Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

Gesellschaft
03/24/2021

#brodnig: Appsurder Alltag

Toll an TikTok ist, dass manche Videos der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.

von Ingrid Brodnig

Es ist unglaublich schwierig, Menschen, die nicht auf TikTok sind, diese Plattform zu erklären. TikTok ist eine App, in der sich eine eigene Art von Humor entwickelt hat: In vielen Videos stellen Menschen typische Alltagsszenen nach, spielen dabei fiktive Charaktere und zeigen, wie absurd oder auch berechenbar unser Alltag ist. Der deutsche TikToker Karim Jamal mimt gerne berufliche Klischees: Er posiert als schlecht gelaunter Lehrer und sagt Sätze wie: „Schhhhh … Haben wir’s dann? Also der Lautstärke nach müsstet ihr alle schon fertig sein!“ Oder: „Privatgespräche bitte in der Pause weiterführen. Ich muss das hier nicht machen. Ich kann das schon!“

Wenn ich solche Videos sehe, fühle ich mich in meine eigene Schulzeit zurückversetzt – und man merkt, wie viel wir Menschen klischeehaft kommunizieren. Dieses überstilisierte Darstellen von Alltagssituationen bietet auch die Chance, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten: Sehr gut macht das die österreichische TikTokerin „Toxische Pommes“. Sie ist Juristin, thematisiert zum Beispiel das Aufwachsen in einer Balkan-Familie verglichen mit dem Aufwachsen in einer bürgerlichen „autochthonen“ österreichischen Familie.

Anschaulich bringt sie auch die Doppelmoral von Bildungsbürgern auf den Punkt: Zum Beispiel spielt sie einen Typen namens Lorenz (arbeitet an der Uni, politisch links). Lorenz sagt Sätze wie: „Also ich persönlich gendere all meine Texte. Ich glaube, das ist ein sehr wichtiger Schritt in Richtung Gendergleichheit.“ Aber auf Nachfrage erklärt Lorenz dann auch: „Warum nur meine Freundin in Karenz geht und ich nicht? Also ich hab gerade eine Stelle, die ich nicht so leicht wiederbekomme …“

Gute TikToker erwecken mit ihrer Mimik und Gestik solche fiktiven Figuren zum Leben. Wir alle kennen jemanden wie Lorenz, der glaubt, aufgeschlossen zu sein,  aber spießig ist. Wenn man also näher hinschaut, findet man auf TikTok nicht nur Klamauk, sondern ebenso clevere gesellschaftliche Satire.

Und Diversität sieht man auch: Einige erfolgreiche TikToker haben Migrationshintergrund oder sind schwul/lesbisch/bisexuell. Sie sprechen Themen an, die sie beschäftigen, sie bilden in ihren Videos eine diverse Gesellschaft ab, die wir in anderen Medien oft nicht so gut gezeigt bekommen.

Was denken Sie darüber? Schreiben Sie mir unter [email protected]!

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