Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

Gesellschaft
10/15/2020

#brodnig: Bitte lesen!

Twitter will verhindern, dass User Nachrichten teilen, ohne sie jemals angeklickt zu haben.

von Ingrid Brodnig

Ein Problem im Internet ist ja, dass User häufig Artikel verbreiten, die zwar eine reißerische Überschrift, aber womöglich wenig Substanz haben. Man muss sogar davon ausgehen, dass Menschen häufig Texte teilen, die sie nicht einmal gelesen haben. Darauf deutet eine Studie hin, die schon ein paar Jahre alt ist. Der Informatiker Maksym Gabielkov und seine Kollegen untersuchten die Verbreitung von Nachrichten auf Twitter. Sie kamen zum Ergebnis: 59 Prozent der Links, die auf Twitter geteilt wurden, wurden gar nicht angeklickt. Es scheint so zu sein, dass Leute oftmals auf "Teilen" oder "Retweeten" klicken, ohne sich zuvor die Mühe gemacht zu haben, den dazugehörigen Text überhaupt aufzurufen, geschweige denn zu lesen.

Gerade unseriöse Akteure können von solchen Mechanismen profitieren: Sie produzieren knackige Überschriften, die Leute zum impulsiven Verbreiten der Nachricht motivieren-ob der Inhalt tatsächlich stimmt und die Meldung sorgfältig recherchiert wurde, sehen viele gar nicht, weil sie den Artikel ja nicht öffneten. Eine gute Neuigkeit ist aber: Twitter will User von solchen impulsiven Retweets abhalten. Wer auf Teilen klickt, ohne den Link zuvor aufgerufen zu haben, kriegt einen Warnhinweis. Ein Pop-up erklärt, dass Überschriften nicht die ganze Geschichte erzählen und dass man den Link auch anklicken kann, ehe man ihn teilt. Das Ganze dient als freundliche Erinnerung-natürlich kann jeder weiterhin den Text teilen, auch wenn er nicht daraufklickt. Eine erste Testphase erzielte gute Resultate: Wenn Leute den Warnhinweis eingeblendet bekamen, klickten sie um 40 Prozent öfter auf den Link. Twitter will diese Funktion bald auf alle User weltweit ausdehnen.

Manche mögen es absurd finden, dass ein solcher Warnhinweis überhaupt notwendig ist. Aber die Realität ist einfach, dass soziale Medien Orte sind, an denen impulsiv kommuniziert wird: Leute teilen, was ihnen gefällt oder was sie aufregt-und nicht immer schaut man dabei genau hin. Dass allein das Einblenden eines Pop-ups dazu beitragen kann, dass Menschen doch etwas nüchterner und reflektierter kommunizieren, ist eine spannende Erkenntnis. Da erscheint es mir nur vernünftig, wenn digitale Plattformen solche neuen Sicherheitsfunktionen einführen.
 

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