Mastermind John Baizley (2.v.l.) spricht vor dem Österreich-Konzert über veränderungsresistente Metal-Fans, den Vorwurf des Ausverkaufs und die schwierige Rückkehr nach der Tourbus-Katastrophe.

Interview: Philip Dulle

profil online: Letztes Jahr hatten Sie mit Ihrer Band Baroness einen folgeschweren Tourbus-Unfall in Großbritannien. Die Bandmitglieder wurden zum Teil schwer verletzt. Können Sie nachts wieder ruhig schlafen?
John Baizley: Vergessen werde ich es wohl nie. Traumatisiert war ich aber nur ein paar Wochen lang. Seit wir wieder auf Tournee sind, beschäftige ich mich gar nicht mehr damit. So eine Tour ist ein durchaus positives Ereignis.

profil online: Hat der Unfall Ihr Leben verändert?
Baizley: : Nicht nur mein Leben, das der ganzen Band. Jedes Mitglied musste sich erst klar werden, ob es das Risiko wert ist, ständig unterwegs zu sein.

profil online: Der Bassist der Band, Matt Maggioni, und Drummer Allen Blickle haben die Band nach dem Unfall verlassen.
Baizley: Ja, leider. Ich kann die Entscheidung aber gut verstehen. Wir haben Familien, leben in Beziehungen.

profil online: Für Sie wäre ein Band-Ausstieg keine Option gewesen?
Baizley: Für mich war es relativ einfach. Entweder du steigst bei der ersten Möglichkeit wieder in den Tourbus, oder du wirst ewig Angst davor haben. Für den Heilungsprozess war es das Beste, so schnell wie möglich wieder Konzerte zu buchen.

profil online: Sie mussten nach dem Unfall operiert werden. Fühlten Sie sich körperlich fit, wieder auf der Bühne zu stehen?
Baizley: Ist es nicht mehr eine Frage des Willens? Außerdem: Was sonst hätte ich tun sollen? Ich bin sehr dankbar, dass ich Musik machen kann. Der Schmerz, den ich noch immer in meinem Arm spüre, ist sehr konstant.

profil online: Auch Ihre Familie nimmt es Ihnen nicht übel, dass Sie wieder ständig auf Tour sind?
Baizley: Ich brauche die Musik, um glücklich zu sein. Meine Frau und meine Tochter wissen das ganz genau.

profil online: Wirken sich die neuen Bandmitglieder und die persönlichen Veränderungen auch auf die Musik aus?
Baizley: Das hoffe ich doch. Baroness war schon immer eine Band, die ihre Lebenserfahrungen in Songs verarbeitet hat. Es wäre nur logisch, wenn das nächste Album von diesen Ereignissen profitieren würde.

profil online: Bereits Ihr letztes Jahr veröffentlichtes Doppelalbum „Yellow & Green“ hatte weniger mit ihren Metal-Anfängen zu tun. Die Songs bewegen sich durchwegs im schwierigen Grenzland von Mainstream und Underground. Eine bewusste Entscheidung?
Baizley: Die Band existiert vor allem aus dem einen Grund, sich ständig weiterzuentwickeln. Lassen Sie mich es so erklären: Ein Album zwei Mal zu machen, wäre das Schlimmste, was dieser Band passieren könnte. Auch wenn man damit in Kauf nimmt, finanziell niemals wirklich erfolgreich zu sein.

profil online: Sie verwenden auch vermehrt Indierock-Einflüsse. Haben Sie nicht einen Gutteil Ihrer Fans vergrault?
Baizley: Ein Großteil unserer frühen Fans akzeptiert, dass wir uns ständig weiterentwickeln müssen. Dass es immer ein paar gibt, die nur die Demo-Tapes der ersten Stunde gut finden, muss man hinnehmen.

profil online: Eine Rückkehr zu Ihren härteren, aggressiveren Anfängen schließen Sie aus?
Baizley: Ausschließen möchte ich nichts. Aber die Musik, die wir vor acht oder neun Jahren eingespielt haben, ist auch aus einer dunkleren Phase meines Lebens.

profil online: Würden Sie Ihre Musik heute noch als Metal bezeichnen?
Baizley: Gegenfrage: Hat Baroness jemals Metal gemacht? Ich würde darauf mit nein antworten. Wir sind eben nicht wie ... Ach, lassen wir das lieber.

profil online: Sie legen sich nicht gerne fest?
Baizley: Wir kümmern uns nicht darum, irgendeinem Genre genügen zu müssen. Abgesehen davon: Wir sind große Metal-Fans. Aufgewachsen sind wir aber mit Punkrock und Hardcore; hauptsächlich schnelle, aggressive Songs. Wir leihen uns immer wieder Metal-Elemente, aber das macht uns nicht automatisch zu einer Metal-Band.

profil online: Den Vorwurf des Ausverkaufs mussten Sie sich dennoch schon öfters gefallen lassen.
Baizley: Hier ist die Wahrheit. Sie können mir glauben, oder auch nicht. Wenn wir es wirklich nur auf das Geld abgesehen hätten, dann wäre es einfach gewesen, das Konzept des vorletzten Albums („Blue Record“, 2009) nochmals zu kopieren und vielleicht ein wenig besser zu machen. Bei unserem aktuellen Album waren wir uns in keiner Weise sicher, ob es sich verkaufen würde. Uns war klar, dass wir womöglich mehr Fans vergraulen würden, als das wir dazuzugewinnen würden.

profil online: Wird es Ihnen manchmal zu eng unter Metal-Fans?
Baizley: Es ist eine kleine, äußerst kritische Welt. Es ist nicht schwer, eine Gruppe von Metal-Fans zu unterhalten. Ich sehe es aber als großen Erfolg an, wenn zu unseren Shows auch Menschen kommen, die mit Metal sonst eher wenig anfangen können.

profil online: Lassen Sie uns das Thema wechseln...
Baizley: Eines möchte ich dazu noch sagen: Slayer zum Beispiel hat viel mehr Alben verkauft, als es Baroness jemals schaffen wird. Und das mit Musik, die sehr aggressiv ist. Man kann also sagen, Slayer haben sich verkauft! Wir haben kein großes Label, wir veröffentlichten nicht jedes Jahr das gleiche Album. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag Slayer, ich mag Motörhead. Dazugehören tun wir aber nicht.

profil online: Sie selbst kommen aus Savannah, Georgia. Können Sie mir erklären, warum einige der besten progressiven Rock-Bands, wie Mastodon oder Kylesa, aus den amerikanischen Südstaaten kommen?
Baizley: Ich habe nur eine Theorie. In den Südstaaten wird grundsätzlich weniger getourt als im Rest der USA. Die meisten Bands präferieren den Nordosten; also New York, Philadelphia, Washington D.C., Boston. Man kann viel lukrativere Shows spielen, wenn man nach Chicago oder Los Angeles geht. In den Südstaaten – aber auch in Texas, hat sich dadurch eine eigenständige, kreative Szene entwickelt, die es wenig kümmert, was der Rest der USA macht. Die Bands hier im Süden helfen sich gegenseitig. Wir spielen zusammen, sind befreundet.

profil online: Sie gestalten nicht nur die Plattencover Ihrer eigenen Band, sondern designen auch für andere Künstler. Bauen Sie sich ein zweites Standbein auf?
Baizley: Es ist vielmehr eine Möglichkeit, mich selbst zu verwirklichen. Ich male schon immer . Ich bin in der glücklichen Position, meine zwei Leidenschaften miteinander zu verbinden.

profil online: Sie entspannen bei Musik und Malerei?
Baizley: Ja, definitiv. Es gibt mir eine Bestimmung und ein Ziel. Außerdem ist das kreative Arbeiten wie ein täglicher Befreiungsschlag. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie stressig mein Leben zwischen Familie, Band und Tour gelegentlich sein kann.

profil online: Eines Ihrer letzten grafischen Werke ist ein Tribute des Metallica-Klassikers „The Four Horsemen“. Hatte die Band einen großen Einfluss auf Ihre musikalische Sozialisierung?
Baizley: Metallica war definitiv die erste Metal-Band, für die ich mich begeistern konnte. Zuvor gab es für mich nur Punkrock. Metallica war eine Band, die gut zwischen den Genres vermitteln konnte, bei der es auch darum ging, mal einfach die Sau rauszulassen.

John Baizley und Baroness gastieren am 13. Oktober live in der Wiener Arena.