Als du in eurem Vier-Millionen-Dollar-Ferienhaus auf Martha’s Vine-yard (bekannt als elitäre Ferienlocation der New Yorker Upperclass, hier chillt auch der Kennedy-Clan) im März 2020 wegen der Corona-Krise einen Luxus-Lockdown mit deiner Familie absolvierst, genießt du die Zeit ohne Stress, die Geborgenheit langer gemeinsamer Essen am Küchentisch und Filmabende vor dem Kamin.Und dann läutet das Telefon.Eine unbekannte Nummer, die du auf die Mailbox springen lässt. Beim späteren Abhören sagt die Stimme: „Hallo! Meine Frau hat eine Affäre mit Ihrem Mann.“ „Oh“, sagt dein Ehemann, mit dieser Nachricht konfrontiert, und fügt schnell hinzu: „Ich liebe dich und nur dich.“ Und dann kommen zwei dieser üblichen Sätze: „Es hat keine Bedeutung. Und es ist längst vorbei.“ Man kennt derlei Phrasen aus Filmen, Romanen, Popsongs, aus dem Bekanntenkreis – und im schlimmsten Fall aus dem eigenen Leben: „Es ist nicht das, was du denkst.“ „Es hat nichts mit dir zu tun.“ „Es war eine einmalige Angelegenheit.“ „Es war nur Sex.“
Im Fall von Belle Burden kam die Keule, die ihr perfektes Leben in Trümmer schlug, als ihr Ehemann sie am Morgen danach „mit einer nie vorher gesehenen Kälte in seinem Blick“ wissen ließ: „Ich will die Scheidung.“ Zusatz: „Du kannst die Kinder haben.“ Sprachs und haute nach New York ab. Tauchstation. Keine Rückrufe, keine SMS, keine Erklärungen.
Jetzt könnte man anmerken: Wie langweilig! Eine Geschichte, komplett alltäglich ungefähr seit der Sesshaftwerdung des Menschen (minus dem Ostküsten-Glamour natürlich). Und dennoch hat das Buch „Strangers“ (auf Deutsch ab 12. August unter dem Titel „Fremde“ bei Luchterhand) seit seiner Veröffentlichung Anfang des Jahres in den USA eine riesige Debatte ausgelöst. Das Buch, in dem Burden die authentische Geschichte vom Scheitern ihres Lebenstraums erzählt – inklusive der Erkenntnis, dass der Mann an ihrem Tisch und in ihrem Bett innerhalb weniger Stunden zu einem total Fremden mutierte –, traf den Lebensnerv von Millionen Ehefrauen, die auf ähnliche Art abgeliebt und entsorgt wurden. Es löste eine Art „Me-too“-Effekt aus, denn egal, ob im schäbigen Suburbia-Plattenbau oder im Park-Avenue-Penthouse, solche Demütigungen wurden schon millionenfach erlebt.
Schmerzhafte Offenheit
Kaum ein renommierter Podcast (von Oprah Winfrey abwärts), in dem Belle Burden nicht in aller schmerzhaften Offenheit vom demütigenden Gefühl erzählt hat, betrogen worden zu sein – nicht nur mit einer anderen Frau, sondern auch um ihr ganzes bisheriges Leben, das sich doch eigentlich so richtig angefühlt hatte. Über 20 Wochen hielt sich „Strangers“ auf dem ersten Platz der Bestsellerliste der „New York Times“. Einen ähnlichen Empathie-Orkan hatte zuvor nur die später so tragisch verunfallte Prinzessin von Wales ausgelöst: Als Lady Diana 1994 in einem BBC-Interview mit ihrem Signature-Blick des verwundeten Rehs bekannt gab, eigentlich immer „eine Ehe zu dritt“ geführt zu haben (womit sie sich auf ihren Mann Prinz Charles und dessen ewige Zweitfrau Camilla Parker Bowles bezog), sackten die Umfragewerte des britischen Königshauses in Richtung Absturzgefahr ab.
Netflix gewann den millionenschweren Bieter-Krieg um die Filmrechte an „Strangers“. Gwyneth Paltrow, selbst scheidungsgeprüft mit ihrem Ex, dem Coldplay-Frontmann Chris Martin, Vater ihrer beiden Kinder Moses und Apple, wird produzieren und die Rolle der Belle Burden auch selbst spielen. Im Gegensatz zu vielen anderen Celebrity-Paaren, die ihre Trennungen zu öffentlichen Schlammschlachten ausarten ließen, schaffte das Duo Paltrow und Martin eine saubere Scheidung hinter verschlossenen Türen. Dramatisches Gegenbeispiel: Johnny Depp und Amber Heard, die 2022, vier Jahre nach ihrer eigentlichen Scheidung, im Gerichtssaal einen Verleumdungsprozess miteinander ausfochten, der die Öffentlichkeit durch seine tägliche TV-Übertragung zu einer voyeuristischen Glaubensgemeinschaft zusammenwachsen ließ.
Der Triumphzug von „Strangers“, der Belle Burden in der Öffentlichkeit vom Pannenstreifen des Opfers auf die Überholspur des Lifestyle-Stars brachte, wurde durch eine Kritik des „New Yorker“ nur kurz gestört. Das Magazin bemängelte, dass Burden, eine millionenschwere Familienstiftungs-Nutznießerin, sich in ihrem Buch als finanzielle Trümmerfrau skizziert hatte. Der Vorwurf lief insofern ins Leere, als dass Burdens Ehemann über Jahre hinweg berufliche Gewinne heimlich gebunkert und nicht ins eheliche Vermögen eingebracht hatte. Dass ein solches Verfahren legitim sei, hatte er seiner damals Zukünftigen knapp vor der Hochzeit noch durch einen Passus im Ehevertrag untergejubelt. Eheverträge unterscheiden sich im österreichischen Recht prinzipiell von jenen in US-Judikatur: Hier dürfen gesetzliche Vorgaben nicht durch eine solche private Regelung ausgehebelt werden, was in den USA (abhängig von den einzelnen Bundesstaaten) durchaus möglich ist.
Exit-Szenarios aus heiterem Himmel
Österreichische Scheidungsanwältinnen wie Helene Klaar schätzen, dass ein Großteil der Scheidungsverfahren hierzulande von Frauen eingeleitet werden. Mit dem geschlechtsspezifischen Unterschied, dass Frauen vor allem gehen, wenn sie sich überlastet und bei der Kinder- und Haushaltsorganisation von ihrem Partner alleingelassen fühlen: „Frauen trennen sich häufig dann, wenn sie den Couchpotato in ihrem Wohnzimmer nicht mehr ertragen können“, so Klaar. Oft kommen solche Exit-Szenarios für den Partner aus heiterem Himmel. Männer verlassen ihre Ehefrauen dagegen eher dann, so Helene Klaar, „wenn bereits eine neue Hemdenbüglerin in der Warteschleife kreist“.
Ein langjähriges Doppelleben, wie es etwa auch das US-republikanische Aushängeschild für Familiensinn, Hollywood-„Eiche“ Arnold Schwarzenegger, einst betrieben hat, ist durchaus keine Seltenheit. Der gebürtige Steirer gestand seiner Ehefrau Maria Shriver während einer Paartherapie, dass er einen 13-jährigen Sohn mit der Haushälterin des Paars hat. Der heute 28-jährige Joseph ist ebenfalls ein erfolgreicher Bodybuilder. Die Lebensberaterin Hannelore Romfeld, die seit 14 Jahren im Rahmen des Sozialfonds Wien die Selbsthilfegruppe „Frauen in Trennung“ leitet, beobachtet, „dass Männer, die eine oft langjährige außereheliche Beziehung führen, wenig Leidensdruck verspüren, doppelgleisig zu fahren. Und oft erst, wenn die Frauen sie zu einer Entscheidung zwingen, agieren.“
Die Gesamtscheidungsrate geht in Österreich seit einigen Jahren leicht zurück, ihren statistischen Höchststand erreichte sie im Jahr 2007 mit fast 50 Prozent. 2025 pendelte sie sich bei 36,5 Prozent ein, was einen leichten Zuwachs von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Dass die Trennungstendenzen in den vergangenen 20 Jahren generell stark zurückgegangen sind, ist mehr mit den vielfachen Wirtschaftskrisen und der damit verbundenen Verunsicherung zu erklären als mit einem Revival der Liebe oder einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte.
Zu welchen Deeskalationsmaßnahmen raten Profis? Psychologen, Mediatoren und Familienanwälte raten zu einer Abkühlphase, wenn die Emotionen verhärtet sind und Gespräche nur mehr in Abwertungs- und Vorwurfsspiralen enden. Ein Partner sollte den gemeinsamen Haushalt im Idealfall für eine Weile verlassen, ehe man sich an den Verhandlungstisch setzt. Für ihre Klienten hat die Wiener Scheidungsanwältin Andrea Wukovits bei Scheidungsverfahren geschlechtsspezifische Strategien entwickelt: „Frauen schicke ich möglichst schnell vor Gericht.
Dort sind sie sicherer. Denn sobald der Trennungsprozess eine Amtlichkeit erreicht hat, wirkt das auf aufgebrachte Männer deeskalierend. Da hören dann Psychoterror und Gewalt sehr schnell wieder auf.“ Männern rät sie, eine Mediation zu besuchen: „Besonders bei punktuellen Problemen, etwa beim Besuchsrecht, kann Mediation sehr viel leisten. Die Voraussetzung für das Gelingen ist jedoch die Bereitschaft von beiden, aktiv an einer Regelung mitzuarbeiten.“ Im Bestfall endet ein solcher Mediationsprozess mit einer außergerichtlichen Einigung. Im Fall von Unterhalts- oder Vermögensstreitigkeiten hat sich für Wukovits die Mediation dagegen nicht bewährt, weil kaum jemand in einem solchen Setting wahrheitsgemäß seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse offenlege: „Dafür ist das Gericht der viel bessere Austragungsort.“
Auch der Umgang mit Seitensprüngen ist geschlechtsspezifisch verschieden, weiß Helene Klaar aus jahrzehntelanger Erfahrung: „Frauen agieren da erstaunlicherweise weitaus pragmatischer. Ich hatte eine Klientin, die neben ihrer Ehe einen Freund hatte. Als der Mann, der auch immer wieder Affären hatte, ihr draufkam, ließ er sich mit Triumphgeheul scheiden. Das hat sie nicht verstanden. Für sie wäre das gar kein Grund gewesen.“ Das Mantra, das Klaar ihrer Kundschaft stets eintrichtert, lautet: „Den Adonis oder die Märchenprinzessin vor einer Scheidung einfrieren und erst danach wieder auftauen.“ Ihr zweiter Glaubenssatz: „Hausfrauen fallen bei einer Scheidung ins sichere Verderben.“
Das „Beichten außerehelicher Sünden“, schreibt die Psychiaterin Heidi Kastner in ihrem Buch „Tatort Trennung“, „ist eine entbehrliche Übung – sollte es sich um Affären handeln, die mit wenig emotionalem Engagement abgehandelt werden“. Krank mache die Haltung des oder der Betrogenen, „die Seitensprünge nur scheinbar zu verzeihen, aber sie dann doch bei jeder Gelegenheit dem anderen vorzuhalten“.
Rettungsversuche in Form einer Paartherapie sind bloß leere Kilometer, wenn einer oder eine der beiden sich schon emotional ausgeklinkt hat, erklärt die Ärztin und Paartherapeutin Claudia Wille-Helbich im profil-Gespräch: „Wenn ein Partner sich bereits innerlich verabschiedet, aber noch nicht den Mut gefunden hat, die Trennung tatsächlich auszusprechen, tritt man auf der Stelle. Als Therapeut findet man eine solche innerliche Kündigung aber meist schnell heraus.“